Warum ich eure Geschichten lesen will

Ich war Teilnehmerin einer Schreibwerkstatt für Migranten und war mir sicher, ich würde dort nur meinesgleichen treffen. Einige hier geboren, andere dazugekommen, Familienzusammenführung, Hoffnungen von Gastarbeitern, Kinder der zweiten oder dritten Generation und alle mit einem Namen, den man buchstabieren musste, weil sie nicht Michael Schmitz hießen.

Koffer

Clara Diercks / pixelio.de

Und so ging es auch zunächst durch die Reihen, Ricardo aus Italien, Janez aus Slowenien, Emine aus der Türkei, bis…ja, bis plötzlich Böhmen fiel. Und Schlesien. Und ich begriff, dass da lauter Deutsche vor mir saßen. Was hatten die schon zu erzählen! Ich bin hier die Migrantin, der Flüchtling, dachte ich, ich will einmal das Vorrecht auf etwas haben. Heimweh, Sehnsucht, Zerrissenheit, Flucht, Verwirrung, Entfremdung, das ist mein Element! Die Deutschen, das sind die anderen, die sitzen nicht in Migrantenkursen sondern da draußen am längeren Hebel. Lehrer, Freunde, Schulkameraden, immer ein deutsches Gegenüber, sehr nett sogar, aber keiner von ihnen weiß von meinem Doppelleben. Dachte ich. Bis eine der älteren Damen anfing zu erzählen. Sie war frisiert und fein geschminkt und ihr Akzent lag mir quer in den Ohren, weil sie kein Schwäbisch sprach – und doch war sie Deutsche.

Sie erzählte von diesem Tag, als man sie auf diesen Wagen karrt und sie gerade noch ihre Puppe greifen kann. Sie muss furchtbar pinkeln, traut sich aber nicht, weil man zum Pinkeln nicht anhalten darf und es nur einen Eimer in einer Ecke gibt, der fürchterlich riecht. Sie ist sechs Jahre alt und kann vor den Augen der vielen Erwachsenen, die neben ihr noch auf der Ladefläche sitzen, nicht pinkeln. Sie hat Heimweh zurück und Angst nach vorn und dazwischen blickt sie verwirrt um sich.

Das reicht, denke ich. Ich habe ein schlechtes Gewissen und schrumpfe ein bisschen in meiner Demut. Und dann überkommt mich das Gefühl, diesem Mädchen die Hand zu geben. Ich hatte geirrt und hatte doch Recht. Ich war meinesgleichen begegnet.

Die Dame kam kein zweites Mal in die Werkstatt. Unsere Mentorin sagte, dass es für manche doch zu schmerzhaft geworden sei, von sich zu erzählen.

Seitdem bin ich süchtig nach dem Stückchen Selbst, das ich in den Geschichten anderer finde. Seitdem will ich nur noch meine Hand weggeben.

 

Über akrizano

Ein Stückwerk aus kroatischen Eltern, bosnischen Wurzeln und schwäbischen Spätzla, weit gereiste und unerschrockene Geschichtenerzählerin
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7 Antworten auf Warum ich eure Geschichten lesen will

  1. Peter Leichsenring sagt:

    Sehr geehrte Frau Berg,
    erst heute las ich Ihren Beitrag vom 23.8.2013.
    Meine Mutter stammt aus Michelsburg in der Ukraine und ist 1990 verstorben.
    Ihr Mädchenname war Maria Warkentin, und sie kam mit einem deutschen
    Offizier als Haushaltshilfe 1944 nach Deutschland.Sie hat mir viel über Michelsburg erzählt, und so konnte ich per Google-Earth den heutigen Ort finden.
    Ich bin mir weitestgehend sicher, daß ich richtig liege mit der Vermutung, daß
    Michelsburg heute Mykhailivka heißt.Es liegt ca. 3 km vom Dnepr entfernt und die nächsten größeren Ortschaften sind Saporoshez und Nikopol.

    Ich würde mich freuen, dazu Ihre Meinung zu erfahren.

