Der Geruch der Liebe…

In den Siebzigern, als ich nach Europa kam, alles war neu für mich, vieles roch sonderbar anders und milder als in Indien. Sogar die Rosen verstreuten ihre Düfte zärtlich.

In Indien hatte ich in meiner Jugend nur Twist und Rock & Roll getanzt. In Europa wollte ich die Tänze Walzer und Cha Cha Cha lernen. In der Tanzschule eines dänisch-deutschen Paares lernte ich ein nettes Mädchen kennen.

Sie war selbstsicher, sah gut aus und strahlte Freude aus. Außerdem tanzte sie etwas keck, aber elegant und roch angenehm, …  Der feine Duft war nicht so intensiv, wie die bekannten Parfüms.

In den Pausen gingen wir nach draußen, … nein, nicht zum Rauchen sondern, um frische Luft zu schnappen, denn drinnen konnte ich den Rauchgestank nicht aushalten. Sie rauchte auch nicht und hasste diesen kalten Rauch, das machte sie sympathisch in meinen Augen.

Wenn sie mich an Sonntagen besuchte, war irgendetwas anders an ihr. Unsere Beziehung war frisch und wir waren verliebt, aber wir kannten uns noch nicht lang, so dass es nur zu einem zwanglosen Gespräch kam. An Sonntagen roch sie anders, es war nicht unangenehm, aber sonderbar.

Sie kam an einem Sonntag gegen Spätmittag und kündigte an, dass sie sich den darauf folgenden Montag als Brückentag freigenommen hätte. Ich freute mich riesig und umarmte sie. Da roch ich es erneut, beschnupperte sie unauffällig und sagte beiläufig: „Schön, dass du da bischt.“

Sie löste sich von mir und sagte: „Woischd, i han im Stall helfe müsse.“ Ich wusste nicht, was sie damit meinte, denn ich verstand zweimal die Hälfte nicht.

Sie bemerkte es sofort, lachte schallend und erklärte mir in ihrem besten Hochdeutsch, dass sie ihrer Familie im Schwarzwald an den Wochenenden bei den landwirtschaftlichen Arbeiten aushelfen müsse.

Da erkannte ich den Grund für den sonderbaren Duft und dachte mir als Erstes, dass sie wohl aus einer Bauernfamilie kommt.

Sofort schaltete sie ihren Dialekt wieder an und sagte: „Nachmittag hätt‘ i für oi Stond in die Hahn‘sche G’meinde ganga solla.“ Wie ein Wasserfall berichtete sie mir über die Arbeiten, über die Rituale in der Familie, wie sie am ‚Sonndich‘ in die Kirch‘ gehen, miteinander singen und nach dem Kirchgang ‚a Schwätzle‘ halten würden usw.

Alles war völlig neu für mich, gebannt und mit vollkommener Neugierde hörte ich ihr aufmerksam zu und genoss die Art und Weise, wie sie ihren Alltag mit ihrer Familie schilderte. Ihre Mimik, die strahlenden grün braunen Augen und das schallende Lachen beeindruckten mich sehr.

Weihnachten stand vor der Tür, es duftete frömmlich° nach Weihrauch,  Lebkuchen, Tannenzweigen und Kerzen. Wir wollten an einem Sonntag zum Weihnachtsmarkt. Ihr zuliebe wollte ich sogar den Glühwein trinken, den ich nicht mochte. Denn der intensive Duft des heißen Weines gelangt sofort ins Gehirn und verwirrt meine Gedanken.

Am liebsten hätte ich gern eine Scheibe würzigen Käse mit dunklem Brot und einen halbtrockenen Müller-Thurgau genossen. Wie kann man, fragte ich mich oft, einen guten Rotwein mit Gewürzen, wie Nelken und Zimt verletzen? „Des verschdosch Du ned“ war ihre gekränkte Meinung dazu. „Was ist da zu verstehen? Es riecht mir nicht“, protestierte ich.

Der durchdringende Geruch des Rauches der gerösteten Maronen lockte uns zu einer warmen Ecke auf dem Weihnachtsmarkt, dort machte sie mich mit den aromatischen und leckeren Gewürztraminern bekannt. Das war eine feine Sache und gehört noch heute zu meinen Lieblingsweinen.

