Der kleine „Mozart“

Jaja, ich weiß: Es ist nicht ganz normal, wenn ein Kind mit 4 Jahren Mozart liebt. Ich hätte ihm vielleicht nie vorlesen sollen, dass der kleine Mozart begeistert auf die verschiedenen Geräusche gehört hatte, die die klappernden Schuhe der an seinem Elternhaus vorbei eilenden Menschen auf dem Straßenpflaster verursachten.

Melodien, die sich ihm ins Gedächtnis schrieben und er wunderbare Musik daraus schuf. Unser Sohn war begeistert! Immer wieder musste ich ihm vorlesen oder vom Leben „Wolferls“ und seiner Schwester „Nannerl“ erzählen. Bis er die Musik Mozarts hörte, dann wechselten sich die Erzählungen mit dem Hören der Musik ab. Wir gewöhnten uns langsam daran, dass unser Sohn nicht viel von Bilderbüchern mit hüpfenden Häschen auf saftigem Gras hielt, sondern eher vom tatsächlichen Leben ergriffen war. Es wurde zur Normalität, dass wir in einer Buchhandlung nach immer neuen Geschichten bzw. Biografien  Wolfgang Amadeus Mozarts suchten. Die Bücher wurden immer dicker. Seine Begeisterung  hielt an.

 

Eines Tages luden wir Besuch zu uns ein. Eine junge Dame mit ihrer Mutter, die wir aus der Spielgruppe kannten. Sie war etwa ein halbes Jahr jünger als unser Sohn. Wir Mütter waren uns sympathisch und hätten es gern gesehen, wenn unsere Kinder es auch täten, denn dann hätten wir mehr Gelegenheit gehabt, etwas miteinander zu unternehmen. Nun trafen wir uns das erste Mal auf fremdem Terrain, jedenfalls war es das für die kleine Prinzessin. Die Annäherung dauerte eine Weile, aber gemeinsam mit Lieblingskuchen, Gummibärchen und Mohrenköpfen war das mehr oder weniger nur eine Formsache. Eng an die Mütter gekuschelt taten beide so, als würden sie sonst nie Leckereien essen, sie waren ja so genant! Allerdings blieb bei jedem Kind noch ein kleiner Schlitz der Augen offen, gerade genug um zu sehen, ob der andere nicht doch zu den lockenden Süßigkeiten greifen würde. Kaum war das entdeckt, kam das kleine Patschhändchen aus der sittsam zurück gehaltenen Position heraus, griff zu, stopfte die Leckerei ins Mäulchen und siehe da: Nichts war geschehen! Die Abstände zwischen dem artigen und fast nicht wahrzunehmenden Ergreifen wären ja fast ungesehen geblieben, wären da nicht die Geräusche gewesen! Geräusche die eindeutig zuzuordnen waren. Immer schneller und ungenierter griffen die Beiden zu und hatten einen Riesenspaß daran, bis wir vorschlugen, sie könnten ja auch mal etwas spielen. Wir machten einige Vorschläge, aber es war nichts dabei, was eine gemeinsame Zustimmung brachte, bis unser Sohn meinte: „Oder wollen wir eine Schallplatte hören?“

‚Schallplatte‘ schien der Kleinen ein Begriff zu sein, ertönte doch sogleich der Schrei eines Elefanten, den wohl alle Kinder lieben: Benjamin Blümchen! Also bereitete unser Sohn gleich alles dafür vor, denn er kannte sich inzwischen bestens mit der Stereoanlage aus. Miri, die kleine Freundin, hüpfte bereits mit einem Kissen in Lauschposition aufs Sofa und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Aus einiger Entfernung konnten wir Mütter die Beiden beobachten. Er passte auf, dass sich die Nadel richtig auf die Schallplatte setzte, dann kauerte er sich neben Miri, machte ein ernstes Gesicht und starrte auf die Lautsprecher. Es knisterte leise bis die Musik einsetzte. Die ersten Töne erklangen. Miri wartete gespannt auf das, was da kommen sollte, ob sie die Geschichte bereits gehört hatte oder vielleicht JungeundMädchen1sogar selber besitzt. Er hatte nicht verraten, welche Platte er auflegte.

