Verregnet, aber solide

Als ich neunjährig an diesem verregneten Stuttgarter Busbahnhof ausstieg, hatte ich bereits alle Angstreserven angezapft und aufgebraucht. Bis dahin war ich recht verschwenderisch mit der Angst umgegangen, ob sie nun begründet, staatlich angeordnet oder völliger Mumpitz war.

SauAls noch Frieden herrschte, leisteten wir uns den Luxus, uns vor völlig unsinnigen Dingen zu fürchten. Ich hatte Angst vor wild gewordenen Muttersäuen, meine Mutter hatte Angst vor kleinen Hunden und ein Cousin hatte Angst, dass man ihm den Blinddarm vielleicht noch ein zweites Mal heraus nimmt. Ich hatte Angst vor den langen Fingernägeln einer Tante, weil ich bei den Gebrüder Grimm mal irgendwo gelesen hatte, dass nur Hexen lange Fingernägel hatten. Ich hatte Angst vor Wölfen, Füchsen und ominösen Todeswespen, die einem nach dem dritten Einstich den sicheren Tod brachten. Mit 7 Jahren zitterte ich vor dem schrecklichen Tod durch Lungen- und Hirnhautentzündung, wahlweise auch durch Spanische Influenza, denn die Erwachsenen wurden nicht müde, uns Kindern von furchtbaren Epidemien zu berichten, die komischerweise alle immer nur das Nachbarsdorf dahingerafft hatten.

Dann hatte man sich, katholisch wie man war, vor dem Teufel zu fürchten. Wenn man ihn nämlich beim Namen nannte, ließ er einen 40 Tage lang nicht wachsen. Vor Gott hatte man sich auch zu fürchten, denn das machte einen ganz natürlich zu einem besseren Menschen. Meine Großmutter fürchtete das Fegefeuer, rechnete sich aber aus, dass sie um einen mehrstündigen Aufenthalt dort wohl nicht würde herumkommen können. Alle jedoch hatten Angst vor dem bösen Blick und ebensolchen Frauen, deren Bann Äcker, Ziegen und Menschen unfruchtbar werden ließ.

Und dann gab es da noch die von oberster Stelle verordnete Angst, der man den Weg bereits in den Heimat- und Sachkundebüchern der ersten Grundschulklasse ebnete. So erzählte uns unser gütiger Landesvater, dass wir uns vor der ganzen Welt, vor allem vor den Italienern, Österreichern und Bulgaren, nicht aber vor den Russen fürchten sollten. Nur die Kanonen unserer siegreichen Volksarmee stünden zwischen uns und den hungrigen, zähnefletschenden Horden, die praktisch jederzeit in unser Land einfallen könnten. Vor den Deutschen hatten die Erstklässler am meisten Angst, weil sie in unseren Schulbüchern als notorische Unruhestifter galten. Zudem hatten sie bleiche Gesichter, blutunterlaufene Augen und sie schauten immer so böse.

Ich aber fürchtete mich am meisten vor der Polizei, die mich oder meine Eltern oder meine Schwester eines Tages holen könnte. Meine Onkel machten sich dann einen Spaß daraus, den Telefonhörer abzunehmen und so zu tun, als ob sie der Polizei berichteten, dass ich unartig war. Später hatte ich Angst vor Uniformen und Sondernachrichten im Fernsehen, die vielleicht berichten könnten, dass man unsere Stadt eingenommen hat. Dann hatte ich Angst vor dem Sirenengeheul, das einen nachts aus dem Bett jagte und durch die kalte, nasse Nacht in den Bunker rennen ließ.

GallierAls ich also neunjährig an diesem verregneten Stuttgarter Busbahnhof ausstieg, war da keine Angst mehr übrig, die ich hätte haben können. Ich hatte ja schon vor allem mal Angst gehabt, vor Muttersäuen und der Polizei, vor langen Fingernägeln und Sirenengeheul. Ich war ein neunjähriger Gallier, dem nur noch der Himmel auf den Kopf fallen konnte. Und der Himmel über Deutschland war zwar verregnet, aber solide. Die Angst eines ganzen Menschenalters in neun Jahren aufgebraucht, konnte ich nur noch staunen. (akrizano, 29.12.2009)

Über akrizano

Ein Stückwerk aus kroatischen Eltern, bosnischen Wurzeln und schwäbischen Spätzla, weit gereiste und unerschrockene Geschichtenerzählerin
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3 Antworten auf Verregnet, aber solide

  1. akrizano sagt:

    Wenn man einmal etwas überlebt oder überstanden hat, ist das Überstandene im Idealfall eine Quelle unendlicher schöpferischer Betriebsamkeit. Es ist wie einen ganzen Satz an neuen Farben auf seiner Farbpalette zu bekommen. Ich habe keine Angst, mit „Krieg“ zu malen oder mit „Verlust“. Nur vermische ich das immer mit Humor. Macht die Farbe interessanter.

