Meiner Heimat auf der Spur

Was bedeutet Heimat für mich?

Es fällt mir nicht leicht, diese Frage zu beantworten. Also frage ich vier sehr unterschiedliche Personen, um mich inspirieren zu lassen und dadurch der Antwort vielleicht näher zu kommen…

Der Nomade

Ich gehöre zu einem Nomadenstamm, ich bleibe nie lang an einem Ort. Als Händler ziehe ich von Wüstenstadt zu Wüstenstadt. Als Nomade habe ich kein festes Wohnhaus. Ich brauche keinen Ort, an dem ich Besitz ansammeln kann und den ich hegen und pflegen muss. Was mir gehört, passt in die Satteltaschen eines Kamels. Und doch bin ich reich, denn die Wüste schenkt mir ihre wilde Schönheit. Sie ist vollkommen und unvergänglich, ganz ohne mein Zutun. In ihrer unendlichen Weite, ihrer sengenden Hitze, ihren bizarren Felsformen und ihren fruchtbaren Oasen bin ich zuhause.

Viele Tagesmärsche lang zieht meine Karawane durch die Wüste. Monoton schaukeln die Kamele, tropft der Schweiß, zieht die Sonne. Bewegungen, Worte, Gedanken, alles fällt schwer. Dort, auf dem Rücken meines Reittiers, ist manchmal meine Heimat, da bin nur ich und die Hitze, es passiert nichts, niemand fordert etwas von mir, nichts verändert sich. Ich fühle mich sicher, friedlich und ruhig.

Abends dann, am Lagerfeuer, wenn Kälte und Dunkelheit hereinbrechen, erwachen die Glieder, Stimmen und Köpfe zum Leben. Es wird gegessen und getrunken, getanzt und gesungen. Alle reden und lachen durcheinander.

Wie die Gewürze duften! Ein Fest für alle Sinne! Dort, in mitten unseres bunten Kreises, ist manchmal meine Heimat. Ich kann nicht genug bekommen von der Musik, sehe meine Familie und Freunde, lausche ihren Geschichten und bin froh, zu ihnen zu gehören. Die lange Lethargie des Tages wird ausgelöscht durch ein kurzes Aufwallen der angestauten Energie. Wir schauen nach den Sternen und fragen sie nach unserer Zukunft, das heißt, nach der Wegstrecke für den nächsten Tag. Wir planen nie weiter als bis Morgen, denn es ist uns genug, den nächsten Abend erleben zu dürfen.

Die Nacht verbringe ich in einem bescheidenen, schnell aufgestellten Stangenzelt, das eine Bastmatte, eine Steppdecke und eine Öllampe enthält. Wenn diese gelöscht wird, krieche ich unter die Decke, wo mich meine Frau mit ihrem Licht und ihrer Wärme empfängt. Hier ist manchmal meine Heimat, in ihren liebevollen Armen, an ihrem schlanken Hals, über ihrer weichen Brust, bei ihrem duftenden Haar. Der vertraute Körper und die liebkosenden Hände lassen mich den rauen Wüstenalltag vergessen.

Die Oase ist ein wichtiger Zwischenstopp auf unseren Reisen. Hier tränken wir unsere Tiere, stocken unsere Vorräte auf, legen uns in den Schatten und waschen den Staub und den Schweiß von unseren Leibern.

Die Wüste und die Oase sind wie Geschwister, sie brauchen einander, sind aber sehr verschieden. So tot die Wüste, so lebendig die Oase. So karg die Wüste, so verschwenderisch die Oase. Manchmal ist hier meine Heimat, in dieser Hülle und Fülle, unter dem leuchtenden Grün der Palmen, im kühlen Nass der Quelle. Ich pflücke Datteln, sehe das vergnügte Spiel der Affen und tauche immer wieder ins erfrischende Wasser. Wie dankbar bin ich für diese lebendigen Kräfte um mich herum! Und doch bin ich froh, nicht immer hier zu sein, denn könnte ich sie dann wohl noch so sehr genießen?

