Wo gehen die Träume hin?

Als ich noch ein kleines Mädchen war, beschäftige mich einmal eine Frage. Ich war in dieser Nacht von einem schrecklichen Albtraum wach geworden und zu meinen Eltern ins Bett gekrabbelt. Da stellte ich meine Frage der Person, die für mich damals alle Geheimnisse des Universums kannte. „Mama“, fragte ich „wohin verschwinden die schönen Träume am Morgen immer so schnell? Und warum bleiben immer nur die Bösen übrig?“ Da erzählte sie mir diese Geschichte:

Es war einmal ein kleines Mädchen mit dem Namen Ava. Sie war den ganzen Sommer nach Herzenslust durch Wiesen und Wälder gestreift, jeden Tag konnte man sie mit ihrer Latzhose aus dem Haus gehen und mit ihren roten Gummistiefeln am Bach spielen sehen. Doch nun war es Herbst und die Tage wurden kürzer und grauer. 

Eines Abends war Ava noch lange draußen unterwegs, denn siewar es nicht gewohnt, dass die Nacht so früh hereinbrach. So begann es bereits zu dämmern als Ava eine Wieseentdeckte, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Das seltsame an dieser Wiesewar, dass sie voller Pusteblumen stand. Ava war erstaunt. Pusteblumen mitten imHerbst? Die gehörten doch eigentlich in den Frühling. Aber weil sie ein kleinesMädchen war, wunderte sie sich nicht weiter und tat, was jedes Kind auf einerWiese voller Pusteblumen tut: sie pflückte eine und pustete kräftig.

Aber was war das? Die Pusteblume wurde immer größer! Vielleicht wurde Ava auch kleiner, sie konnte es nicht sagen. Noch bevor sie richtig wusste, wie ihr geschah, saß sie in einem Korb, der unter der Pusteblume schaukelte wie unter einem Heißluftballon. So schwebte sie über ihr Zuhause, den Bach und alle ihre Lieblingsspielplätze hinweg. Jetzt, im weichen purpurfarbenen Dämmerlicht sah alles ganz verzaubert aus. Beinahe meinte Ava, sie könnte die Waldelfen auf der Lichtung tanzen sehen. Und hatte der Abendstern, der schon einsam am Himmel glitzerte, ihr gerade zugezwinkert?

Die Blume setze sie auf einer anderen Blumenwiese ab, diese war übersät mit Blühten in allen Formen und Farben und tausende Schmetterlinge torkelten von einer zur anderen. „Ach, könnte ich doch mit ihnen fliegen.“, seufzte Ava. Noch bevor sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte, fand sie sich schon in der Luft wieder. Aus ihren Armen waren Flügel geworden, sie glitzerten und glänzten in Avas Lieblingsfarben.

Das kleine Mädchen merkte schnell, dass sie in diesem seltsamen Land alles sein konnte. Sie entdeckte einen kleinen Teich und schwamm mit den Wassernixen, die dort lebten. Einmal schwammen sie sogar gemeinsam den ganzen Fluss hinab bis zum Meer und die Wassernixen stellten Ava ihre Cousine die Meerjungfrau vor. Sie tanzte auch mit den Waldelfen über ihre Waldlichtung, die leichte Elfenmusik hüllte sie ein während sie graziösen Bewegungen das silberne Mondlicht zerteilte, das den Wald flutete und sich in den Tautropfen spiegelte. Sie besuchte die Felsentrolle in ihren feuchten, moosbewachsenen Höhlen und schaute als Riese auf das Traumland hinab.

Als die Nacht zu Ende war, war es Zeit für Ava nach Hause zu gehen. Sie kletterte in den Korb zurück und der Pusteblumen-Ballon trug sie lautlos davon. Als sie so auf das neu entdeckte Land zurück schaute, tauchte ein Name in ihren Gedanken auf: Turath mara. Reise. Was für ein passender Name für dieses Land.

Von diesem Tag an, pflückte Ava jeden Abend eine Pusteblume von der seltsamen Wiese und nahm sie mit nach Hause. Wenn sie vor dem Schlafen daran pustete, begann eine neue Reise nach Turath mara und jeden Morgen brachte die Blume sie sicher zurück in ihr Bett. In manchen Nächten war sie eine wunderschöne Prinzessin in einem großen Schloss, manchmal war sie eine Heldin, die unglaubliche Abenteuer erlebte, Drachen bekämpfte und mit ihren bloßen Händen die Welt retten konnte. Aber jeden Morgen, wenn sie aufwachte legte sich ein sanfter Schleier über ihre Erinnerung. Sie hatte ihre Träume in Turath mara gelassen. Im grellen Tageslicht wusste sie nur noch, dass sie schön waren und dass sie am Abend zu ihnen zurückkehren würde.