Nun saß auch er da, hatte die Augen geschlossen und lauschte ….. dem Türkischen Marsch von Mozart! Seine Finger klopften leise den Takt auf den Tisch. Zunächst hörte Miri zu. Als – ihrem Empfinden nach- die Geschichte eigentlich hätte beginnen müssen, erhaschten wir einen kurz fragenden Blick von ihr. Da wir jedoch nicht reagierten, zögerte sie ein wenig, wartete aber noch einmal ab. Aber bereits 2 Sekunden später wanderte ihr Blick auf den in sich gekehrten, weltentrückten, kleinen Jungen neben sich. Man sah ihr an, dass sie nicht fassen konnte, was sie sah, rutschte vom Sofa herunter und lief einigermaßen empört zu ihrer Mutter, die mich ebenso perplex und fragend ansah. Erst da wurde mir bewusst, dass diese Situation sehr merkwürdig anmuten musste. Allerdings hatten wir sehr breit grinsen müssen, dieses völlig ungläubige Gesicht von Miri zu sehen, die nicht wusste, ob jemand einen Spaß mit ihr treibt, sie nicht genügend Geduld aufbringen konnte oder der Junge neben ihr einfach nur ein wenig abgedreht war. Es wirkte wie eine minutenlange Entwicklungsgeschichte über das Begreifen von Menschen.

Noch heute sehe ich diese Situation vor mir, muss oft daran denken und immer wieder kehrt das Lächeln darüber zurück.

Über Dietlinde Hachmann

"Du kannst keinen Ozean überqueren, indem du einfach nur aufs Wasser starrst." Diese Worte hat Rabindranath Thakur (Tagore) gesagt. Nach diesen Worten versuche ich, mich zu richten, da ich sie als unbedingt wahr und richtig empfinde. Ansonsten bin ich eine verheiratete Frau mit vier Kindern, die derart viele Hobbies hat, dass ihr -fast- jeder Tag zu kurz ist. ;-)
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6 Antworten auf Der kleine „Mozart“

  1. ReBo sagt:

    Mich würde noch die Reaktion der Mutter von Miri interessieren. Konnte sie es fassen, dass ein kleiner Junge Mozart liebt?
    Als mein Sohn ungefähr sieben Jahre alt war, spielte ich ihm die Pastorale von Beethoven vor. Irgendwann sagte er begeistert: „Das ist eine gute Kriegsmusik!“ Ich muss ihn so entsetzt angeschaut haben, dass er sich weiterer Äußerungen dieser Art enthielt – was ich noch heute bedaure.
    Als Schülerin hatte ich eine Miete bei der Württembergischen Landesbühne. Eine Zeitlang hörte ich bei jeder Gelegenheit Brahms‘ Ungarische Tänze an, so auch, wenn ich mich feinmahte für den Theaterbesuch. Die Musik riss mich so mit, dass meine Beine anfingen zu tanzen und ich größere Schritte machte, als der enge Rock meiner Theatergarderobe erlaubte. So musste ich in allerletzter Sekunde die aufgerissene Naht wieder zunähen, wenn ich noch aufgebrezelt ins Theater kommen wollte. Aber wisst ihr was? das nächste Mal gewann wieder die Musik die Oberhand und die Naht riss auf. Zum Glück wurde es kurz danach chic, in Jeans ins Theater zu gehen und ich konnte beim Anziehen nach Herzenslust tanzen, ohne meine Garderobe zu zuinieren.

