Stunden Null

 

Der Hunger war das schlimmste. Er nagte in ihm und höhlte sein innerstes aus. Ganz langsam. Das also musste die Hölle sein, vor der ihn sein Vater gewarnt hatte.

Franz Siegmann setzte immer einen Fuß vor den anderen. Nur weitergehen. Nicht stehen bleiben. Denn sonst würde ihn der Hunger überwältigen. Mit seiner taub gewordenen Hand schob er sich Schnee in den Mund. Während er langsam auf seiner Zunge schmolz, kühlte er sein fiebriges Inneres.

Franz sah sich in der Stadt um. Unter der dichten Schneedecke war der Boden nicht zu erkennen. Bei jedem Schritt knirschte es unter seinen Armeestiefeln. Als Kontrast zu dem ewigen Weiß, das in der tief stehenden Wintersonne strahlte, ragten die schwarzen Ruinen der ausgebombten Häuser wie Gerippe aus dem Sand.

Franz setzte weiter einen Fuß vor den anderen. Er lauschte den knirschenden Geräuschen, die seine Stiefel verursachten. Bei dem Anblick all der Zerstörungen die sich ihm bot, dachte Franz, dass das Tausendjährige Reich nicht lange Bestand gehabt hatte. Jetzt war das Deutsche Reich von den Alliierten besetzt und in vier Zonen eingeteilt, die von Amerikanern, Briten, Franzosen und Russen verwaltet wurden.

Ein Wind fegte durch die Ruinen der ausgebombten Stadt, wirbelte Schnee auf und trieb ihn vor sich her. Franz zog seinen Mantel enger um sich. Weitergehen war sein einziger Gedanke. Nicht stehen bleiben, sonst würde er wieder diesen Hunger spüren, der an seinen Eigenweiden fraß. Die Überreste einer Kirche zogen seine Aufmerksamkeit auf sich. Der Glockenturm war in sich zusammengefallen und die Glocken lagen glänzend in der Sonne. Die Buntglasfenster hatten die Druckwellen der Bomben irgendwie überstanden und strahlten auf, als das Licht der Sonne durch das zerstörte Dach fiel. Zum ersten Mal spürte Franz wieder Hoffnung. Eine Hoffnung das alles gut werden würde. Von den Resten des Kirchendaches gingen krachend Schneemaßen ab und stürzten auf einen großen Schutthaufen.

Franz ging weiter. Die Stadt, in der er aufgewachsen war, hatte sich verändert. Sie hatte sich in etwas bizarres, abnormes verwandelt. Als er um eine Ecke bog, kam das Rathaus in Sicht. Franz erinnerte sich wieder an die Parade, als die Männer 1939 in den Krieg gezogen waren. Wie prachtvoll die Straßen und das Rathaus geschmückt gewesen waren. Überall Girlanden und die Menschen jubelten den Soldaten zu, als ob sie neue Götter gewesen wären.

Doch im Licht der neuen Zeit konnte Franz sehen, dass die einst so helle Fassade geschwärzt war. Tiefe Einschusslöcher waren zu erkennen und es gab nur noch wenige Fenster. Vor dem Eingang des Gebäudes stand ein Panzer. In einem leichten Wind wehte die amerikanische Flagge auf dem Rathausdach. Als ihn die beiden Wachen vor dem Eingang bemerkten, nahmen sie ihre Gewehre herunter.

Stopp Kraut!“ Der Schrei brach sich in den Ruinen und wurde tausendfach zurückgeworfen. „Wo wollen Sie hin?“ Das Deutsch war gebrochen und hörte sich an, als ob man Kaugummi in die Länge ziehen würde. Franz blieb stehen. Sofort spürte er ihn wieder. Den Hunger. Er war am schlimmsten.

Nach Hause. Nur nach Hause.“ Franz hoffte, dass der Soldat ihn verstehen würde und bereitete sich darauf vor seine Entlassungspapiere vorzuzeigen.