„Also verschwinden die Träume gar nicht?“, unterbrach ich die Erzählung.“Aber was ist dann mit den schlimmen Träumen? An die kann ich mich erinnern.“ Meine Mutter antwortete, ich sollte mir die Geschichte zu Ende anhören, dann würde ich es schon noch erfahren. Also fuhr sie fort:

Turath mara war ein Paradies für Ava und sie war sehr gerne dort. Es gab nur ein Wesen, das ihr manchmal den Besuch dort versauerte: der Breisleach, der Verwirrer. Der Breisleach stampft mit seinen großen, schweren Füßen durch alle Traumwelten und manchmal kommt er auch nach Turath mara. Wenn er in der Nähe ist, kann das träumende Kind nicht mehr kontrollieren, was es träumen möchte. Läuft der Breisleach nur in weiter Ferne vorbei, dann träumt das Kind furchtbar verwirrendes und unsinniges Zeug, aber wenn er näher kommt werden manchmal richtige Albträume daraus.

Auch Ava hatte so manchen schlimmen Traum in Turath mara, aber zum Glück begegnete ihr der Breisleach nicht oft. Einmal jedoch kam ergerade vorbei als Ava gerade mit der Pusteblume nach Hause schwebte. Sie konnteihn schon von weitem spüren, denn ihr Korb begann bedenklich zu wackeln. Der Breisleach kam immer näher und näher bis er direkt unter ihr stehen blieb und Avas Korb plötzlich ganz unter ihr verschwand. Ava stürzte ab, schrie laut aufund wachte dann zitternd in ihrem Bett auf. Aber es war noch gar nicht morgen,um sie herum war alles stockdunkel. Und weil sie so schnell in ihr Bett zurückgefallen war, hatte der leichte Schleier, der sonst ihre Träume versteckte keine Zeit sich über ihren schlimmen Traum zu legen. Glücklicherweise hatte Avas Mutter sie gehört und kam jetzt um sie zu trösten.

Das Erlebnis mit dem Breisleach hatte sie erschreckt, aber es war ja alles gut gegangen und sie wollte wieder zu ihren schönen Träumen zurück. Also machte sie sich in der Abenddämmerung wieder auf den Weg nach Turath mara.

Tage und Nächte vergingen, die Zeit flog dahin. Ava wurde älter und lernte, dass schöne Dinge noch mehr Freude bereiten, wenn man sie teilt. Sie beschloss darum, ihr Traumland auch anderen Kindern zu zeigen.

Wenn du also beim Einschlafen ein kleines Mädchen mit einer Latzhose und roten Gummistiefeln aneiner Pusteblume auf dich zu schweben siehst, dann ist das Ava, die dich nach Turath mara abholen möchte. Am Morgen bringt sie dich dann sicher in dein Bettzurück und deine Träume bleiben in Turath mara, wo du sie in der nächsten Nachtweiterträumen kannst. Und weißt du , was das beste ist?“, fragte meine Muttermich. „Kennst du den Moment zwischen träumen und aufwachen, wenn du fast dasGefühl hat, du könntest deinen Traum noch festhalten?“ Ich nickte. „Das istdeine Heimreise mit der Pusteblume. Du schwebst mit Ava über unser Haus und die Nachbarschaft. Ihr lauscht zusammen dem Lied, das die Glühwürmchen vor deinem Fenster singen und sie stellt dir den alten Apfelbaum im Garten vor, der dir im Frühling stolz sein weißes Gewand zeigt. In diesem Moment kannst du etwas von der Magie Turath maras mit nach Hause nehmen.“

„Ah, dann weiß ich ja jetzt was mit meinen Träumen passiert.“, murmelte ich. Ich kuschlete mich an meine Mutter und schlief ein. Was ich dann träumte? Sicher etwas Schönes, doch was genau bleibt ein Geheimnis, denn ich habe es in Turath mara gelassen.

Ava – von Avery (Herrscher der Feen)

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