Lebensphasen: Das Alter

Dieser Text soll mir im Alter eine Stütze sein. Er ist ein Gruß aus der Gegenwart an die Zukunft…

Hallo, Eva, ich war du, als du 22 Jahre alt warst.

Damals hast du eine Pflegeausbildung gemacht und bist im Krankenhaus und im Altenheim vielen alten Menschen begegnet. Dabei wurde dir klar, dass alt sein nicht einfach ist. Das wurde dir von zahlreichen Patienten beim Stützstrümpfe- Anziehen, beim Rücken- Einreiben oder beim Brille- Suchen versichert. Trotzdem hat dich das Thema Alter fasziniert.

Alt sein kam dir vor wie eine „Challenge“, also eine Herausforderung, die das Leben an die Menschen stellt: „Mensch, ab jetzt werde ich nach und nach die Werkzeuge kaputt machen, die du jahrzehntelang benutzt hast, um dein Leben zu gestalten. Die Herausforderung besteht darin, trotzdem deinen Alltag zu meistern und obendrein glücklich zu sein.“ Du dachtest damals: Wer diese Challenge bewältigt, verdient so viel Bewunderung wie ein Artist, der mit fünf Bällen jongliert und gleichzeitig einen Teller auf einem Stab auf seiner Stirn balanciert. Du hofftest, selbst einmal so ein Artist zu werden…

Deshalb wolltest du dich an einige inspirierende Begegnungen erinnern, von denen du gelernt hast:

Da war zum Beispiel Frau Z., die mit 95 Jahren im Schlaf an Herzversagen starb. Am Vorabend war sie noch selbstständig mit dem Bus zu einer Grillparty auf die andere Seite der Stadt gefahren. Bis zuletzt strahlte sie Energie und gute Laune aus. Sie genoss ihr Leben und unterstützte andere Senioren, die nicht mehr rüstig waren wie sie. Von ihren Arthrose- Schmerzen und der Trauer um ihren verstorbenen Mann ließ sie sich nicht unterkriegen.

Notiz: Sei zufriedener mit dem was, du hast und bist. Strebe nicht immer nach mehr. Genieße jeden Moment, Sei überzeugt, dass du mit deinen Eigenschaften anderen etwas Gutes tun kannst. Und tu das dann auch. Denk nicht so viel an dich selbst.

Frau B. war 75 Jahre alt und hatte einen bemerkenswerten, wachen Blick für die Probleme der damaligen Zeit hatte. Sie setzte sich unermüdlich dafür ein, jeden Tag ein bisschen zur Lösung dieser Probleme beizutragen. Nachhaltigkeit und Respekt im Umgang mit Mensch, Tier und Umwelt prägten all ihre Handlungen. Zum Beispiel besaß sie kein Auto, sondern erledigte ihre Einkäufe zu Fuß oder mit dem Bus. Und sie gab ihre Überzeugungen durch Engagement in sozialen und ökologischen Gruppen und bei Demonstrationen an andere Menschen weiter. Es wäre einfacher für sie gewesen, sich zurück zu lehnen und zu sagen: „Ich bin alt, ich habe genug für diese Welt getan, jetzt überlasse ich es den Jungen.“ Aber sie schaffte es, nicht zu resignieren.

Notiz:: Höre nicht auf, an deine Ideale zu glauben. Trau dich, sie auszusprechen und umzusetzen. Fass dich erst an der eigenen Nase, bevor du andere kritisierst. Halte nichts für unmöglich, bevor du es nicht ausprobiert hast.

Herr N. klagte dir sein Leid. Er war einsam. Seine Frau und seine Freunde waren schon tot, seine Kinder hatten keine Zeit für ihn. Neue Leute kennen zu lernen, zum Beispiel beim Senioren- Café konnte er sich nicht vorstellen. „Die kenne ich doch gar nicht. Außerdem kann ich kaum mehr laufen. Da bleibe ich besser Zuhause.“, sagte er.

Notiz: Genieße die Zeit mit den Menschen, die dir wichtig sind. Höre nie auf, dich um neue Freunde zu bemühen. Schätze die Zeit, in der du allein bist, ohne dich einsam zu fühlen.