You mean, you want to go home?“

Franz verstand englisch. Sein Vater hatte es ihm beigebracht, da die Familie vor dem Krieg oft nach England gefahren war, um Urlaub zu machen. Außerdem hatte Franz viele Jahre lang eine Brieffreundschaft mit einem Engländer namens John unterhalten, den er in dem bekannten Seebad Brighton kennengelernt hatte. Franz fragte sich, wie er diesen Krieg wohl überstanden hatte.

Yes, go home.“

Look arround you.“ Der amerikanische Soldat lachte und deutete auf die geschwärzten Ruinen, die sie umgaben. „There´s no home.“

Franz ließ den Kopf hängen und wollte weitergehen.

Wait!“, rief der Soldat. Franz erstarrte und erwartete verhaftet zu werden. Das hatte er schon einmal gehabt. Stundenlang hatten ihn die Amerikaner festgehalten und seine Entlassungspapiere aus der Kriegsgefangenschaft studiert, bevor er endlich weitergehen durfte.

Der Soldat griff in seine Hosentasche, holte eine Packung Zigaretten heraus und warf sie Franz vor die Füße. Es war eine Schachtel Lucky Strike. Der andere Soldat warf eine Streichholzschachtel daneben. Mit zitternden Händen hob Franz die beiden Gegenstände auf. Wenn der Hunger zu stark werden würde, würde er eine rauchen, oder vielleicht konnte er sie gegen Essen eintauschen.

You will need it“, sagte der Soldat und lachte noch einmal. „Moore than me.“

Thank you.“ Franz setzte seinen Weg durch die Apokalypse fort. Der Soldat hatte recht gehabt, hier gab es kein Zuhause mehr. Er sah wieder auf die Gerippe der Gebäude. Ausgebombt. Vernichtet. Hier gab es nichts mehr.

Sein Magen knurrte. Schickte Schmerzenswellen durch seine Eigenweide. Franz schrie, krümmte sich und ging in die Knie. Seine Finger verkrampften sich im Schnee und bekamen letztendlich nichts zu fassen. Sein Mund öffnete sich wieder zu einem Schrei, doch es kam kein einziges Geräusch. Langsam nahmen die Schmerzen ab, wurden weniger und waren dann nur das, was sie vorher gewesen waren: nagendes Ungemach.

Franz richtete sich auf und ging in die Hocke. Er nahm etwas Schnee vom Boden und rieb sich das Gesicht damit ab. Die Kälte machte ihn wieder wach und erfrischte ihn und dabei musste er wieder an den Russlandfeldzug denken, an die Umrisse von Leningrad. Dort war ihm die Kälte begegnet und etwas, was viel schlimmer war als das: Hunger. Der Nachschub hatte nie funktioniert und sie mussten Dinge essen, über die man lieber nicht genau nachdachte. Dort hatte er sich den Magen ruiniert. Alles im Namen des Führers, der nicht weniger wollte als die ganze Welt.

Mit seinen zitternden Händen zog er die Packung Lucky Strike heraus, öffnete die Schachtel und sah hinein. Vier Zigaretten waren noch darin. Er steckte sich eine in den Mund und stand ganz auf. Er dachte an Anemone. Franz fragte sich, ob seine Frau diesen ganzen Wahnsinn überlebt hatte, ob sie auf ihn wartete und sich in verzweifelten Stunden fragten, ob er noch am Leben war. Seine Tochter Dagmar hatte er zum letzten Mal im Sommer 1943 am Bahnhof im Arm gehalten. Sie hatte gelacht und unverständliche Worte vor sich hingesagt, als sie in seinen Armen gelegen hatte. Da war Franz klar geworden, dass er jetzt für seine Familie kämpfen musste und nicht für einen Führer, den er niemals persönlich getroffen hatte.