Am Ziel einer Reise, wenn wir auf dem Basar unsere Ware anbieten, ist meine Heimat die große Stadt. Wir sind stolz auf das,was wir auf so langem und beschwerlichem Wege durch die Wüste getragen haben, treu gehütet und wenn nötig auch verteidigt, sicher verpackt und fest vertäut. Der Stolz klingt in unseren Stimmen, wenn wir laut rufend unsere Ware anpreisen, im Chor mit aber hundert anderen Händlern um uns herum. Wir feilschen und vergleichen, diskutieren, tauschen, kaufen und verkaufen. Wiegen ab, überprüfen, schenken manchem Handel Vertrauen oder schieben Argwohn vor.

An jedem Markttag gibt es Freud und Leid, lustiges Wiedersehen und erbitterten Streit. Ich bin inmitten all dieser Menschen mit langen, bunten Gewändern, und kann in jedem von ihnen lesen wie in einem Buch. Ich sehe die Gier in manchen Augen blitzen, während aus anderen die Aufrichtigkeit leuchtet. Manche suchen mit blumigen Worten die Dornen der Lüge zu schmücken. Es gibt großzügige Menschen, die geben mit beiden Händen, geizige Menschen hingegen gebrauchen sie nur zum Nehmen. Wenn Markt ist, dann liebe ich alle Menschen und freue mich an ihrer Vielfalt.

Doch immer wieder zieht es mich in die Einsamkeit der Wüste zurück.

Die Architektin

„Heimat“ ist für mich gleich „wohnen“. Egal, welches Land und welche Stadt, ein Wohnraum, in dem man sich zuhause fühlt, ist das A und O. Wie aber findet man einen solchen Ort? Was braucht es, um aus irgend einem beliebigen Gebäude ein Zuhause zu machen? Dafür gibt es mehr als eine Antwort:

Ein wichtiger Aspekt ist sicher die passende Einrichtung. Wie viel gemütlicher wirkt eine Wohnstube mit gebrannten Terrakotta-Fließen, wie viel moderner eine Küche mit Mini-Bar, wie viel freundlicher ein Schlafzimmer mit himmelblauen Vorhängen?

Natürlich ist auch das Exterieur entscheidend. Menschen wohnen in urigen Bauernhäusern, adretten Neubauten, einander gleichenden Reihenhäusern, eleganten Stadtwohnungen, einsamen Burgen, minimalistischen Wohnwägen, ärmlichen Bruchbuden, praktischen Appartements, verwunschenen Schlössern, engen Dachkammern oder historischen Fachwerkhäusern, um nur ein paar der schier endlosen Wohnmöglichkeiten zu nennen. Aber egal wie groß oder klein der Wohnraum und das Budget seiner Bewohner – man kann es sich überall häuslich und heimisch machen. Manche brauchen dafür Marmorstatuen und Gemälde, andere ihre Puppen- oder Briefmarkensammlung. Wieder andere wollen ihre vier Wände in einer bestimmten Farbe haben, manchen genügen Blumen im Sommer und Tannenzweige im Winter.

Es ist typbedingt, wie schnell sich Menschen an einem Ort zuhause fühlen. Die einen wollen dazu Bilder von sich und ihren Lieben aufhängen. Andere müssen erste Krisen in ihrer Wohnung erlebt haben, zum Beispiel einen Stromausfall oder einen Weinfleck auf dem Teppich. Wieder andere fühlen sich erst zuhause, wenn sie ihre Kinder dort großgezogen haben.

Menschen prägen ihre Wohnstätten auf unterschiedliche Weisen. „Wohnen“ ist nicht gleich „wohnen“. Es ist ein dehnbarer Begriff, ein Tun- Wort mit vielen Vorsilben. Jeder tut es auf seine Art.

Manche Menschen zer-wohnen, das heißt sie dringen in jeden Winkel ein und wollen mit dem Kopf durch alle Wände. Sie streichen und malern in allen Regenbogenfarben, pressluft-hämmern, hochdruck-reinigern, bauen aus und bauen an, montieren neue Heizungen, reißen Mauern ein und ziehen sie an anderer Stelle wieder hoch. Sie knallen mit Türen, hüpfen auf Betten und trampeln auf Treppen. Diese Menschen lassen sich von keinem Haus der Welt einschüchtern.