    • Liebe ReBo,

      Miri’s Mutter war leider auch kein Fan klassischer Musik. Sie nahm also tröstend ihre irritierte Tochter in den Arm und versprach, dass sie zu Hause
      etwas anderes hören könnte……

      Jetzt habe auch ich eine Frage an dich wegen der „Pastorale“. Mich hätte interessiert, vielleicht hast du deinen Sohn ja auch danach gefragt, was er unter „Kriegsmusik“ versteht, denn es hätte ja sein können, dass ihm dabei ganz andere Gedanken durch den Kopf gegangen sind, als und heute?

      Und was dein Tanzen nach der Musik der „Ungarischen Tänze“ angeht, so konnte ich mir beim Lesen sehr gut vorstellen, wie du dich, im Rausch und Bann der Noten, hast treiben lassen. Ich sah deine Beine „fliegen“ und habe mich sehr amüsiert, weil es eine schöne Vorstellung ist. 🙂

  2. suresh sagt:

    Als ich die schöne amüsante Kindergeschichte las konnte ich mir das irritierte Gesicht von Miri vorstellen und schmunzeln.

    Sweet Story, I like it.

    Auch die Beschreibung über die musikalische Gefühle erzählt von einem Kind ist einfach melodiös.

    Es erinnert mich an meinem Enkel Vivi. Ich erzählte ihm, dass das Haus in Tamm verkauft wird. Und als ich eine Tee-Zeremonie als letzte Veranstaltung im Haus organisierte, fragte er mich, ob ich danach dem Haus ‘Tschüß’ sagen werde. Seine Vorstellung vom Haus Abschied nehmen war amüsant und köstlich süß zugleich aber noch fantastischer war seine Frage, die nach einer kurzen Überlegung folgte >>Thatha, dann nimmst du dein Haus zum Hausladen und verkaufst es dort? <<

    • DiHa sagt:

      Ja, lieber Suresh, so eine Vorstellung kann wohl zwangsläufig nur aus dem täglichen Erleben folgen. Mir gefällt die Idee, sich das Haus unter den Arm zu klemmen und es im Hausladen zu verkaufen… 😉 Tee wird ja auch im Teeladen verkauft und Stoff im Stoffladen.
      Kinder haben eine wunderbare Phantasie; leider hört man ihnen viel zu wenig zu. Es gäbe sooooooooo viel Möglichkeiten, um unendlich schöne Geschichten über sie zu schreiben…. 🙂

  3. Irina Berg sagt:

    Liebe DiHa,

    eine süße Geschichte!
    Da musste ich gerade beim Lesen an eine längst vergessene Situation aus meiner Vergangenheit denken:
    Im zweitem Halbjahr der ersten Klasse muteten wir unserem Sohn einen Schulwechsel zu. Ich nahm ihn morgens auf dem Weg zu meiner Arbeit mit und setzte ihn vor seiner neuen Schule ab.
    Jeden Morgen hörten wir im Auto Musik.
    Es gab eine Phase, in der ich „Carmina Burana“ auswendig mitsingen lernte.
    An einem solchen Morgen, laut erklang noch der Orfsche Gesang – kam ich vor der Schule stehen, doch Max stieg nicht aus.
    Ich drehte mich zu ihm um (was ist los?) und sah ihn weinen.
    „Die Musik kitzelt im Bauch und ist so schön, dass ich heulen muss“
    Er stieg erst aus, als die Oper zu Ende war…

    Deine so plastisch schön aufgeschriebene Geschichte ruft meine hervor!
    Danke!
    Irina

    • DiHa sagt:

      Das ist es, was mir so gut am „Geschichten-erzählen“ gefällt, ähnlich wie beim Witze-erzählen. Bei irgendeinem Punkt wird die Erinnerungsmaschinerie angestellt und man weiß: „Moment mal, da war doch etwas…“
      Ich finde es also ganz wunderbar, dass der „kleine Mozart“ eine mal wieder inspirierend war! Außerdem kann ich mir gut vorstellen, in welche Gedankenwelten man durch die „Carmina Burana“ geleitet werden kann.
      Herzlich, Dietlinde

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