Zwei Kinder gingen an Franz vorbei. Die beiden zogen einen Bollerwagen hinter sich her. Aufgeschichteter Weihnachtsschmuck lag in dem Wagen. Es klimperte und klingelte, während der Wagen hin und her schaukelte. Franz wunderte sich, dass dieser Schmuck die ganzen Bomben und das Feuerinferno überstanden hatte. Er brach ein Streichholz ab und bemerkte, dass von diesen auch nicht mehr viele übrig geblieben waren. Langsam glaubte Franz, dass die beiden Soldaten ihm die Sachen nur geschenkt hatten, um ihn zu verhöhnen. An seinen Schuhsohlen setzte er das Streichholz in Brand, entzündete die Zigarette und zog den Rauch tief in die Lungen. Der Hunger wurde weniger. Das war echt ein Glückstreffer.

He, was habt ihr denn damit vor?“

Die beiden Jungen blieben stehen, drehten sich um und sahen Franz an wie Porzellanpuppen. Die Kleider der Kinder waren nur noch Lumpen auf ihrer Haut und ihre Gesichter waren mit Ruß verschmiert. Franz schätzte die beiden auf zehn Jahre. Allerhöchstens. Einer der Jungen hatte eine ausgefranste Narbe auf der rechten Seite seines Gesichtes, die schräg nach unten zum Kinn verlief. Es verlieh ihm ein dämonisches Aussehen.

Waren Sie Soldat?“, fragte der Narbenjunge. Als Franz nickte, sah ihn der Narbenjunge von oben bis unten an. „Wieso haben Sie es nach Hause geschafft und Papa nicht?“ Er spuckte aus.

Ich weiß es nicht“, erwiderte Franz und seine Schultern fielen herab. Es schien, als ob sich die allerletzten Reste seiner Kraft aufzulösen schienen. „Hab gefragt, was ihr beiden mit dem Schmuck vorhabt.“

Sie sind ganz schön neugierig, was? Mein Vater hat immer gesagt, dass man neugierige Katzen am besten ersäufen sollte.“ Narbenjunge lachte. „Wir sammeln Weihnachtsschmuck, wenn Sie es genau wissen wollen.“

In diesen Trümmern?“ Franz stieß Rauch in die kalte Luft.

Klar, das meiste ist ja in den Kellern gelagert worden, deswegen war das Zeug vor den Bomben sicher.“ Es war wieder Narbenjunge der antwortete. Der andere starrte ausdruckslos vor sich hin. Seine hellblauen Augen waren leer.

Was ist mit deinem Bruder?“ Franz nahm an, dass es sich um den Bruder von Narbenjunge handeln musste.

Der da ist nicht mein Bruder, habe ihn in den Trümmern gefunden und ihn mit nach Hause genommen. Mutter und ich kümmern uns jetzt um ihn. Wir haben ihn Hans getauft, nach meinem Vater.“ Narbenjunge strich Hans über den blonden Scheitel. „Die einzigen Worte, die er jemals von sich gibt sind: ficki, ficki. Sonst sagt er niemals etwas. Wissen Sie, was das bedeutet?“

Franz schüttelte den Kopf und nahm noch einen Zug. Der Narbenjunge würde in dieser neuen Welt bald erfahren, was es bedeutete.

Wir müssen weiter. Machen Sie es gut und passen Sie auf sich auf“, sagte Narbenjunge und klopfte Hans auf die Schulter. „Weihnachten steht vor der Tür und Mutter will den kargen Tannenbaum schmücken, den sie zwischen den Trümmern mit ihren Händen ausgegraben hat.“ Die beiden Jungen gingen weiter. Die Räder des Bollerwagens zogen eine tiefe Spur in den Schnee. Das helle Klingeln hallte noch eine Weile durch die Luft und war alles, was blieb.

