Zwiemond

Im germanischen Mondkalender ist dieses Jahr ein Schaltjahr mit 13 Monden. Als naturbegeisterter Mensch bin ich darauf erpicht, jeden einzelnen dieser Monde mit möglichst schönen, für mich und meine Örtlichkeit passenden, Bräuchen festlich zu würdigen. Dass das als Vollzeitstudent nicht immer leicht ist, liegt auf der Hand, und auch in der arbeitenden Bevölkerung kann man große Zeremonien völlig vergessen. Da kann schon mal ein Mond zu kurz kommen. Im Schaltjahr hat man jedoch Glück: Der siebte Mond nach Neujahr, der sogenannte Heumond (Lithe), wird zum „Zwiemond“ verdoppelt. Man hat also durchaus zwei Gelegenheiten.


Persönlich konnte ich bereits die erste für mich begehen, am 2.Juli, wo ich im Mondlicht zwischen Berg und Bach Granngräser schnitt und bei einem Parkspaziergang eine unglaublich tolle Begegnung hatte.

Es war stickig, trocken, heiß und hell wegen des Mondes. Keine Chance zu schlafen, trotz Vorlesung morgens um 8 Uhr. Also: Raus in den Garten, Kräuter geerntet und säuberlich zu Grannen gebündelt. Nur eins fehlte noch: Das Korn, das da eigentlich noch reingehört in die Grannen. Da ich keinen privaten Weizenacker im Garten habe, dachte ich, dass es auch ein paar dicke Grashalme vom naturheiligsten Berg Tübingens tun.
Also fuhr ich am Bach entlang bis zum Waldrand, stieg dort (Lagerfeuer und Goa-Party auf der Bergspitze ignorierend) ins Grasfeld, schnitt ein paar Halme und ließ mich noch einfach in den Bachstrom hängen. Es waren mehrere Leute unterwegs, was in dieser Nacht auch kein Wunder war. In einem Telefonat fiel das Wort „Stadtpark“, und das hielt ich für eine gute Idee, weil ich die Vermutung hatte, dort seien Bekannte von mir.
Ich hatte meine wunderschöne getöpferte Öllampe dabei, goss Öl hinein und entzündete den Docht, mit dem ich zwischen den vielen herumsitzenden Leuten die hier und da saßen durchleuchtete. Irgendwer rief tatsächlich meinen Namen, aber ich fand nicht heraus, wer es war. Ansonsten nannten mich alle einfach nur „Aladdin“. Dann traf ich eine Gruppe Archäologen, mit der ich recht schnell im Gespräch über alles mögliche war, auch über gemeinsame Freunde. Es war großartig, und als sie alle aufbrachen, machte ich mich auf den Rückweg, in der Lampe hatte ich noch Öl. Drei Leute an denen ich vorbeilief, baten mich allerdings spontan mich zu ihnen zu setzen. Dem kam ich natürlich gerne – wortwörtlich – entgegen und wir verstanden uns prima und ich merkte recht bald, dass sie – was selten vorkommt – ganz ähnliche Interessen wie ich hatten. So wurde aus einem kleinen Gespräch noch ein Ausflug in die Kneipe und in den folgenden Wochen mehrere gemeinschaftliche Nächte am Wasser.

Nach diesen Erlebnissen der ersten Nacht wollte ich das Ritual dazu gemeinsam mit anderen Freunden aus meiner alten Heimat begehen, am besten bei Tageslicht auf einem Kornfeld mit untergehender Sonne. Wir hätten dazu theoretisch den zweiten Heumond, den 31.7., nehmen können, aber unsere Wahl fiel auf Sonntag den 19., weil wir dort zu einer Kräuterveranstaltung gehen wollen. Wir hatten Zweifel ob der Tag gut verlaufen würde, da nach dreiwöchiger Dürre nunmehr Wolken und Gewitter angesagt waren.
Nach einer Stärkung im indischen Tempel am Vormittag brach ich also in die Heimat auf, und wir fanden uns gemeinsam am Bahnhof ein und fuhren zum Kräutergarten, wo das Fest stattfinden sollte. Wir hatten nur wenig Zeit an dem Tag, aber unsere Highlights gut eingeplant, besonders die Märchenerzählung von Diana Monson. Neben der irischen Geschichte eines Mannes, der sein Haus auf einem Feenhügel bauen wollte (ich fühlte mich aus verschiedenen Gründen auf meinen Grannenschnitt am Österberg erinnert) kam eine besonders spannende (durchaus auch für uns Erwachsene) um einen Indianerjungen, der den „Wolkenfresser“ bezwingen muss, damit endlich der Regen kommt. Wir sangen gemeinsam das zugehörige Lied, und kaum war sie mit ihrer Erzählung fertig, da zogen auch schon dichte Wolken auf, rumpelte es im Himmel hinter uns und der Wind nahm zu. Darüber mussten wir lachen und natürlich fielen die ersten Sprüche über den Wolkenfresser, der nun endlich besiegt war. Pünktlich zum Ende der Veranstaltung wenige Minuten später kamen dann auch schon die dicken Tropfen, und umso schneller wurde abgebaut (wir halfen natürlich). Sogesehen: Genau zur rechten Zeit.
Die Veranstalterin kannten wir von einem befreundeten Bauernhof, zu dem wir uns spontan noch entschlossen hinzufahren, weil ich ihn meiner Begleiterin einmal vorstellen wollte. Natürlich zog mich meine Sehnsucht auch zu den dortigen Kornfeldern, auf denen ich auch einst in ein beeindruckendes Gewitter geraten war, bei dem sogar der Blitz ins Kornfeld eingeschlagen war – ein sehr mythologisches Erlebnis.

