Bosnisches Stückwerk

Bosnisches Stückwerk: hier der Link zu den drei Kurzgeschichten auf Band. Die Stimmung im Raum hingegen lässt sich nicht in Worte fassen.

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„Papa, mach die Zigarette aus, die Flugzeuge können dich sehen.‟ Es ist Nacht und draußen. Ich sitze auf einem Apfelbaumast und wünsche mir, ich könnte meine Beine baumeln lassen, doch auf die Baumelhöhe klettern habe ich mich noch nie getraut. Noch habe ich mein Pyjama an, das hatte letztes Jahr eine Tante aus „Štutgart‟ mitgebracht, als die Wege frei und Gäste noch willkommen waren. Dieses Jahr schickt sie Care-Pakete. 

In der dunklen, heißen Augustnacht hat sich der Flugalarm breitgemacht. Wenn er ertönt, haben wir 17 Minuten Zeit um zum Bunker zu rennen, bevor die ersten Flugzeugmotoren in der Luft zu hören sind. Den Flugalarm spielen sie ganz schön oft. Manchmal denke ich, sie geben schon gar keine Entwarnungen mehr durch. Meine Eltern haben meine Schwester und mich wie zwei Welpen auf den Flugalarm trainiert: schon in den ersten Sekunden der 17 Minuten schnappen wir uns den elterlichen Koffer mit den wichtigsten Personaldokumenten und rennen, wenn die Motoren sofort zu hören sind, auch schon mal in Kindersocken zum Bunker. Heute Nacht aber versagte meine Flugalarmbereitschaft. Erst nach fünf Minuten brannte mir das Zimmerlicht die Augenlider durch. Meine Schwester stand schon angezogen und abmarschbereit an der Tür. (Hatte sie auf den Alarm gelauert?) Mutter lobte ihre Geschwindigkeit, dabei hatte das kleine Wiesel sein Pyjama gar nicht erst angezogen. Seit Krieg ist, schläft meine Schwester in ihren Anziehsachen. Ich aber nehme das Pyjama-Ritual noch auf mich; und so kommt es, dass ich in dieser Nacht in meinem schwäbischen Pyjama meine Beine mehr schlecht als recht von einem Apfelbaum baumeln lasse, weil ich es im Eifer des Gefechts nicht geschafft habe, mich umzuziehen.

Es sind schon 10×17 Minuten Flugalarm. Das macht meinen Raucher-Vater nervöser als die Aussicht, „da draußen ins Gras zu beißen‟. Eine ganze Weile lang diskutieren meine Eltern ihre Sicherheitsbedenken aus. Vaters Raucherlunge gewinnt: er darf sich eine Raucherpause vom Flugalarm gönnen. Ich darf mit raus und bin erleichtert; der Bunker war in den letzten drei Stunden merklich zusammengeschrumpft. Jetzt sitzt Vater draußen an der Tür und verraucht ein ganzes Vermögen, denn eine Marlboro verglüht in seinem Mund. Ich sitze im Apfelbaum gegenüber und werde skeptisch. Der Fernseher hatte unaufhörlich von der Zielsicherheit der Flugzeuge berichtet. Der kleine leuchtende Punkt im Mundwinkel meines Vaters könnte doch in der Nacht zu sehen sein, könnte noch von oben zu sehen sein und dann könnten wir alle, die Zigarette, der Mundwinkel, mein Vater und ich in einem großen Feuerball aufgehen.

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Wir sind Südslawen und Brüder, alle Kinder einer Mutter, Söhne eines Vaters, eine Familie, ein Stamm, ein Blut. Wir schwören auf Brüderlichkeit und Einheit, auf Fortschritt und Frieden. Meine Freunde sind meine Brüder, meine Klassenkameraden sind meine Brüder…‟ So viel Brüderlichkeit auf einen Schlag macht mich nachdenklich. Also melde ich mich, strecke meinen Arm in die Höhe, stehe auf und mache meiner Unmut Luft: „Genossin Lehrerin! Was genau heißt das jetzt, dass wir alle Brüder sind? Muss ich alles mit allen teilen? Ich habe ja schon eine Schwester und sie nervt.‟ – „Mach dir keine Gedanken, das sagt man nur so.‟ – „Und was passiert, wenn wir uns streiten?‟ – „Was meinst du mit streiten?‟ – „Ich habe meinen Cousin ein bisschen geschubst und dann ist er in einen Brennnesselstrauch gefallen und hat zwei Tage lang nicht mit mir geredet.‟ – „Sieh mal, man kann sich auch mal streiten, aber das Wichtigste ist, dass man sich wieder verträgt. Und deinen Cousin schubst du nicht nochmal in die Brennnesseln.‟ – „Jawohl, Genossin Lehrerin.‟