„Mit einer alten Schachtel wie mir ist nichts mehr anzufangen.“, sagte Frau S. zu dir. „Früher habe ich in einer Wirtschaft bedient, da war ich bekannt und beliebt. Ich habe hart gearbeitet und meine Kinder allein großgezogen. Jetzt kann ich nicht mal mehr meinen Haushalt machen und falle meinen Kindern zur Last.“Du fragtest sie, ob es etwas gab, das ihr Spaß machte. „Ich weiß nicht. Früher hatte ich keine Zeit für sowas.“

Notiz: Mache deinen Wert nicht von deiner Leistung abhängig. Sprich deinen Interessen genauso viel Bedeutung zu wie deiner Karriere, damit du dich nicht langweilst, wenn du nicht mehr arbeitest. Sehe deine Freizeit als Geschenk an.

Herr D. sammelte gerne Briefmarken, löste Kreuzworträtsel, las Krimis und malte. Er hatte einen grünen Star, wodurch seine Augen immer schlechter wurden. Außerdem war er zuckerkrank. Durch die vielen Stiche beim Zuckermessen bekam er Hornhaut an den Fingerkuppen. Irgendwann konnte kaum noch etwas erkennen und kleine Dinge nicht mehr greifen und musste auf seine geliebten Hobbies verzichten. Aber anstatt traurig zu sein, begann er, sich Hörbücher in der Bibliothek auszuleihen. Von nun an lauschte er stundenlang den Geschichten. Manche konnte er sogar auswendig mitsprechen.

Notiz: Sei nicht enttäuscht, wenn du etwas nicht kannst, sondern finde etwas anderes, das dir Spaß macht.

Eines Tages versorgtest du den bettlägerigen Herrn L. „Guten Abend, ich möchte sie kurz „frischmachen““, sagtest du. Herr L. antwortete nicht. Er hatte seine Augen geschlossen und presste seine Beine zusammen, als du die Bettdecke aufschlugst. „Können sie bitte ihre Beine auseinander machen.“, sagtest du. „Ich versuch’s“, flüsterte er. Seine Oberschenkel zitterten, als würde es ihn unendlich viel Überwindung kosten. Seine offenkundige Scham machte auch dich verlegen. Du versuchtest, ihn so schnell und so vorsichtig wie möglich zu waschen. Als du fertig warst, bemerktest du Tränen in seinen Augen. „So, das war’s schon. Ich gehe dann mal weiter.“, sagtest du betont fröhlich. Eigentlich wolltest du aber sagen: „Ich verstehe, dass Ihnen das peinlich ist. Ich habe Mitleid mit Ihnen. Es muss grauenhaft sein, fremde Menschen intime Tätigkeiten an sich verrichten zu lassen.“ Du erfuhrst, dass Herr L. früher Chef einer Firma gewesen war. Reich elegant und stolz stelltest du Ihn dir vor.

Notiz: Steh dazu, dass du verletzlich bist. Das ist menschlich und nicht peinlich. Werde ein großes Stück deines Egos los, denn es steht dir nur im Weg.

Herr B. hatte Demenz. Einmal verwechselte er dich mit seiner verstorbenen Ehefrau und versuchte dich zu küssen. Ein anderes Mal fühlte er sich plötzlich angegriffen, als du ihm die Haare waschen wolltest und stieß dich gewaltsam von sich. Etwas später saß er in Unterwäsche auf einem Sessel und fütterte eine Puppe mit Resten seines Abendbrotes. Seine Tochter, die zu Besuch da war sagte beschämt und fassungslos: „Ich erkenne Papa nicht wieder. SO war er nie!“ Die Vorstellung, dass du selbst später Demenz bekommen könntest, war für dich unerträglich, weil es Unselbständigkeit, Abhängigkeit und den Verlust deiner Persönlichkeit bedeuten würde. Du wolltest nicht, dass die Person, die dich in diesem Fall pflegen müsste, nicht wüsste, wer du bist, was du magst und was nicht. Deshalb hast du eine Notiz mit wichtigen Fakten über dich an diese Person gerichtet:

Liebe zukünftige Pflegerin,

bei meiner Köperpflege gibt es Folgendes zu beachten: Morgens wasche oder dusche ich mich. Abends nehme ich ab und zu ein heißes Bad. Ich liebe duftende Seifen und Badezusätze mit viel Schaum. Alle zwei bis drei Tage wascheich meine Haare. Am liebsten trage ich sie offen und auf der linken Seitegescheitelt. Ich habe trockene Haut, vor allem an den Knien, Ellbogen und Füßen. Deshalb creme ich mich regelmäßig mit Nivea ein. Ich mag keinen Nagellack und trage meine Fingernägel gerne lang und achte darauf, dass sierund gefeilt und sauber sind. Bevor ich unter die Leute gehe, trage ich Deo, Parfüm, Labello und Kajalstift auf und ziehe meine Augenbrauen nach. Ich putzemir morgens und abends die Zähne und einmal täglich verwende ich Zahnseide.Montags putze ich mir die Zähne mit Elmex-Gelee, denn mein Zahnarzt hat gesagt, dass ich damit bis ins hohe Alter gesunden Zahnschmelz haben werde. Nachtstrage ich eine Schiene.