    Mit lieben Grüßen
    Peter Leichsenring

    • Rene sagt:

      Sehr geehrter Herr Leichsenring,

      ich bin vor kurzem in der Ortschaft Michelsburg/Mykhailivka gewesen und für meine Frau dort auf Ahnenforschung gegangen.
      Die von Ihnen in ihrer email beschriebene Lage der Ortschaft ist zutreffend und auch der Familienname Warkentin ist auf einer Internetseite zu der Ortschaft gelistet.
      http://chort.square7.ch/MbK.htm

      Mit besten Grüßen

  2. Pingback: die erste Seite | tezere

  3. Regina Boger sagt:

    Liebe Irina,
    angesichts der Geschichte deiner Tante relativiert sich doch vieles, was man selbst als unerträglich erlebt hat. Und das beste: Tante Neta hat sich von allem Unglück nicht brechen lassen – sie lebt vergnügt! Damit ist sie für mich eine Heldin, von deren Geschichte ich noch mehr hören würde. Meinst du, sie gibt doch noch etwas preis?
    Herzlichst
    Regina

  4. Liebe akrizano, liebe Irina und lieber Suresh,

    ich fange mal mit Suresh an. Ja. Leider gibt es solche Menschen, die hasserfüllt und ohne Wimpernzucken andere Menschen vernichten können und es gibt viele Arten, so etwas zu tun. Für viele andere, auch für mich, ist so etwas fast unvorstellbar. Dennoch können wir „so etwas“ oftmals nicht einmal erkennen, auch wenn neben uns eine Grausamkeit stattfindet.

    Irina, deine „Antwort“ auf akrizanos Geschichte ist derart aussagekräftig, dass sie eigentlich keines Kommentars bedürfte, außer, dass du sie unbedingt als eigenständige Geschichte (vielleicht mit einem kleinen Vorwort) auf deiner Autorenseite veröffentlichten solltest. Sie ist es wert.

    Akrizano, wie oft haben wir schon einmal den Satz gehört: „Jeder hat sein Päckchen zu tragen“. Früher habe ich diese Worte ein wenig mitleidig als Phrase belächelt. Heute weiß ich, dass es eine sehr gute Umschreibung für einen Zustand ist, der uns mehr oder weniger quält.

    Ein Päckchen ist unterschiedlich schwer, das weiß jeder, und jeder kann nachvollziehen, dass ein Mensch, der ein großes Päckchen zu tragen hat, viel mehr damit belastet sein muss, als einer, der nur ein winziges Päckchen sein eigen nennt. So wie die Päckchen unterschiedlich sind, sind es auch ihre Inhaber, wir. Deshalb könnte so ein winziges Päckchen einen bärenstarken Menschen fast erdrücken.

    Es kommt aber nicht auf die Schwere an, sondern auf das, was der Mensch, der Träger dieses Päckchens, damit verbindet. Für die Außenstehenden mag es lächerlich aussehen und völlig unverständlich scheinen, wie ein „Hüne von Mensch“ unter einer „Kleinigkeit von Sorge“ fast zusammen bricht. Nur der „Hüne von Mensch“ kann beurteilen, wie sehr ihn sein Päckchen belastet.

    Daher habe ich mir angewöhnt, die Sorgen und Nöte anderer Menschen immer ernst zu nehmen, ganz gleich, wie ich diese für mich selber begreife.

    Deine Geschichte zeigt uns sehr deutlich, dass wir unsere Mit-Menschen brauchen. Sind sie doch oft ein Spiegel unserer Seele! Bei anderen erkennen wir nämlich das Leid, das wir uns selber nicht zugestehen wollen oder können.

    Liebe Grüße
    Dietlinde

  5. suresh sagt:

    Liebe Irina,
    ist es eine wahre Geschichte?

    Die ‚Neta‘ aus der Geschichte ‚Das Leben am See

    Ich kann es mir nicht vorstellen, dass die Menschen so teuflisch sein können.
    und dass ein Mensch eine solche schrecklich psychische und physische Tortur aushalten bzw. überleben kann.
    Diese Geschichte macht mich sehr nachdenklich und traurig zu gleich.
    Herzlichst
    Suresh

  6. akrizano sagt:

    Mein Gott, Irina.

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