Der Katzenretter

Einige Sterne funkelten am Firmament. Einsame Leuchtfeuer in der Dunkelheit. In der Ferne war das leise Donnergrollen von einschlagenden Granaten und Bomben zu hören, begleitet von hellen Blitzen. Diese beiden Dinge gehörten zusammen wie Salz und Pfeffer.

Der Motor des Ford-Pickup-Truck knisterte, während er abkühlte. Karim ließ seinen Blick über die in Trümmern liegende Stadt schweifen. Er erinnerte sich an die Zeit vor dem Krieg. Vor dem arabischen Frühling. Das Leben pulsierte auf den Basaren der Stadt. Tausende von Stimmen, die sich in den unterschiedlichsten Sprachen unterhielten, waren in den Straßen und Gassen zu hören. So musste es auch beim Turmbau zu Babel gewesen sein. Die ganze Luft war von unzähligen Düften durchdrungen. Safran, Pfeffer, Nelken, Zimt und noch so viele mehr. Überall gab es Cafés, in denen es Tee und Kaffee gab. Doch dann kam der arabische Frühling und mit ihm der Krieg. Ein Krieg, der bis heute anhielt. Auch Karim war 2011 auf den Straßen seiner Stadt unterwegs gewesen, um friedlich mit anderen für mehr Freiheit zu demonstrieren. Etwas, was er sich bis heute vorwarf. Seine Frau hatte ihn davor gewarnt.

Karims Blick fiel auf die grünlich flimmernden Leuchtziffern der Uhr, die im Armaturenbrett eingelassen war. Kurz nach fünf Uhr. In diesen Stunden fielen weniger Granaten und Bomben. Die zahlreichen Kriegsparteien schienen zwischen fünf und sieben Uhr morgens eine Pause einzulegen. Sobald das erste Licht des Tages am Himmel erschien, wurde die Stadt immer und immer wieder angegriffen.

Karim fragte sich, was man in dieser Stadt noch zerstören wollte, was nicht schon längst vernichtet war. Aus seiner Hosentasche zog Karim ein Foto. Mit seinem Daumen strich er die Falten des Fotos glatt. Er hatte sich die Fotografie so oft angesehen, dass er jedes Detail darauf auswendig kannte. Eine junge Frau mit einer Katze auf dem Arm. Die Frau lächelte in die Kamera. Ihre bernsteinfarbenen Augen leuchteten im Licht der untergehenden Sonne, und die glatten schwarzen Haare fielen ihr auf die Schultern. Und sie hatte den gleichen dunklen Hautton wie Karim.

Amina, ich vermisse dich“, flüsterte er und hörte, ganz in seiner Nähe, eine weitere Detonation. „Wünsch mir Glück!“ Dieses Ritual wiederholte er jedes Mal, bevor er mit seiner Arbeit begann. Er küsste das Foto und schob es wieder in die Tasche seiner Jeans.

Karim stieg aus und schloss leise die Tür seines Pickup. In diesen Zeiten musste man so vorsichtig wie möglich sein. Selbst in den Trümmern dieser Stadt patrouillierten Soldaten des Islamischen Staates. Manchmal gab es auch Scharfschützen von irgendwelchen Splittergruppen, die nur darauf aus waren, einen Menschen zu töten. Alles verfiel in Wahnsinn und Anarchie.

Über Karims Kopf donnerten zwei Düsenjäger hinweg. Er ging hinter seinem Wagen in Deckung und strich sich durch den Bart. Entweder waren es Russen, Amerikaner, oder Soldaten von Baschar al-Assad. Am Ende war es völlig egal, denn alle lieferten ihre tödliche Fracht in Form von Bomben oder Raketen ab. Menschen und Tiere wurden dazwischen zerrieben.

Als das Geräusch der Düsentriebwerke in der Ferne verhallte, stand Karim auf. Für einen Augenblick suchte er den Himmel ab, fand aber nichts weiter als funkelnde Sterne. Schließlich drehte er sich herum und ging zu der Ladefläche seines Pickup. Ein eisiger Wind fegte durch die Ruinen der Stadt. Für Karim war es unvorstellbar, dass es hier noch Leben geben sollte. Und doch war es so. Man musste nur genau hinhören und hinschauen. Dann war es zu entdecken. Zum Beispiel in Form einer wilden Rose, die sich durch einen Riss im Beton schob. Oder das Zwitschern eines Vogels, das den herannahenden Morgen ankündigte.

Von der Ladefläche holte Karim zwei Plastikeimer, die mit Fleischabfällen gefüllt waren. Regelmäßig fuhr er über die Grenze und besorgte die Fleischstücke von einem befreundeten türkischen Metzger. Diese Fahrten konnten für Karim das Todesurteil bedeuten. Zweimal wäre er beinahe von Patrouillen des Islamischen Staates aufgegriffen worden. Aus Todesangst war er querfeldein gefahren. Zickzackkurs. Zurück, vor, links und wieder rechts. Immer und immer wieder. So war er dem IS entkommen.

