Corona Yuga

Zeit ist ein dehnbarer Begriff. Jeder Mensch empfindet es, je nach Situation, anders. Wie ich die Zeit seit einigen Tagen erlebe, ist sonderbar und amüsant zugleich.
Während der Corona-Yuga heutzutage erleben wir die Welt anders als die Menschheit vor uns. Yuga bedeutet Zeitalter in der altindischen Sprache Sanskrit.*

Außergewöhnlich viele persönliche Nachrichten erhalte ich täglich auf allen Kanälen. Es sind die Messengers* wie Whatsapp, Facebook, eMail und viel mehr Telefonate als in den letzten Jahren. Dreimal wurde ich heute angerufen, jetzte rufe ich jemanden an, sagte ich mir. Nach kurzer Überlegung rief ich meinen Ex-Kollegen Bernhardt an.
Wir sind inzwischen Freunde geworden und wir reden über Alltägliches, über Familie, über Gott und die Welt. Er muss noch ein paar Jahre arbeiten und sitzt im Home-Office, wie die meisten Angestellten auf der Welt. Home-Office – dieser Begriff ist heute kein Fremdwort mehr.
Der unsichtbare Angreifer Corona hält uns in Atem und wir haben nichts zu lachen, sondern trockenen Husten. Er ist ein Fluch, aber es gibt auch Rufe, die behaupten, es sei auch ein Segen. Corona vereint uns. Auch die Tiere wundern sich sicher über unser Verhalten, niemand sagt ihnen, was jetzt gerade los ist. Wenn, dann würden sie womöglich sagen, dass sie nicht überrascht sind.
Vor einigen Jahren, als wir eine Team-Besprechung hatten, sprachen wir über Hightech und über Science Fiction. Für die damalige zerstrittene und geteilte Welt wäre es gut, wenn Aliens angreifen würden, dann würden die Menschen vielleicht besser miteinander kommunizieren und sich einig werden, mutmaßten wir. Dieser Gedanke amüsierte uns damals.

Nun sind die Aliens da, in unsichtbarer Form, winzig klein, sehr zerbrechlich, für uns aber lebensbedrohlich. Wie konnte es passieren? Vielleicht sind wir Menschen unbelehrbar und machen seit Jahrtausenden immer wieder denselben Fehler? Wir haben sehr gute Werkzeuge kreiert. Sind wir aber in der Entwicklung stehen geblieben und die Natur bestraft und belehrt uns? Es scheint so.
Wie auch immer, auf Anraten, also auf strikten Wunsch meiner Familie, habe ich alle meine Projekte zum Stillstand gebracht. Zurzeit mit Shutdown und Lockdown geht es sowieso nicht anders. Aber ein paar Treffs habe ich zu eTreffs umfunktioniert und wir nutzen Skype und Zoom fast routinemäßig. Es ist interessant, wie wir Menschen auf Situationen und Umstände reagieren und uns anpassen. Die Wirtschaft wird ein leichtes Spiel haben, die lähmende Zeit zu nutzen und Arbeitsabhängigen die Regel vorlegen, wie der Mensch zu funktionieren hat. Viele werden sich wundern, dass sie kein Büro oder keinen Arbeitsplatz haben, denn der Arbeitgeber wird sagen, wenn es im Home-Office funktioniert hat, warum braucht ihr dann ein offizielles Büro, arbeitet doch von zuhause aus.
Bernhardt, mein Ex-Kollege und ich, waren damals mit drei weiteren Kollegen für den Service Support der in Deutschland installierten Druckmaschinen zuständig. Unsere beratende Tätigkeit bestand darin, die Techniker, Systemverkäufer, Kunden und das Management zu unterstützen. Als ich ihn anrief sagte er, dieser Corona-Shutdown hat alles stillgelegt und es ist bedenklich ruhig und langweilig. Er freue sich auf den Anruf von mir. Die Hardware und Software haben sich seither verbessert, sind sehr viel leistungsfähiger geworden. Ein Problem jedoch ist gleich geblieben, der Mensch, scherzten wir. Sein Bürotelefon klingelte und wir beendeten das Gespräch abrupt. Es war interessant, über die vergangene Zeit zu reden.