Bei einem ganz anderen Menschenschlag spreche ich vom an-wohnen. Sie schleichen von Raum zu Raum und werden fast unsichtbar im Schatten der Gänge. Sie polieren, was ohnehin schon glänzt und bestaunen, was sonst übersehen wird. Sie lassen die Wohnung atmen und sprechen, würden sich sogar von ihr verschlucken oder anschreien lassen. Sie haben in ihrer Wohnung nichts zu sagen. Sie beobachten alles, aber berühren nichts. Nach geraumer Zeit wird ein solcher Anwohner vielleicht eine schlichte Grünlilie in eine leere Ecke stellen. Aber das ist das Höchste ihrer Gefühle.

Es gibt leider auch Menschen, die an ihrem Heim vorbei-wohnen. Deren Wohnungen sind meistens verwaist, denn sie sind immer unterwegs oder auf dem Sprung. Wenn sie da waren, hinterlassen sie ungeöffnete Briefe und achtlos in die Ecke geworfene Taschen. Sie kommen nur zum Schlafen heim und vielleicht, um in einer seltenen Minute der Muse eine Zigarette auf dem Balkon zu rauchen. Sie haben nicht einmal ein Klingelschild oder einen Schlüsselanhänger, so wenig Zeit nehmen sie sich für ihr Zuhause.

Dann gibt es noch das Inne-wohnen. Wer inne-wohnt geht eine Symbiose mit seinem Heim ein, prägt es und lässt sich gleichzeitig selbst davon prägen. Es entsteht eine Beziehung zwischen der Wohnstätte und den Bewohnern, sie lassen sich in ihr fallen, aber arbeiten auch an ihr und bemühen sich um sie.

Diese Bewohner erkennen die Seele ihrer Wohnung und geben ihr Raum. Und die Wohnung ist ihnen dankbar für dieses Entgegenkommen: Wo Menschen inne-wohnen, da quietscht keine Tür, hängt kein Bild schief, streicht der Wind sanft durch die Gardinen und blitzt die Sonne freundlich in den Gläsern. Durch ihre Einrichtung unterstreichen die Bewohner die Schönheit, die sie vorfinden. Sie wissen, dass sie nichts kaschieren müssen, sie betonen die Rundungen und Ecken, die Höhen und Tiefen. Sie ergänzen, wo etwas fehlt und entfernen etwas, wo zu viel ist.

Die Kunst des Inne-wohnens ist für mich der Schlüssel dazu, in seiner Wohnstätte Heimat zu finden. Nur wer innewohnt,ist zuhause.

Der Müller

Meine Mühle ist meine Heimat. Seit vier Generationen ist die Mühle im Besitz meiner Familie. Jedes einzelne meiner 81 Jahre habe ich hier verbracht. So wie das Mühlrad geht, so geht auch mein Atem, mein Herzschlag, mein Puls. Der Bach rauscht, das Rad klappert, die Steine mahlen, das Getreide fließt. Draußen mag das Leben in allen Himmelsrichtungen toben, aber hier drin geht alles seinen gewohnten Gang, den immer gleichen Kreislauf der Mehlherstellung. Ich kenne die Mühle wie meine Westentasche, bin tausende Male den Weg ums Haus über den Hof zum Mühlrad gelaufen. Habe Steine und Äste entfernt, habe es repariert und kontrolliert, oder einfach nur dem Spiel des Wassers zugeschaut. Tausend Mal habe ich Säcke voller Getreide von Wägen geladen, die knarzende Holztreppe hinauf geschleppt und in den großen Schacht entleert. Dann ergießen sich goldene Ströme von Weizen, Roggen, Hafer und Dinkel in den Trichter über die beiden Steine, die unbarmherzig zermalmen, in endlosen Kreisen aneinander vorbei reiben und mahlen und pressen. Danach ist der Prozess für das Korn noch lange nicht vorbei, es wird so lange gesiebt und wieder gemahlen und wieder gesiebt, bis es feiner ist als der weichste Sand. Wenn am Ende das weiße, duftende Mehl durch meine Hände rinnt, überkommt mich jedes Mal ein freudiges und stolzes Gefühl, bis heute. Zu wissen: Das ist meine Mühle, sie ist alt, und alt bin auch ich, aber wir beide tun unsere Arbeit noch immer.

