Enttraumatiesierende Klänge

Ein unangenehmes, nicht näher definierbares Geräusch, weckt mich unsanft aus meinem Schlaf. Zunächst muss ich mich orientieren, wo ich eigentlich bin? Die Schlafzimmermöbel sind alt englisch und das Bett ist groß, die Aussicht aus dem Fenster ist wie bei einem van Gogh. Aus dem Schlafzimmerfenster sehe ich einen Fußweg, umzäunt von tropischen Pflanzen und außen am Fenster einen riesigen Stein, der aussieht wie ein Bärenkopf. Es scheint, als ob das Häuschen um diesen Stein herum gebaut worden ist.

Habe ich geträumt? Dann war es ein schöner Traum, wenn nicht, umso besser. Ich höre irgend einen Gockel, der seinen Harem zu sich ruft. Ich setze mich auf die Bettkante, berühre den Boden, wie jeden Morgen, mit dem rechten Fuß zuerst und dann mit dem linken. Ich reibe mein Gesicht mit beiden Händen, um die Gesichtsmuskulatur wach zu rütteln. Warum meine Leute es so machen und ich ebenfalls, kann ich nicht erklären, aber wenn ich fragen würde, bekäme ich garantiert eine Antwort mit spirituellem Hintergrund und eine passende, die es auf wissenschaftlicher Basis erklärt.

Ich bin also noch in diesem schönen Resort, umgeben von Bergen. Nach dem Morgenritual im Bad vollziehe ich meine täglichen Yogaübungen, dieses Mal jedoch hastig, umgleich danach zum See zu laufen. Die nordindische Kurtha, die ich anziehe, ist für milde Temperaturen gedacht und wird mich bis Mittag voll erhitzen, aber für den Morgenspaziergang geht’s noch.

Auf der Veranda sehe ich niemanden, nur den ‚Beigeweißen‘, das ist der Name, den der Hund von mir erhielt. Als er mich sieht, steht er langsam auf und folgt mir in gewissem Abstand in Richtung See.

Von weitem sehe ich die Dame am See stehen, die mir gestern ihre Klangbehandlung vorstellte. Nach der freudigen Begrüßung fragt sie mich, ob der Hund mit mir gekommen ist. Ich nicke und schaue, wie er sich gelangweilt ausruht und dabei seinen Kopf zwischen seine Beine gelegt hat.

‚Wir sind früh dran und Frühstück gibt es erst in einer Stunde‘, sage ich. Sie nickt und läuft am See entlang. Ich folge ihr und höre ihre bewundernden Rufe über die Natur. Besonders die Vögel gefallen ihr. Irgendwann beginnt sie, die Fortsetzung der gestrigen Geschichte zu erzählen. Wir setzen uns ans Ufer und schauen die Krabbeltiere an, wie sie mit ihren acht Beinen auf der Wasseroberfläche flink hin und her laufen. Als ich mich umdrehe, entdecke ich, dass der Hund neben mir sitzt und sich langweilt. Ein Schafhirte läuft an uns vorbei. Unser Hund wird sofort wach und fängt an zu bellen. Er will uns also beschützen und ist auf unserer Seite. Ich streichle ihm sanft seinen Rücken und er legt sich wieder hin.

 ‚Sie haben ihn berührt‘, sagt die Dame erstaunt. ‚Gestern waren Sie noch traumatisiert von dem Erlebnis mit einem Hund in der Kindheit und heute!‘ Ich bin selbst erstaunt, denn ich habe in dem Hund einen Freund gesehen. ‚Er ist unser Freund‘, sage ich lapidar.

Hat etwa die gestrige Klangbehandlung der Dame mit ihrem Bodytampura mich von meinem Hundetrauma befreit bzw. geheilt? Ich schaue erneut nach dem Hund, sein Egalblick bringt mich zum Schmunzeln. Ich berühre sanft die Hand der Dame und sage leise Danke. Sie schaut mich lächelnd an und widmet ihre Blicke den Bergen um uns herum.

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