Karim sah die Hauptstraße hinauf. Alles war ruhig. Als er sich ganz sicher war, ging er langsam auf eine große, zerbombte Ruine zu. Davor standen noch die ausgebrannten Reste von Rettungswagen. Auf einem dieser Wracks konnte man noch das Zeichen des Roten Halbmondes erkennen. Viel mehr war von dem Krankenhaus nicht übriggeblieben. Es war eines der ersten Ziele, die von den Bomben zerstört worden waren. Man vermutete, dass es von den Truppen Assads vernichtet worden war. Doch niemand wusste mehr irgendetwas genaues. Nicht in diesem Chaos, in dem dutzende von Kriegsparteien um die Vorherrschaft im Land kämpfte.

An diesem Ort trieben sich viele von Karims Schützlingen herum. Einige Ratten schossen aus der Ruine. Er erstarrte und spürte die pelzigen Leiber an seinen Füßen. Als das letzte Fauchen in der Ferne verklungen war, konnte sich Karim wieder bewegen. Sich immer wieder umschauend ging er in die Ruine des Gebäudes hinein.

Gleich hier war der Eingang des Krankenhauses gewesen. Karim erinnerte sich wieder. Er hatte Amina hierher gebracht, nachdem sie von den Schüssen auf dem Basar zusammengebrochen war. Er wischte sich die laufende Nase mit seinem Ärmel ab, und genauso wischte er auch die Erinnerung für den Augenblick fort. Doch, genauso wie seine laufende Nase, würde sie wiederkommen. Die Erinnerung, die jede Nacht in seinen Träumen zu ihm zurückkam. Das Blut auf dem Gewand. Die bernsteinfarbenen Augen, die ihn ansahen. Noch immer spürte er den Druck von Aminas Hand, und wie dieser Druck langsam weniger wurde.

Er ging tiefer in die Ruine hinein. Das silbrige Licht des Mondes, das durch die löchrige Decke sickerte, erhellte für Karim genug, damit er sehen konnte. Auf den Fluren standen noch Betten und umgekippte Tragen. Hier und da lagen die verkohlten Überreste von Leichen. Kein Wunder, dass es die Ratten anzog, und mit diesen Parasiten auch ihre natürlichen Jäger. Für eine Katze allein war es schwer, eine Ratte zu erlegen. Deswegen hatten sie sich zu einer Horde zusammengeschlossen. Manchmal griffen sie sogar wilde Hunde an, die es in dieser Stadt auch gab.

Miau.“ Von überall schienen die Schreie zu kommen. „Miau.“ Seine Freunde wussten, dass Karim kam. Sie hatten sich diese Zeit eingeprägt.

Im fahlen Licht des Mondes konnte Karim die ersten Katzen erkennen, die zwischen den geborstenen Beton auftauchten. Sie kamen zu ihm und strichen um seine Beine. Es gab so viele Tiere in dieser Stadt. Sie waren von ihren Besitzern verlassen worden, die vor dem Schrecken des Krieges geflohen waren.

Er stellte die Eimer ab und riss die Deckel auf. Mit seinen Händen begann er, die Fleischreste zu verteilen. Die Katzen stürzten sich darauf. Einige waren deutlich abgemagert. Andere hatten schlimme Wunden. Es gab immer wieder ein paar, die sich anfauchten. Die Ohren anlegten, das Fell sträubten und einen Buckel machten.

Nicht streiten.“ Immer wieder ging Karim zwischen die Streithähne. „Es gibt genug für alle.“ Zwei Katzen packte er am Genick und trennte sie. Aus dem Augenwinkel fiel ihm eine Katze auf. Sie hielt sich abseits. Karim wandte sich zu ihr, ging in die Knie und besah sich das Tier. Es schien, dass sie verletzt war. Genaueres konnte Karim nicht sagen, dazu war das graue Fell der Katze zu dicht und, trotz des Licht des Mondes, zu dunkel. Er beschloss, das Tier in die Zuflucht zu bringen, um es dort untersuchen zu lassen.

Von einem Eimer holte Karim ein paar Fleischstücke und hielt es der Katze hin. Zuerst schnüffelte sie daran und fraß. Alles wurde beinahe in einem einzigen Bissen verschlungen. Die Katze erinnerte Karim an das Tier, das Amina in ihren Armen gehalten hatte. Vor so langer Zeit.

Ich nehme dich mit“, sagte Karim und hob das Tier hoch. „Das ist das beste für dich.“ Er legte sich die Katze auf die Schulter, die dort sitzen blieb, als ob das schon immer ihr Platz gewesen war. Dann ging er an der Meute der Katzen vorbei und nahm die beiden leeren Eimer. Als er aus dem zerstörten Krankenhaus ging, zog sich am Horizont ein breiter, rosa Streifen entlang. Die letzten Sterne wurden von einem hellen Blau vom Himmel gedrängt.

Morgen früh würde Karim wieder kommen. So lange, bis dieser Krieg vorbei war. Er hatte es Amina versprochen, als das Licht des Lebens langsam aus ihren Augen verschwunden war.

Sei ein Katzenretter“, hatte sie zwischen dem Piepsen der Herz-Lungen-Maschine hervor gepresst. Und das war Karim geworden. Der Katzenretter.

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2 Antworten auf Der Katzenretter

  1. Anonymous sagt:

    emotional und realitätsnah geschrieben, sehr gut. Der Mensch hat noch nicht gelernt ohne sich zu bekriegen. vielleicht schafft es die künstliche Intelligenz. ;-(

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