Franz starrte auf die Spur im Schnee, bis seine Zigarette heruntergebrannt war. Für ihn war es beinahe ein Wunder, dass nach dieser allumfassenden Zerstörung der Weihnachtsschmuck noch heil geblieben war und ein kleiner Teil der Menschlichkeit. Er warf die Zigarettenkippe weg und hörte noch ganz leise das helle Klingeln.

Winter-Wahnsinns-Wunder-Land“, flüsterte er und setzte seinen Weg fort. Währenddessen versuchte Franz irgendetwas vertrautes zu erkennen. Doch da war nichts mehr in dieser Stadt, in der er aufgewachsen war. An einem Straßenschild blieb er stehen. Durch das Feuer der Explosionen war es in sich zusammengesunken und sah aus wie eine Lache Erbrochenes. Im tiefen Schnee entdeckte Franz die Ränder eines anderen Blechschildes. Er ging in die Knie und machte es frei. In großen verschnörkelnden Buchstaben stand Bäckerei Fritz darauf. Links und rechts vom Schriftzug waren zwei Brezeln abgebildet. Jetzt wusste Franz, dass er nicht mehr weit von zu Hause entfernt war. In dieser Straße hatten er und seine Frau jeden Samstag frische Brötchen geholt. Nur noch ein paar Straßenzüge weiter. Franz hoffte, dass das Haus noch stehen würde und seine Frau und Tochter überlebt hatten.

Er warf das Schild wieder in den Schnee, stand auf und ging weiter. Plötzlich kamen ihm Dutzende von Frauen entgegen. In ihre Gesichter hatte sich ein Ausdruck der Verzweiflung gegraben. Doch hatte sich noch etwas anderes dort festgesetzt, ein stoischer Ausdruck des Überlebenswillen. Franz wollte weitergehen, doch die Frauen umringten ihn. Hände griffen nach seinem Mantel, packten seine Arme.

Kommen Sie aus einem Gefangenenlager?“, rief eine. „Wissen Sie etwas von unseren Männern und Söhnen?“, schrie eine andere. Franz fühlte sich gefangen. Es waren so viele die da schrien und Dinge fragten, die er weder wissen noch ahnen konnte. Es war wie ein Trommelfeuer, das auf ihn gefeuert wurde.

Ich weiß nichts von euren Söhnen und Ehemännern“, rief er und befreite sich von den Händen. „Entweder sind sie gefallen oder in Kriegsgefangenschaft.“ Er drückte sich durch den engen Kreis der Frauen. Die Hände griffen wieder nach ihm, versuchten Franz festzuhalten. Mit einem Ruck befreite er sich und lief los. Hinter ihm verhallten die Schreie. Erst als er sich weit entfernt hatte, blieb er stehen und holte tief Luft. Franz stützte sich an einer Mauer ab und hielt sich die stechende linke Seite. Er entdeckte eine graue Katze. Sie hockte vor einem Trümmerberg und lauerte auf Mäuse. Ihr Schwanz zuckte hin und her.

Er fragte sich, was ihm in dieser Hölle auf Erden noch alles begegnen würde. Links von sich erkannte Franz den Bahnhof. Hier war er im Sommer 1943 das letzte Mal gewesen, bevor er wieder zu seiner Einheit versetzt worden war. Hier war es gewesen, als er das letzte Mal Anemone geküsst und Dagmar in den Armen gehalten hatte.

Franz ging darauf zu. Die Halle selbst war teilweise eingestürzt, doch auf den Gleisen konnte Franz einige Züge sehen. Kinder kamen von dort. Auch ihre Kleider und Gesichter von Ruß überzogen. Hinter sich schleiften sie Säcke, die eine tiefe Spur im Schnee hinterließen.

Was macht ihr da?“, fragte Franz. Die Kinder blieben nicht stehen, sondern gingen stur weiter.

Wir klauen Kohle“, antwortete ein Mädchen, dass Franz nur an der hohen Stimme als eines erkennen konnte. „Heute kam ein Zug mit nem Kohleanhänger an und wir haben es kalt.“ Stur gingen sie weiter und verschwanden hinter einer Ecke.