Als ich das, daheim angekommen, meinem Vater erzähle, lässt er einen spöttischen Schmunzelgrunz verlauten. Der Fernseher läuft. Ein Mann mit schluderig gebundener Krawatte erzählt etwas von Enklaven. Der südslawische Familienstreit bestimmt auch heute das Fernsehprogramm. Er ist jetzt nur noch fünf Kilometer von uns entfernt: man kann nachts hören, wie sich die Sippe mit Kanonen beschimpft.

An diesem einen Morgen weckt mich meine Mutter und sagt: „Wir gehen. Pack das Wichtigste mit ein.‟ Ich denke sofort an meine Barbie-Puppe. Ich muss Barbie vor meinen Brüdern und Schwestern in diesem Land retten. Meine Schwester will ihre Plastik-Kalaschnikow und ihre gesamte Sammlung metallener Spielzeugautos mitnehmen. Keine halbe Stunde später liegen wir uns in den Haaren.

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August 2010. An der Schwelle zur Bunten Moschee im kleinen mittelbosnischen Städtchen Travnik ziehe ich meine Ballerinas aus. Mein männlicher Begleiter, mein Vater, tut es mir gleich. Vater ist fast aufgeregter als ich, er will endlich eine Moschee von innen sehen. Die Sulejmanija von Travnik soll seine erste sein, die, die der Wesir Ahmed so schön mit Apfelbäumen und Zypressen bemalen ließ, und nicht irgendwelche Gebetsräume in Deutschland am Tag der offenen Tür. Dabei wäre er in diesen Gebetsräumen mehr als willkommen: wie oft er wegen seines dunklen dinarischen Schnauzbartes auf der Straße mit „Merhaba‟ gegrüßt wurde, weiß Vater nicht. Einmal hat er in der schwäbischen Provinz ortsunkundige Türken zu einer Moschee gelotst. Ich saß noch auf dem Beifahrersitz, als mein Vater sich auf die Spitze eines frommen türkischen Autokonvois stellte, der sich verfahren hatte. Vater hatte nämlich an diesem Gotteshaus die Dachrinnen montiert und bugsierte zielsicher die gesamte Mannschaft direkt vor die Moscheentür. Im Ländle können Moscheen nämlich recht unscheinbar sein; hier in Travnik ragen über ein Dutzend Minarette in die Höhe.

Ich habe kein Kopftuch mitgebracht. Eine Frau schafft Abhilfe, indem sie mir ein vom Kalk schon ganz steifes Handtuch reicht; ich kann die beiden Kalkenden unter meinem Kinn kaum noch festhalten. Vater steht in Socken da und ist schon ganz in ein Ornament versunken; wir Frauen sollen uns mit uns selbst beschäftigen. „Sie sind nicht von hier,‟ sagt die Frau. „Ich bin hier geboren,‟ sage ich. „Keine zehn Kilometer von hier.‟ – „Das mag sein, aber Sie sind nicht von hier.‟ – „Wie kommen Sie darauf?‟ – „Sie sind die erste Christin, die diese Moschee betritt. Wir hatten auch schon ein paar Holländer von der UNESCO hier. Aber Sie sind die erste Christin, unsere Christin, in dieser Moschee.‟ – „Wenn Sie mir sagen, dass ich fremd bin, dann fühlt es sich ganz komisch an,‟ sage ich. „Ach, es muss ein Segen sein, fremd zu sein. Wissen Sie, woran ich das merke? Ich sehe keinen Hass in Ihren Augen.‟

Über akrizano

Ein Stückwerk aus kroatischen Eltern, bosnischen Wurzeln und schwäbischen Spätzla, weit gereiste und unerschrockene Geschichtenerzählerin
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