Mein Handy informiert mich, dass mein Enkel versucht hatte, mich zu erreichen. Seitdem die Schulen in Deutschland wegen der Corona-Krise geschlossen sind, versuche ich meinen Enkelkindern das „Computern“ etwas näher zu bringen. Der Ältere von den beiden ist nicht sonderlich interessiert, aber der Jüngere, obwohl nur 11 Jahre alt, hat großes Interesse, eine Excel-Tabelle zu erstellen und mit Scratch zu spielen. Dass man nur mit drei Feldern das Alter einer Person täglich richtig errechnen kann, fasziniert ihn. Scratch ist ein Computer Programm, das extra für Kinder entwickelt wurde, um das Programmieren zu lernen. Eine Katze oder eine Comic-Figur nach Befehl tanzen, singen und hüpfen lassen zu können, findet er lustig. Nebenbei lernt er spielerisch, was eine Software ist. Wir spielen, kommunizieren und programmieren aus der Ferne, jeweils auf eigenen Laptops. Mit einem Programm namens Teamviewer können wir gegenseitig auch in das Spiel eingreifen. Corona hat hier keine Chance mitzuspielen.


Als ich kürzlich, als ehemaliger Computer-Fachmann mit Jahrzehnte langer Erfahrung in der Industrie, versuchte, ihm eine neue Funktion zu erklären und daran scheiterte, zeigte mir intuitiv, wie es doch anders geht. Zugegeben, ich war überrascht von seiner schnellen Auffassungsgabe. Dann hörte ich seine Mutter, also meine liebe Tochter, die ihn zum Essen rief.
„Ja, gleich Mama, aber komm doch mal her, ich will dir was zeigen“, rief er ihr zu. Voller Stolz zeigte er ihr, wie die Comic-Figuren auf einer Bühne tanzten und ein paar zuschauende Comic-Figuren mit Bravo-Rufen mittanzten. Meine Tochter war erstaunt, was ihr Sohn doch kann. Ich sagte ihr, dass ich von meinem Enkel eine neue Funktion erklärt bekommen habe und ich sehr stolz auf ihn sei.
Das ist die Gegenwart und zeigt das wahre Leben mit Familie.

Mein Handy-Display zeigte eine Liste von Anrufen an, aber ich beschloss, die Zeit lieber auf der Terrasse unter der strahlenden Sonne und dem blauen Himmel zu verbringen und ein Buch mit Kurzgeschichten aus dem Schwabenland zu lesen. Selten habe ich solche amüsanten Geschichten mit Erzählungen in schwäbischer Mundart gelesen. Ausnahmslos alle Episoden in diesem Buch brachten mich zum Lachen und zum Nachdenken. Das Buch* könnte ‚Du liebes Nestle‘ heißen 😉

Das war Timing dachte ich, denn genau in dem Augenblick, als ich eine schöne Geschichte zu Ende las, klingelte mein Handy und ich sah, dass ein alter Bekannter aus Indien mich per Whatsapp erreichen will. Ich wollte ihn sowieso anrufen, denn Indien hat Lockdown deklariert und keiner darf ohne Genehmigung aus dem Haus. Anildas, heißt er und ist ein ehrlicher und zuverlässiger Freund aus Kerala. Er ist ein Christ und verheiratet mit einer Hindu, eine seiner Töchter heiratete in einer Kirche ihren christlichen Ehemann und seine zweite Tochter in einem Hindutempel einem Hindu. Kürzlich ist Anildas Großvater geworden.

Er macht sich Sorgen um die medizinische Versorgung des Babys. Wir haben uns über die Corona Krise und über die Zukunft unterhalten. Im Jahre 1920 hatten wir eine Pandemie in Europa, aber sie erreichte andere Länder nicht, weil die Infrastruktur nicht so fortgeschritten war wie heute. Es gab kaum Flugzeuge und auch kein Google, scherzte ich.
Irgendwann sagte ich ihm, dass ich auf der Terrasse sitzend die warme Sonne und den wolkenfreien blauen Himmel genieße. „Es ist Nacht hier und heiß“, sagte er. Da fiel mir ein, dass er bereits 4,5 Stunden in der Zukunft ist.
Am Abend, kurz vor dem Schlafengehen, dachte ich, dass ich an diesem Nachmittag eine Art Zeitreise erlebte, die Vergangenheit mit meinem Ex-Kollegen, die Gegenwart mit meinem Enkelkind und die Zukunft mit einem Freund in Indien.
Was sagt man dazu?

Über suresh

Ich bin Inder und deutscher Staatsbürger. Als patriotischer Weltbürger pendele ich zwischen beiden Heimaten und fühle mich sehr wohl dabei. Inzwischen habe ich in beiden Welten mein Zuhause gefunden. Mit Wahrem und Erlebtem aus meinem Leben schreibe ich Geschichten in meiner Muttersprache Tamil, English und gelegentlich auch in Deutsch Mein Ziel ist aber, mit unterhaltsamen Erzählungen zur interkulturellen Völkerverständigung beizutragen, auch um Missverständnisse möglichst auszuräumen. Ich denke "Ethik ist eingebaut - Religion ist eingebracht" 'Connecting Cultures' ist meine Aufgabe. 'Helfe um geholfen zu werden' ist mein Motto.
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