Sein Magen knurrte und er ging auch weiter. Es konnte nicht mehr weit sein. Und tatsächlich: da stand es. Es reckte sich trotzig in die Höhe. Franz fühlte sich wie Odysseus, der endlich seine Insel Ithaka entdeckt hatte.

An der Vorderseite des Hauses befanden sich tiefe Löcher wie Pockennarben. Ansonsten war nicht viel zu erkennen. Vor dem Eingang trieben sich drei Männer herum. Zerlumpte Gestalten, die an der Wand lehnten und in die Ferne sahen. Eine Frau, die nur einen Arm hatte, kam aus dem Gebäude. Sofort umkreisten die Männer sie und griffen nach ihrem Kleid.

In der Not frisst der Teufel Fliegen“, schrie ein Mann mit schwarzen, lockigen Haaren. Die Frau riss sich los und beschleunigte ihre Schritte. Ein Korb baumelte an ihrem einzigen Arm. Der Mann mit den Locken zerrte sie an ihrem Kleid zurück. Die Frau verlor das Gleichgewicht und fiel in den Schnee.

Bitte nicht.“ Flehend hob sie den linken Arm. „Ich muss doch für meine kleine Gerlinde sorgen.“

Jetzt sorgen wir erst mal für dich und heizen dir ein.“ Der Lockenmann schob das Kleid der Frau nach oben. Er war bestimmt der Anführer der Männer. „Nylonstrümpfe. Sieh mal an.“ Er versuchte die Beine der Frau auseinanderzudrücken.

Lasst sie in Ruhe!“ Franz Schrei hallte durch die Winterlandschaft. Die Männer erstarrten und sahen auf. Mit ihrem linken Arm stemmte sich die Frau nach oben und rannte an Franz vorbei. Ohne ihn auch nur einmal anzuschauen.

Als die drei Männer erkannten, dass es sich bei Franz um einen ausgezehrten Kriegsheimkehrer handelte, entspannten sie sich.

Und was willst du?“, fragte der Lockenmann. Er hatte kleine, funkelnde Augen wie eine Ratte. Der Mann kam näher und baute sich vor Franz auf, doch Lockenmann fehlten fünf Zentimeter, um seinem Kontrahenten auch nur in die Augen schauen zu können. Die anderen beiden Männer umkreisten Franz.

Ich will, dass ihr die Frauen in Ruhe lasst“, sagte Franz. Auf dem Russlandfeldzug hatte er mitbekommen, wie Soldaten Frauen vergewaltigt hatten. Er war empört darüber gewesen, das konnte doch nicht der Krieg sein, für den er zu den Waffen gegriffen hatte. Nein, es war ein Krieg gewesen, den man ihm aufgezwungen hatte. „Und jetzt sieh zu das du Land gewinnst.“ Franz hieb Lockengesicht gegen die Brust. Der Mann taumelte zurück.

Du verdammter Moralapostel.“ Lockengesicht spuckte in den Schnee, kam auf Franz zu und holte aus. Mit einem Schritt auf die Seite wich Franz dem Schlag aus und sprang hinter Lockengesicht. Von hinten gab Franz seinem Gegner einen Stoß zwischen die Schulterblätter und der kleine Mann flog nach vorne.

Die anderen beiden kamen näher. Franz überlegte, wen er als erstes angreifen sollte. Mit allen dreien konnte er sowieso nicht fertig werden, da gab er sich keiner Illusion hin. Laut und deutlich war das Geräusch eines Autos zu hören. Die Männer hielten inne.

Bestimmt die Amis“, schrie Lockengesicht. „Lasst uns verschwinden, bevor die uns einkassieren.“ Lockengesicht rappelte sich auf und die Männer rannten davon.