Meine Lieblingsfarbe ist blau. Sie dominiert meinen Kleiderschrank. Bunte Kleiderkombinationen mag ich nicht, „weniger ist mehr“ lautet meine Devise.

Wenn ich schlafe, lasse ich den Rolladen oben, denn ich mag es nicht, im Dunkeln zu liegen. Ich kippe nachts immer ein Fenster, auch im Winter, denn ich brauche immer frische Luft im Zimmer. Da ich sehr verfroren bin, schlafe ich mit Socken, habe zwei Bettdecken und decke mich bis unter die Nasenspitze zu. Zum Einschlafen brauche ich „Billi“, meinen Teddy.“ Ich habe ein kleines Kopfkissen, große, weiche Kissen finde ich unbequem. Ich stehe gerne früh auf, aber es gibt auch Tage, an denen ich bis zum Mittag im Bett kuscheln will und lese, Filme schaue oder schreibe…Bitte lass mich dann liegen.

Bei Tisch gibt es Folgendes zu beachten: Ich bin nicht besonderes „schleckig“, ich esse vielseitig und vegetarisch. Ein paar Lebensmittel mag ich nicht: Mayonnaise und sauer Eingelegtes wie Kapern oder Essiggurken den Appetit verderben. Ich halte mich an die Regel: „An apple a day keeps the doctor away.“ Ich trinke Tee mit Honig, Kaffee mit Sahne und mag lieber Wein als Bier. Ich liebe Süßigkeiten. Ich nasche jeden Tag, aber nur ein bisschen, denn ich achte auf meine Gesundheit und meine Figur.  Ich mag es nicht, wenn Lebensmittel weggeworfen werden. Wenn ich meinen Teller nicht leer esse, bewahre ich mir den Rest für später auf.

Ich bin gerne in der Natur. Ich möchte jeden Tag nach draußen gehen, egal bei welchem Wetter. Wenn es kalt ist trage ich Handschuhe und einen Schal, aber Mützen mag ich nicht. Ich liebe Blumen, aber nur die echten, nicht die aus Plastik. Ich interessiere mich für Tiere, Pflanzen und ferne Länder, für Kunst, Architektur und Geschichte. Darüber lese ich gerne Bücher und schaue mir Filme an. Ich würde mich freuen, wenn du mir vorliest, wenn ich es selbst nicht mehr kann.

Ich singe, zeichne und male gerne

Ich habe eine große Sammlung mit Erinnerungsfotos an alle Menschen, die ich liebe und alle schönen Erlebnisse. Diese Fotos schaue ich mir immer wieder gerne an. Bitte zeige mir diese Fotos, damit sie mich an mein Leben erinnern, wenn ich alles vergessen habe.

Wenn du das alles bei meiner Pflege beachten könntest, würdest du mir eine große Ehre erweisen.

Zum Schluss sollst du noch eines über mich wissen: Ich denke mir gerneGeschichten aus und schreibe sie auf. Aber dabei kannst du mir leider nicht helfen, denn meine Geschichten kann nur ich erzählen.

Liebe Grüße aus der Gegenwart,

Eva

2 Antworten auf Lebensphasen: Das Alter

  1. Björn Sünder sagt:

    Hallihallo,
    auch ein sehr schöner Text, weil man von jedem etwas lernen kann. Auch von einem kleinen Kind, dessen erstaunen über neu entdeckte Dinge unmerßlivh ist. Ich selbst bin froh, nicht mehr in den zwanziger zu sein, sondern in einer Lebensphase, in der ich vieles entspannter sehe.
    Blau ist auch meine Lieblingsfarbe, weil sie ruhig ust, nicht aufgeregt, und einfach für sich selbst steht.
    Schreib bitte weiter!

  2. suresh sagt:

    Sehr schön geschrieben und an die Zukunft gedacht. Wieso ist es mir nicht eingefallen als ich noch jung war ?

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