Das Familienrennen

Als meine Großmutter mit 16 heiratete, geheiratet wurde, sich heiraten ließ, war das schon Wochen zuvor eine gemachte Sache. Mein Großvater hatte wohl bei einem Volksfest ihre Hand berührt. Die Äcker lagen günstig beieinander. Meine Mutter ließ sich 12 Jahre länger Zeit und es hatte zwar was mit Händchen halten, aber nichts mehr mit Landwirtschaftsökonomie zu tun. Sollte es in diesem Tempo so weitergehen, heirate ich mit 40, zwar ohne Aussichten auf eine Karriere als tüchtige Bauersfrau, aber bei Volksfesten halte ich jetzt schon die Augen offen.

In Sachen Nachkommenschaft hält meine Großmutter mit 8 Kindern die Bestmarke, meine Mutter brachte es auf ganze 2. Ich stehe da noch nicht einmal in den Startlöchern. Voraussichtliche Teilnahme: Ü-40-Meisterschaften im Jahre 2020.

Auch bei mitgemachten Kriegen kann meine Großmutter einen Vorsprung für sich verbuchen. Nicht dass Krieg eine Erfahrung wäre, die man mal gemacht haben muss, so wie „Fahren Sie an die Niagara-Fälle!“ oder „Kommen Sie ins Disneyland!“ Deren zwei hat sie mitmachen müssen, wo schon einer zu viel für ein Menschenalter ist. Meine Mutter und ich liegen mit einem erlebten Krieg gleich auf, haben aber keine Ambitionen auf die Pole-Position.

Uneinholbar ist meine Großmutter auch bei ihren Staatsbürgerschaften. Sie war Bürgerin zweier Königreiche, eines faschistischen und eines kommunistischen Regimes sowie zweier mehr oder weniger demokratischer Staaten. Auf dem 2. Rang halten uns meine Mutter und ich mit jeweils 3 verschiedenen Pässen die Waage. Einer in kommunistischem Rot, die anderen zwei in nichtssagendem Blau.

In der Disziplin der aktiven Sprachen wiederum liege ich mit 4 weit vorne, meine Mutter mit 2 Sprachen gleich dahinter. Meine Großmutter ist mit einer aktiven Sprache souveränes Schlusslicht. Hätte im hohen Alter von 80 aber beinah noch meine Mutter eingeholt, als sie eine glühende Anhängerin kolumbianischer Telenovelas wurde und auf Spanisch fast fehlerfrei turteln konnte: „Por supuesto, mi amor“ – „Natürlich, mein Liebster“ oder „Ay, mi corazón!“ – „Ach, mein geschundenes Herz!“

Bei den Langstreckendistanzen liege ich unangefochten auf Platz 1. Während das Ende der Welt für meine Großmutter bereits an der nächsten Ortschaft begann, lebte ich in Häusern im australischen Hinterland, die sogar Google Map nur mit knapper Müh und Not aufspüren konnte. Den Schritt über die Ozeane zu wagen, dazu muss meine Mutter, die Zweitplatzierte, sich erst noch durchringen. Es bleibt spannend.

akrizano, Februar 2010

Über akrizano

Ein Stückwerk aus kroatischen Eltern, bosnischen Wurzeln und schwäbischen Spätzla, weit gereiste und unerschrockene Geschichtenerzählerin
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2 Antworten auf Das Familienrennen

  1. akrizano sagt:

    Ertappt, liebe Irina. Das genau ist der Plot, an dem ich arbeite. ;)
    Ich unterstelle dir jetzt einfach ein feines Gespür für Gender und Gesellschaftsformen, denn genau das ist eines der Ziele für meine Familiensaga.

    Danke und wir sehn uns ganz bald! Andelka

  2. suresh sagt:

    Eine interessante drei Generationsgeschichte. Wunderbar. Bilder zum Text würde die Geschichte noch verschönern.

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