Franz seufzte erleichtert auf. In seinem Zustand hätte er den Männern nicht sehr lange standgehalten. Als er zu dem sogenannten Ohren – und Magenbataillon versetzt worden war, hatte er als Zeitvertreib geritten und geschwommen, ab und zu auch geboxt, doch diese Zeiten waren vorbei. Der Hunger, der ihn langsam von innen verzehrte, hatte aus dem einst stattlichen Mann ein Skelett gemacht.

Er blickte wieder zu dem Haus. Die Eingangstür hing schief in den Angeln und die Fenster sahen wie Augen auf die zerstörte Stadt. Langsam ging Franz auf das Gebäude zu. Wieder fragte er sich, ob die beiden noch dort waren. Ob die beiden überhaupt überlebt hatten. Die Hoffnung starb zuletzt.

Er drückte die Tür auf und betrat das Haus. Die Fenster und Tapeten waren mit glitzerndem Raureif überzogen. Dass die Hölle so schön sein konnte. An der Treppe saß eine Frau, die eine blaue Decke in ihren Armen hielt. Sie wiegte das Bündel und Franz nahm an, dass sie ihr Kind in den Armen hielt. Ganz leise sang sie ein Lied, so leise, dass es Franz nicht verstehen konnte.

Ist alles in Ordnung?“ Franz trat auf die Frau zu und sah auf sie hinab. Die Frau hob den Kopf. Ihr Gesicht wirkte wie ein Totenschädel.

Mein kleiner Anton schreit so“, antwortete sie. „Ich will ihn nur beruhigen, seit Tagen hat er schlimmes Fieber.“ Kein Ton war aus der Decke zu hören.

Darf ich mir mal den Kleinen ansehen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten beugte er sich hinunter und schob die Decke zur Seite. Das Kind hatte die Augen geschlossen und war blau angelaufen. Franz konnte keine Atmung feststellen. Friedlich lag es in den Armen der Mutter. „Das wird schon wieder.“

Das denke ich auch.“ Die Frau sah wieder auf ihr Baby und lächelte. „Mein Anton.“

Franz sah die Treppe nach oben. Ein schmaler Streifen Licht lag auf der Wand. Seine Wohnung war im zweiten Stock gewesen.

Wissen Sie ob hier eine Anemone Siegmann wohnt?“ Er hoffte das die Frau ihm etwas sagen konnte.

Ich komme aus einer ganz anderen Stadt, die Amerikaner haben mich hier zugewiesen“, erwiderte die Frau und wiegte weiter ihr Baby.

Franz nickte und stieg die Stufen nach oben. Irgendwo tropfte Wasser. Es hörte sich tröstend an. Die Treppe knirschte unter seinen Stiefeln. Wie ein Bergmann zog er sich am Geländer hinauf. Stück für Stück. Nach einer gefühlten Ewigkeit war er endlich im zweiten Stock. Trübes Licht fiel durch ein zugefrorenes Fenster am Ende des Flurs. Vier Türen gingen vom Gang ab und führten in Wohnungen.

Franz Wohnung hatte sich gleich rechts neben dem Fenster befunden. Er schritt darauf zu. Irgendwo tippte jemand auf eine Schreibmaschine. Es hörte sich aggressiv an. Franz wunderte sich. Papier war schwer zu bekommen und erst recht eine Schreibmaschine. Er selbst hatte in letzter Zeit sein Tagebuch nur auf Pappe und alten Zeitungen geschrieben. Seine Taschen und der Mantel waren damit vollgestopft. Als er vor der Tür stand hob er die Hand, ließ sie sinken und hob sie wieder. Schließlich klopfte er. Während er wartete, beobachtete Franz den Staub auf dem Boden. Ein Luftzug trieb einige Flocken über den Boden.

Hinter ihm knarrte es und Franz drehte sich um. Vor ihm stand eine kleine Frau. Ihr Haar war von einem dunklen Grau. Sie sah Franz mit ihren Knopfaugen an.

