Lebenselixier

Meine Geschichte startet 1975 und ich nehme Sie mit in die Großstadt Berlin.

Berlin ist eine geteilte Stadt, die DDR existiert noch. Wir wohnen in der Waldemarstraße, die an der Berliner Mauer endet. Bei uns im westdeutschen Teil ist es möglich, die Mauer zu berühren oder darüber zu schauen, aber im Ostteil der Stadt gibt es einen 70m langen Todesstreifen mit Stacheldraht, Wachtürmen, Hunden und Beamten der Volkspolizei; „Vopos“genannt, die es unmöglich machen sich der Mauer überhaupt zu nähern.

Mitten in Berlin, in Kreuzberg sind wir zu Hause, Wir wohnen im Altbau im 3. Stock. Wir sind eine 5 köpfige Familie; meine Mutter, mein Stiefvater, meine ältere Schwester und mein jüngerer Bruder. Die beiden sind leider nicht ganz gesund.

Meine Schwester ist 15 und an Diabetis Mellitus erkrankt. Sie muss sich Insulin spritzen und sich diätetisch ernähren. Mein kleiner Bruder ist 100% schwerhörig. Er ist jetzt zwei Jahre alt und wirklich süß.

Zum Glück bin ich gesund, aber das heißt auch, daß ich viele Alltagsdinge alleine machen kann und oft natürlich auch muß, denn meine Mama ist damit beschäftigt die beiden Kranken zu versorgen: extra Essen zu kochen und  dem „Nesthäkchen“ besondere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Zu meinem großen Glück gab es „Tante Leenchen“. Eigentlich hiess sie Helene und sie lebte „aleene“, warum „weeß ick nich“, denn darüber wurde in unserer Familie nicht „jesprochen“.

Sie lebt bescheiden, arbeitet hart als Putzfrau auf einer OP-Station und muss oft auch am Wochenende arbeiten. Aber sie ist meine tolle Patentante. Sie hat mich eingeladen das Wochenende bei ihr zu sein. Sie wird mich abholen.

Ich bin so aufgeregt, zähle die Tage und kann es kaum erwarten. Ich freue mich so! Heute ist Freitag. Es klingelt: riiiing ! Tante Lenchen war gekommen, um mich abzuholen. „Hallo Gudi…“, ich renne ihr entgegen und begrüße sie herzlich. Sie setzt sich an den Küchentisch, um mit Mama einen Kaffee zu trinken. Nach einer viel zu langen Kaffezeit kann es losgehen. Ich greife nach meinem längst gepackten Rucksack. 

Wir fahren mit der U-Bahn – unser Ziel : „Schlesisches Tor“. Die U-Bahn in Berlin, auch Hochbahn genannt, fährt zum Teil oberhalb der Erde. Sie schlängelt sich  zwischen den Wohnhäusern entlang. Unter der Hochbahn sind zahlreiche Parkplätze  und oben kann man während der Fahrt in die Wohnungen im 1. Stock sehen. Die Fahrt ist immer interessant: „ ich kieke, staune, wunder mir… und …schon sind wir da“. Von draussen dringt eine Stimme an unser Ohr: „Endstation Schlesisches Tor, alle aussteigen bitte!“

Den restlichen Weg gehen wir zu Fuß.

Wir erreichen Ihre Wohnung. Sie wohnt an einem Hinterhof, ganz oben im 4. Stock. Das Treppensteigen vergeht mit staunendem Kieken was so alles ausserhalb der Wohnungen im Treppenhaus gelagert wird; Schuhe, kleine Schränkchen, Dreiräder… 

„Darf ich aufschliessen?“ frage ich meine Tante. „Ja, hier sind die Schlüssel“  antwortet sie. Im vorderen Teil der Wohnung lebt eine Familie mit Kind in zwei Zimmern und Tante „Leenchen“ bewohnt die zwei hinteren Zimmer.Toilette, Küche und Flur werden geteilt.

„Tante Leenchen“ hat wieder etwas für mich vorbereitet. Feierlich steht es auf dem Waschtisch. Ich sehe es heute noch vor mir: Eine Flasche Rotbäckchensaft – das Etikett zeigt ein Mädchen mit blauem Kopftuch. Daneben steht ein Trinkglas. Gleich wird sie mir einschenken – mein Glas „Rotbäckchensaft“, mein Begrüßungsgetränk. Der Saft wurde mein Lebenselixier mit Vitaminen, Mineralstoffen und – es war Tante Lenchens „Ja“ zu mir. Unsere gemeinsame Zeit.

Kennt ihr das Getränk?; es gibt es noch heute.

Das Glas Rotbäckchensaft gab es entweder zur Begrüßung oder zum Abschied. Es gehörte auf jeden Fall bei jedem Besuch dazu.     Wir machen auch diesmal einen Ausflug, gehen in den Gottesdienst und auf Tante Lenchens Arbeit.      Heute habe ich viel erlebt, bin liebevoll mit Lebenselixier versorgt worden, und bin sofort glücklich in meinem Bett eingeschlafen. Nicht umsonst sagt man: „Onkel und Tanten sind die besten Verwandten.“  ;D

 

 

 

 

 

Marbach Oktober 2018

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