Wir ahnten noch nicht, dass der wirklich schöne Teil des Abends noch kommen würde. Als wir am Hof Menschen und brennendes Feuer bemerkten, entschlossen wir uns, auszusteigen und unsere Bekannten zu begrüßen. Meine Begleitperson war von dem Hof, seiner Atmosphäre und seiner liebevollen Gestaltung sowieso (verständlicherweise, wie ich meine) sehr angetan. Es war wunderschön, die Leute dort nach längerer Zeit wiederzusehen, die dabei waren, gleichzeitig den Geburtstag von Mutter, Tochter, und deren Heimkehr von einem längeren Auslandsaufenthalt zu feiern. Wir unterhielten uns ein wenig, bekamen Kuchen und die Mädchen standen in der Hofmitte und bemalten den Stamm des Hofbaumes mit Zeichen und Mustern, die stark an die der Aborigines erinnerten. Bevor wir aber in dieser Zeremonie, zu der wir ja auch gar nicht eingeladen sondern nur zufällig dazugekommen waren, ganz versanken, verabschiedeten wir uns für diesen Abend wieder, aber wie betrunken von unseren Erlebnissen, während wir die späten Sonnenstrahlen noch sahen, die von Regentropfen umgeben den Hof zu einem gelben Leuchten brachten. Immer wieder bahnte sich die Sonne ihren Weg durch die mal nassen, mal trockenen Wolken.
Zuhause angekommen grillten wir dann noch im Sonnenuntfffergang zusammen, und einiges von dem heutigen Tag begegnete mir wieder: Die Indianer, die ich auf dem „Schwoißfuß“-Shirt meines Vaters sah, oder auch Wein und Fisch aus dem Volkslied „Bauer und Kalb“, das ich unterwegs gesungen hatte. In den letzten Zügen des Tages zeigte sich auch die Sonne nochmal, die ich zuletzt nur noch in Form von orangenen Flecken sah. Als ich auf die Eiche kletterte und zwischen zwei Häusern durchspähte, sah ich sie dann tatsächlich noch hinter den Weinbergen verschwinden und saß traumversunken zwischen den Zweigen.
Aus unseren eigentlichen Zeremonienplänen war so gesehen nun doch nichts geworden. Aber das machte überhaupt nichts – mit dem was wir getan und erlebt hatten, wurde dieser Heumond sicherlich so gut begangen wie es bei einem kleinen Reisetag zu zweit besser wohl kaum möglich gewesen wäre. Und für alles andere hatten wir ja noch die Erlebnisse vom ersten Vollmond und den zweiten, der in einigen Tagen noch aufleuchten würde. Vielmehr im Leben kommt eben doch wieder, als man manchmal denkt, und im Jahreslauf findet man es ständig – auch das war Thema auf unserer Heimfahrt gewesen

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4 Antworten auf Zwiemond

  1. Björn Suender sagt:

    Hallihallo,
    ein wunderschöner Bericht über diesen Mond. Wundervoll! Man öernt doch immer Menschen bei seinen aktivtäten kennen. Dürfte ich erfajren, was genau Du studierst? Und bist Du in Deiner Freizeit Druide? Ich kenne einen, und unterhalte mich immer so gerne mit ihm.

    • Felix Walz sagt:

      Hallihallo Bhörn, gerne, ich studiere Germanistik und Theologie (evangelisch). Ich denke, ob man Druide ist oder nicht, ist keine Frage der Freizeit. Es ist für mich eine bestimmte Art und Weise, die Natur und die Entwicklungsgeschichte der Menschheit zu betrachten. Das prägt dann natürlich auch meine Erfahrung mit neuen Begegnungen bei solchen besonderen Ereignissen 🙂 Zu weöchem Verein gehört denn dein Gesprächspartner?

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