Was wollen Sie?“ Ihre Stimme war so kalt wie der Winter.

Entschuldigen Sie bitte, wohnt hier eine Anemone Siegmann mit ihrer Tochter?“

Der Blick der alten Frau glitt an ihm auf und ab.

Kommen wohl direkt aus dem Lager, was?“ Sie schob sich in den Türrahmen. Das Knistern eines Feuers war zu hören. Eine angenehme Wärme drang aus der Wohnung. „Ihr Helden siegtet zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft. Ihr habt euch zu Tode gesiegt.“ Sie kicherte.

Ich will wissen, ob Anemone hier wohnt.“

Nur nicht so unfreundlich, mit Höflichkeit kommt man immer weiter.“ Wieder dieses Kichern. „Aber wenn Sie es so dringend wissen wollen, sie wohnt noch hier. Ich wurde dieser Wohnung zugewiesen, nachdem eine Bombe mein Haus getroffen hat. Hier wohne ich jetzt zusammen mit einer anderen Frau. Aber die ist gerade auf den Straßen unterwegs, keine Ahnung was die da treibt. Oder mit wem.“

Ich möchte jetzt Anemone sehen“, sagte Franz und überlegte die alte Frau aus dem Weg zu schieben. „Ich bin ihr Ehemann.“

Ihr Ehemann? Sie hat doch jemand“, sagte die Frau und trat zur Seite. „Aber kommen Sie nur herein und klären das mit ihr.“

Als Franz die Wohnung betrat, entspannte ihn die Wärme. Seit langer Zeit hatte er nicht mehr gewusst, wie sich Wärme anfühlte. Essensduft lag in der Luft. Franz Magen knurrte.

Bestimmt fragen Sie sich, wieso wir es so behaglich haben“, sagte die alte Frau und sah Franz an. „Das haben wir alles Anemones Liebsten zu verdanken.“

In dem kleinen Ofen knackte das Holz. Franz runzelte die Stirn und fragte sich, was die alte Frau damit meinte.

Anemone, hier ist jemand der dich sehen will.“ Die Stimme der alten Frau war laut und durchdringend. Franz trat an den schwarzen Ofen. Er streckte die Hände aus und begann sie zu reiben. Kribbelnd kehrte langsam das Leben wieder in seine Finger zurück.

Wer denn?“, rief eine Frau zurück. Franz erkannte die Stimme von Anemone auf Anhieb.

Das glaubst du mir sowieso nie“, rief die alte Frau zurück. „Komm einfach her.“

Hinter sich hörte er Schritte. Als er sich umdrehte sah er seine Anemone. Sie war dürr und ihr dunkelblondes Haar war verfilzt und ohne Glanz, kraftlos hing es ihr auf die Schultern. Das Kleid, das sie trug, war abgetragen und ein kleines Mädchen hielt sich am Zipfel fest.

Franz? Franz, bis das wirklich du?“

Er ging auf Anemone zu. Sie wich vor ihm zurück und hob die Hände. Franz blieb stehen. Anemone sah ihn an wie einen Fremden.

Ja, ich bin es“, antwortete er. „Den ganzen Weg zurück habe ich nur an euch gedacht. Nur für euch habe ich überlebt.“

Anemone sah ihn immer noch wie einen Fremden an. In ihren Augen war kein Anzeichen von Freude zu erkennen. Ihr Gesicht schien wie aus Stein gemeißelt.

Du hast lange gebraucht, Franz“, sagte Anemone und strich eine Strähne ihres Haares zurück. „Du hättest nicht kommen sollen.“

Plötzlich spürte Franz etwas das schlimmer war als der allgegenwärtige Hunger. Die Welt um ihn herum begann sich zu drehen.

Hast du Hunger, Franz?“

Moment, nicht so schnell“, sagte die alte Frau. „Umsonst ist nur der Tod. Haben Sie etwas zum Bezahlen dabei?“

Johanna!“ Anemone stemmte ihre Hände in die Hüften wie sie es immer tat, wenn sie wütend wurde.

