Ratatouille – Eine Familiengeschichte aus Indien

Einmal im Jahr bin ich in meiner Urheimat Indien, dort ist es nicht üblich, dass Männer kochen. Ich aber bin Hobbykoch und experimentiere gern mit indischen Gewürzen.

Am Anfang haben meine Verwandten mich belächelt, wenn ich im Freien kochte,   schauten aber neugierig zu oder halfen tatkräftig mit.

 Viele Köche verderben den Brei“, dieser Spruch mag hierzulande gelten, aber in Indien kocht man ja auch keinen Brei.

Einmal wollte ich für meine Verwandten ein Ratatouille nach meiner Art zubereiten. Ich besorgte frische Zutaten. Das Gemüse kam vom Markt und der frische Fisch von einem einheimischen Fischer.

Der provisorische Herd    stand im Hof und bestand aus acht Ziegeln, einer großen eisernen Pfanne und jeder Menge Holz.

Ich gab zwei Esslöffel Kokosnussöl in die Pfanne und verteilte dünn geschnittene Zwiebelringe auf dem Pfannenboden.

Dazu kamen ein paar Knoblauchzehen,  feingeschnittene  Kartoffeln, Tomaten und Karotten. Ich würzte mein Ratatouille mit Curry- und Korianderblättern, Ingwerstücken, frisch gemahlenem Kurkuma, Kreuzkümmel, ein paar frischen Pfefferkörnern, geschnittenen Chilischoten und drei Fingern Salzkörner.   

Zum Schluss legte ich dünne Auberginenscheiben und Kochbananen oben darauf und schloss den Deckel. Das Ganze ließ ich bei schwacher Hitze schmoren. Ganz ohne Wasser.

Eine Cousine von mir  ist eine erfahrene Köchin. Sie hatte meine Kochkünste von weitem betrachtet und fragte mich  ein wenig besorgt, ob man das überhaupt essen könne.    Sicherheitshalber kochte sie  für sich ein Linsencurry.

Nach einer halben Stunde machte ich den Deckel auf, gab ein Esslöffel Ghee dazu. Ghee ist eine Form von Butterschmalz. Ich rührte alles sachte um und eröffnete das Büffet.

Auch meine skeptische Cousine   sagte später, dass mein Essen schmackhaft sei, aber sie würde lieber nach ihrer Art kochen und sei an Kochexperimenten nicht interessiert.

In meiner indischen Familie wird beim Kochen viel geredet, über den Stand der Dinge in der Familie, anstehende Hochzeiten und über die traditionellen Feste.    Es wird diskutiert, kommentiert und herzlich gelacht.

Es ist eine Art Ritual, auch der Dialekt ist ein Singsang. Keiner wartet, bis einer mit dem Reden fertig ist, aber es entsteht  trotz alldem kein Durcheinander.  Es ist wie eine  Melodie und das Essen nachher ein Gedicht.

Wenn ein Gewürz fehlt, muss ein Kind zum Nachbarhaus rennen und es besorgen. Meist will die Nachbarin wissen, was gekocht wird und dann gibt sie ein weiteres Gewürz mit, das dazu passen wird.

Wenn es mal Streit zwischen Nachbarn gibt und sie nicht mehr miteinander reden, dann ist das Ausborgen von Gewürzen eine gute Möglichkeit, die Harmonie wiederherzustellen.

Als ich zehn Jahre alt war, verbrachte ich einmal die Ferien im Hause meiner Großeltern und erlebte eine Krisensituation.

Meine Großmutter, Thaayammaal, hieß sie,  pflegte regen Kontakt zu anderen Frauen vom Dorf und betreute Frauen in der Umgebung. Sie war eine Art  Heilmedizinerin nach dem indischen Naturheilverfahren, genannt  Siddha-Waidhyam.

Einmal gab es eine  lange Stillschweigeperiode zwischen meiner Großmutter und ihrer besten Freundin Kamala aus der Nachbarschaft. Nur die Kinder der Familien spielten miteinander, die Erwachsenen hüllten sich in Schweigen.

Die Situation war für uns alle unerträglich, den Grund für den Streit kannte bald niemand mehr.

Kasthoori, die Enkelin der Nachbarin Kamala, kam eines Tages zu uns gerannt und meldete einen Notfall.

Kamalas Schwiegertochter sei ohnmächtig geworden und ihre Oma Kamala wolle, dass unsere Großmutter ein bestimmtes Kräuteröl bringen solle.

Meine Großmutter stand wortlos auf,  machte ihren Medizinschrank auf, schnappte sich einige Zutaten und eilte zur Nachbarin.

Der Schwiegertochter ging es anscheinend unmittelbar nach der Behandlung so gut, dass sie mit ihren Kindern shoppen gehen konnte. Wie war das möglich?

Auch heute noch, Jahrzehnte später, denke ich über diese Episode nach. Vielleicht war die die angeheiratete Schwiegertochter der Nachbarsfamilie   ja gar nicht krank. Sie stammte aus dem Norden des Landes und konnte sich in den Sprachen Tamil und Malayalam gut unterhalten.  Womöglich war sie eine gute Schauspielerin und die Ohnmacht war geschwindelt?

Auf jeden Fall, meine Großmutter und ihre Freundin Kamala fanden durch diesen Vorfall den Draht wieder zueinander.

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