In den drauf folgenden Monaten lernten wir uns besser kennen und alle unsere Freunde und ihre Familie haben zur Kenntnis genommen, dass wir inzwischen ein Paar geworden sind. Ihre Eltern waren mit unserer Beziehung überhaupt nicht einverstanden und ihr Vater warnte ihr, dass ich in Indien ein Harem unterhalte und sie solle lieber einen aus ihrem Dorf aussuchen solle, der dann die Landwirtschaft übernehmen könne.

In meiner Eineinhalb-Zimmerwohnung befand sich auch eine Art Küche, diese bestand aus einem Zweiplattenherd mit Spüle neben dem Kühlschrank. Ich hatte Linsencurry-Suppe gekocht, viel mehr konnte ich damals nicht. In dem ganzen Trubel hatte ich vergessen, den Herd von Stuffe 1 auf Null umzuschalten.

Die Linsensuppe hatte sich inzwischen in eine Linsensoße verwandelt und blubberte leicht. Ich schaltete den Herd aus, gab eine Tasse kaltes Wasser dazu und rührte es sachte um. „Hm, des riecht gut, schmeckt bestimmt lecker“, sagte sie und offenbarte, dass sie hungrig sei, wollte aber zuerst ins Bad.

Ich kochte meine Spezialität, Basmati-Reis mit Ghee. Ghee ist eine Art Butterschmalz. Ghee macht den Reis körniger und erzeugt einen guten Geschmack, vor allem das himmlisch gute Aroma.

Ghee ist Laktosefrei. Bei der Herstellung des Ghee wird durch ein schonendes Siedeverfahren der Butter Wasser, Milcheiweiß und Milchzuker entzogen.  

Angeröstete rote Zwiebel und Senfkörner mit Ghee verströmten ein Appetit anregendes Gourmet-Aroma. Als ich dies in den Topf mit dem Linsencurry vermischte, durchzog ein Wohlgeruch der Extraklasse die kleine Wohnung ohne Dunstabzugshaube.

Sie kam gerade aus dem Bad, inzwischen fertig geduscht, das Haar noch nicht ganz abgetrocknet und lobte erneut das Aroma, das sie wahrgenommen hatte. Ich trocknete ihr Haar sanft und es roch angenehm, wie der Frühling.

„I han‘ Dein Shampoo ned gfonda.“ Ich tat so, als ob ich es nicht zur Kenntnis genommen hätte, denn ich besaß kein Shampoo. Die Sandelholz-Seife war mein Shampoo und einen Haartrockner brauchte ich nicht.

Nach dem Essen sahen wir meist den Heinz Rühmann oder Theo Lingen in Schwarzweiß, denn leider hatte ich nur einen Schwarz-Weiß-Fernseher. Jedes Mal, wenn ich den Fernseher einschaltete, dauerte es ein Weilchen, bis alle Röhren im Fernsehapparat aufgeheizt waren. In den ersten zehn Minuten roch es immer nach irgend etwas elektronisch Verbranntem, aber ich habe diesen Geruch nach einiger Zeit nicht mehr wahrgenommen.

Meine urschwäbische Freundin und ich konnten nach einigen Monaten sehr gut kochen. Sie lernte sogar, mit geschlossenen Augen die diversen indischen Gewürze an ihrem Aroma zu erkennen. Das Linsencurry, genannt Daal, blieb unsere Lieblingsspeise. Die schlechte Eigenschaft des Daal ist, dass man nach dem Verzehr Blähungen bekommt. Einmal, ohne Vorwarnung, entwich die Luft nach draußen.

Sie lachte schallend und sagte:„Mei Vadter täte sage‘, laute Fürze stinken nicht, leise aber fürchterlich.“

Damals im Jahre 1975 gab es kein Internet, eMail oder Mobiltelefone. Aerogramme, das waren blaue Briefpapiere die man als Umschlag zusammen falten konnte und als Luftpost ins Ausland verschickte.