Aus seiner Hosentasche zog Franz die Schachtel Zigaretten. Johanna leckte sich über die Lippen, schlich sich heran und schnappte sich die Schachtel Zigaretten mit einer schnellen Bewegung. Franz ließ es zu. Er sah zu seiner Tochter Dagmar.

Du bist aber groß geworden“, sagte er und ging in die Knie. „Weißt du denn wer ich bin?“

Dagmar drückte sich noch enger an ihre Mutter und sah Franz an.

Wir wissen wohl beide nicht mehr, wer du bist“, sagte Anemone und nahm Dagmar auf den Arm. „Es ist viel passiert und es gibt da einen anderen.“ Die beiden gingen nach nebenan.

Haben Sie auch ein paar Streichhölzer?“, fragte Johanna und steckte sich eine Zigarette in den Mund. Franz kramte wieder in seiner Hosentasche und gab Johanna die Streichhölzer. Gierig brach sie eines ab und entzündetet es mit einem zischenden Geräusch an der Wand.

Ah, ich habe so lange keine mehr geraucht.“ Johanna ging zum Fenster und zog genüsslich den Rauch ein. Franz blieb unschlüssig in der kargen Wohnung stehen.

Was bedeutet das, es gibt da einen anderen?“ Franz musste es wissen, auch wenn ihn die Wahrheit wahrscheinlich umbringen würde. Johanna sah auf das Sofa, aus dem eine Sprungfeder herausragte.

Sie hat einen schneidigen amerikanischen Offizier kennengelernt. Er sorgt für sie und damit auch für uns.“ Sie stieß den Rauch aus. „Der will sie heiraten und mit nach Amerika nehmen, wir sind glücklich. Deswegen rate ich Ihnen, verschwinden Sie, zerstören Sie uns dieses gute Leben nicht. Wir haben genug zu essen, nur bei den Zigaretten ist der Kerl geizig, ist ein eingeschworener Nichtraucher.“

Franz ging zu einem alten Ohrensessel und legte seine Hand auf das Polster. Alles hatte sich plötzlich verändert, als ob eine Bombe in ein Haus einschlagen würde.

Wann hat Anemone diesen Amerikaner kennengelernt?“ Trotz der Wärme spürte Franz wieder diese Kälte. Johanna zuckte die Schultern und rauchte weiter.

Keine Ahnung, er kommt aber nachher und da sollten Sie verschwunden sein.“

Die Bomben der Alliierten hatten nicht nur Häuser und Menschen zerstört. Jetzt machten sie auch noch Beziehungen kaputt. Niedergebrannt bis auf die Grundmauern.

Franz sah zu Johanna, die immer noch am Fenster stand und rauchte. Die Rauchwolken schwebten durch den Raum.

Franz ging zur Tür und öffnete sie, ohne sich noch einmal umzuschauen trat er hinaus auf den schmutzigen Flur.

Ihr habt euch zu Tode gesiegt“, hörte er Johanna schreien als er leise die Tür schloss. „Zu Tode gesiegt habt ihr euch.“

Franz wurde sich bewusst, dass der Hunger nicht das schlimmste war. Das, was hinter dieser Tür lag war schlimmer. Der amerikanische Soldat hatte recht gehabt. Es gab für ihn kein Zuhause mehr. Das zu erkennen, war am schlimmsten. Franz ging die Treppe hinab, an der Frau mit dem toten Baby im Arm vorbei und nach draußen vor die Tür.

Der Horizont war in einen hellen rosa Schimmer getaucht und die Sonne verschwand hinter dem Horizont.

Franz setzte einen Fuß vor den anderen. Nur nicht stehen bleiben, denn sonst würde die Tränen kommen. Franz ging in die langsam aufkommende Dunkelheit. Seiner Stunde Null entgegen.

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