Geschichtsunterricht mal anders

Meine Heimat suchst Du? Kannst die Karte getrost weglegen, da ist sie nicht drauf. Ich mein, sie ist da schon drauf, ist ja nicht so, dass da jetzt ein Abgrund klafft, wo vorher ein Grundstück war. Bloß könnte Deine Karte da nicht mehr ganz auf dem neuesten Stand sein. Jetzt haben die da nämlich in der Mitte noch einen Zaun gezogen, ich weiß echt nicht mehr, wo das aufhören soll, wo da die Grenzen des Möglichen sind, aber da sollen wohl so viele Zäune her, bis keiner mehr weint und es auch dem Nachbarn gefällt. Ist wohl eine Art Grundstückszersetzung um des lieben Friedens willen. Nachbarn gehören übrigens abgeschafft, wenn du mich fragst. Sie spielen Schlagzeug nach 22.00 Uhr, ihre Hunde machen Häufchen vor Deiner Haustür und von Fallobst will ich gar nicht erst anfangen. Nachbarn brechen Kriege vom Zaun. Auch in meiner Heimat. Wenn man da mal bei den Leuten fragt, sind das alles Fromme, nur die Nachbarn haben sie auf dem Kieker. Jedenfalls nützt Dir die Karte nichts, hier, nimm lieber das Geschichtsbuch. Heimat_LandkarteSeite 46 liefert einen historischen Überblick darüber wann, wie und von wem meine Heimat bis dato besessen worden ist – mit einer passenden zeitgenössischen Abbildung der jeweiligen Grundstücksbesitzer auf der gegenüberliegenden Seite. Das waren teils ganz famose Leute, hatten halt nur kein Glück mit den Nachbarn. Der Mohammed zum Beispiel, ich weiß es noch, als ob es gestern war, der lässt sich da 1463 in der Gegend nieder. Ein organisierter Mann, muss man ihm lassen. Hinterlässt meiner Großmutter ein Rezept für kleine Blätterteigtrapeze in einer dermaßen süßen Pampe, dass Du mit der Zunge schnalzt. Hat das Rezept wohl von seinem Nachbarn Kostas oder der hat es von ihm, was weiß denn ich, die waren sich wohl nicht einig, ob man Rosinen unter die Pampe mischen soll. Den Nachbarstreit über ein Fleckchen Grundstück haben sie erst kürzlich beigelegt, aber über das Rezept für „Baklava“ schicken sie sich noch heute böse Blicke über den Zaun. Mohammeds „Baklava“ ist bei uns übrigens der Renner zu Weihnachten! Wo war ich? Ach ja, Mohammed! Der lebt da ne Weile, legt sich mit den Nachbarn an, kränkelt zum Schluss ein bisschen vor sich hin und bevor man sich versieht, hat das Grundstück 1908 einen neuen Besitzer. Der Mann hat Manieren, sag ich, schaut euch nur an, wie sich sein Schnurrbart kringelt! Das Rezept für Buchteln hat meine Großmutter von Franz Josef übrigens aus erster Hand. Er hat eine Vorliebe für den Handkuss und spielt in erfolgreichen Heimatfilmen mit. Aber auch mit ihm nimmt’ s kein gutes Ende. Nur sechs Jahre später schießt ein Nachbar, dem Franjos Gehabe wohl auf die Nerven geht, auf seinen Sohn. Franjo zieht erstmal Hals über Kopf weg, kommt aber gleich mit einem Schlägertrupp wieder und die ganze Nachbarschaft hat sich bei den Haaren. Und so geht’s grad weiter. So schnell wie die ihre Zäune hochziehen, wird jede Karte zu einem alten Hut. Würde mich nicht wundern, wenn sich Deine Karte da zu den anderen im Geschichtsbuch hinzugesellt.

akrizano, 2009

Über akrizano

Ein Stückwerk aus kroatischen Eltern, bosnischen Wurzeln und schwäbischen Spätzla, weit gereiste und unerschrockene Geschichtenerzählerin
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