    Dein Kommentar, Irina, ist eines wissenschaftlichen Essays wert. Und ich danke dir, dass du dir so viele Gedanken darüber gemacht hast. Über deine Geschichten könnte ich auch ganze Aufsätze kommentieren (was ich ja zum Teil schon mache)…lieben Gruß und danke für jedes Wort! Andelka

  2. Irina Berg sagt:

    In der Psychiatrie und in der Arbeit mit „Angspatienten“ beobachtete ich, wie die Vermeidung von Angst die Menschen apathisch und abhängig machte.
    Auch manche Psychiater blieben in ihrer „Abgrenzung“ hängen indem sie durch ihre abwertende Überheblichkeit es peinlichst vermieden durch das, was ihre Patienten ihnen spiegelten, in Berührung mit den eigenen menschlichen Abgründen zu geraten.
    Aus dieser „Angst vor der Angst“ entstand Leid, Hilflosigkeiten (und auch Gewalt) auf beiden Seiten, lauter destruktives Zeug. Für kreative Problemlösungen und Entwicklung gab es da auf diese Weise keinen Platz…
    Stellten sich die Menschen jedoch ihrer Angst und Unsicherheit – machte sie dies frei, integer und ungeheur kreativ.
    Ich denke nicht, dass du dein Angstkonto schon als Kind aufbrauchtest, für mich klingt das eher nach Resilienz.
    Resiliente Menschen stellen sich ihren Ängsten, bewältigen sie und werden dadurch reifer, kompetenter und unglaublich kreativ.
    Ich bin ein leidenschaftlicher Fan von Therapie: ein schmerzlicher Prozess, der am Ende mutig und die Ansammlung von lähmenden Leids unmöglich macht.
    Persönlich machte ich die Erfahrung über meine von mir „weggesteckten“ Ängste, dass diese sich als schwere eisige Klumpen in meinem Herzen einrichteten, mein Herz wurde davon immer enger und kälter…
    Als ich mit ca. 20 Jahren begann, diese inzwischen fest verrammelten Kammern meines Herzens aufzubrechen, verwandelten sich die versteinerten Eisklumpen in Tränen und flossen davon.
    Seitdem heule ich oft und heftig, wenn mir etwas Angst macht oder weh tut.
    Das ist für meine Mitmenschen manchmal unbequem.
    Du hast anscheinend von vornherein entschieden, deine Ängste nicht anzusammeln, sondern zu verbrauchen, hier und auf der Stelle.
    Deshalb schreibst du so blumig und kreativ, erzählst uns von Kriegserlebnissen, von denen andere lernten sie zähneknirschend „wegzustecken“, um dann womöglich im dementen Zustand am Ende ihrer Leben damit emotional inkontinent zu werden.
    Danke für deinen Mut!

    • suresh sagt:

      Irina Berg schrieb: Resiliente Menschen stellen sich ihren Ängsten, bewältigen sie und werden dadurch reifer, kompetenter und unglaublich kreativ.

      1. Wie wahr Irina, anfangs allerdings glaubte ich nicht daran, aber je mehr ich darüber nachdenke und insbesondere nach dem ich mich mit dem Thema Resilienz beschäftige, wird mir klarer, dass man durch die Bewältigung von negativen Erlebnissen sich resiliente Fähigkeiten aneignet. Ich denke zum Beispiel an die Menschen, die, während des Kriegs traumatisiert wurden und mussten ohne Therapie im Leben zurecht kommen.

      „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“  Ich glaube, es ist ein Spruch von Nietzsche.

      Zurzeit lese ich das Sachbuch ‚Resilienz‘ von Christina Berndt. Die Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt erzählt mit vielen Beispielen, welch hilfreiches Rüstzeug manchen Menschen von Natur aus mitgegeben ist, und geht anhand der neuesten Forschungen der Frage nach, wie es dazu gekommen ist.

      Ein interessantes Buch, das ich unserem Buchclub (Akrizanos Projekt) empfehlen werde.

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