Zum Telefonieren musste man in die Telefonzentrale am Bahnhof und ein Ferngespräch ins Ausland anmelden. Wenn die Verbindung zustand kam wurde man aufgerufen und dürfte drei Minuten lang in einer der Telefonkabinen das Ferngespräch führen. Obwohl die Kabinen von innen verschlossen wurde, hörten die anderen Wartenden fast jedes Wort, weil die Telefonierenden in die Sprechmuschel laut schrien damit am anderen Ende im Ausland es gehört werden konnte.

An Sonntagen schrieb ich Briefe an die Verwandten, erzählte ihnen alles was ich in Germany erlebte und was vermisse. Ich beschrieb ihnen detailliert über die Infrastruktur, Architektur, Einkaufzentren, Essgewohnheiten und dass es in Deutschland Tempeln und Feste wie Indien nicht gibt. Da ich der einzige in der Großfamilie war, der im Ausland lebte, lasen sie meine Briefe gern und reichten es weiter an andere Verwandte.

Jeden Monat bekam ich gesammelte Briefe von Verwandten in einem Kuvert. Manche Briefe enthielten viele Fragen über das Leben, Kultur und Bräuche in Deutschland. 

Meine Mutter schickte mir eine kleine Packung Asafötida per Luftpost. Als ich diese aufmachte, roch es intensiv nach Gewürze. Meine Liebste sagte spontan, so wie sie immer war: „Was ischt denn des, des stinkt ja teuflisch.“ Ich zuckte zusammen. Später las ich in einem Kochbuch, dass man dazu ‚Hing‘ und ‚Teufelsdreck‘ auf Deutsch sagt.

Wir lachten herzlich, erzählten es unseren Freunden und amüsierten uns köstlich. Dieser indische Teufelsdreck hat zwei besondere Eigenschaften. Zum einen entlockt er nach dem Kochen mit Fleisch und Curry alle Aroma-Nuancen der Gewürze und zum anderen verhindert er Blähungen.

Übrigens, meine Liebste durfte ich immer riechen, wenn sie es mir erlaubte, und außerdem, ich konnte sie riechen, wollte ich mal sagen.

°frömmlich  fromm, frömmer, frömmlich   
https://www.kunst-worte.de/wort-kuenstler/suresh/

Über suresh

Ich bin Inder und deutscher Staatsbürger. Als patriotischer Weltbürger pendele ich zwischen beiden Heimaten und fühle mich sehr wohl dabei. Ich habe inzwischen in beiden Welten mein Zuhause gefunden. Mit Wahrem und Erlebtem aus meinem Leben schreibe ich Geschichten in „Migranten-Deutsch“. In reinem, ganz fehlerfreiem Deutsch zu schreiben, habe ich noch nicht gelernt, es fällt mir schwer. Mein Ziel ist aber, mit unterhaltsamen Erzählungen zur interkulturellen Völkerverständigung beizutragen, auch um Missverständnisse möglichst auszuräumen. Wenn ich dadurch bei den Lesern Friede und Freude erzeugen kann, dann bin ich zufrieden. Die Eierkuchen müssen sie schon selbst backen ;-) Ich denke "Ethik ist eingebaut - Religion ist eingebracht" 'Connecting Cultures' ist meine Aufgabe. 'Helfe um geholfen zu werden' ist mein Motto.
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2 Antworten auf Der Geruch der Liebe…

  1. Björn Sünder sagt:

    Hallihallo,
    ein wunderschöner Text. Wir achten unseren Geruchssinn viel zu wenig, durch Düfte erinnern wir uns so leicht. Weil der Geruchssinn mit unseren ältesten Gehirnteil zusammenhängt. Ich selbst habe vor kurzem einen Text geschrieben, einen Kurzkrimi, in dem es auch um Gerüche und Geräusche geht. Würde ich euch gerne einmal lesen lassen, wer Interesse hat, gerne melden.

    • suresh sagt:

      Herzlichen Dank, lieber Björn, freut mich, dass dir mein Text gefallen hat. Ja, du hast recht, unser Geruchssinn erweckt in uns alte Erinnerungen.

      einen Kurzkrimi, in dem es auch um Gerüche und Geräusche geht.

      Ja, komm bitte zu unserem Schreibtreff am 17. August 2019 in Ludwigsburg.
      Wir würden gerne deine Kurzkrimi hören.
      Herzliche Grüße
      Suresh

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