Das Mehl wird dann in Säcke gepackt, manche sind fast mannshoch und zentnerschwer, die kleinsten packen die Hausfrauen mit Leichtigkeit in ihre Handtaschen, um Zuhause Kuchen daraus zu backen. Meine Frau bäckt auch für unseren Mühlen laden Brote und Kuchen und Kekse, manchmal steht sie lange allein hinter der Theke, aber die alten Stammkunden kommen bestimmt. Früher war das anders, als jeder Zweite in unserem Dorf seine eigenen Getreidefelder hatte und die Ernte bei mir abgeliefert hat. Da stand das Glöckchen an der Eingangstür nicht still. Es war immer viel Leben in der Mühle und im Laden. Was einst ein bekannter Treffpunkt war, ist heute ein Geheimtipp. Die Menschen, die noch kommen, sagen oft: „Hier ist es noch genau wie damals, so heimelig, man kennt sich. Und das Brot wird von Hand und mit Herz gebacken, das schmeckt man einfach. In den modernen Bäckereien schmeckt alles so gleich, so industriell.“

Mein Sohn, der Älteste, der die Mühle erben sollte, so wie es vier Erstgeborene vor ihm getan haben, findet, das Müllerhandwerk habe keine Zukunft. Heute wollen die Leute lieber schneller und billiger ihre Brötchen in Plastik verpackt im Supermarkt kaufen. Das Mühlrad ist zu langsam für den Takt dieser schnellen neuen Zeit, in der mein Sohn zuhause ist. Er will flexibel sein, aber die Mühle bindet ihn zu sehr, sagt er. Er will mehrmals im Jahr in den Urlaub fliegen können. Er will auch beruflich nicht stehen bleiben, sondern sich ständig weiter entwickeln. Er will in eine große Stadt ziehen und wenn es ihm da nicht mehr gefällt, vielleicht in eine andere. Offen und frei will er sein, die Mühle passt nicht in sein Lebensbild, ihre schweren Steine hängen ihm wie ein Klotz am Bein und halten ihn auf, denkt er. Er hat Recht, die Mühle fordert viel. Sie braucht alles von mir, Herz,Verstand und Körper. Sie strengt mich an und lässt mich ungern ruhen. Doch sie fordert nichts von mir, was sie nicht auch selbst leistet, denn keiner ist fleißiger als ihr Rad, das bei Tag und bei Nacht nicht stillsteht. Die Arbeit hier erfüllt mich, ich habe und hatte nie den Wunsch, woanders etwas anderes zumachen. Während meiner Lehr- und Wanderjahre, als ich als junger Bursche von Mühle zu Mühle zog, habe ich wohl genug Freiheit und Auslauf gehabt für ein ganzes Leben. Mit meiner Frau und den Kindern war ich manchmal am Gardasee, meine Frau hatte alle paar Jahre die Nase voll von der Mühle und wollte eine Woche lang etwas anderes sehen. Aber mit stehenden Gewässern kann ich nichts anfangen, ich habe das fröhliche Plätschern des Baches vermisst und konnte abends nicht einschlafen, weil das Geräusch des Rades gefehlt hat. Während dieser Urlaube träumte ich manchmal, dass zuhause die Mühlsteine zerbrächen, die Treppe einstürze und das Rad aus dem Bach spränge. Ich wachte dann schweißgebadet auf und wollte nach dem Rechten sehen, doch wenn ich in schlaftrunkener Eile aus dem Haus gestürzt war, sah ich nur den stillen See und keine Mühle weit und breit. Ich war natürlich immer froh, wenn wir wieder Zuhause ankamen und ich mich in die gewohnte Arbeit stürzen konnte.

In meinem Dorf, da kennt man mich, ich bin eben der Müller, der immer da war, man grüßt mich, wohin ich auch geh. Doch jetzt, da ich alt bin, sehe ich nicht nur freundliche Blicke auf mir, sondern auch besorgte. Sie sehen meinen gebückten, langsamen Gang, hören meine knackenden Knochen und mein Stöhnen, wenn der Rücken und die Gelenke schmerzen.Viele Leute sagen, ich solle mich zur Ruhe setzen, die Mühle Mühle sein lassen und mir einen schönen Lebensabend machen. Aber wer mich kennt, weiß, dass ich das nicht kann. Ich bin Zuhause geboren und ich werde Zuhause sterben. Zuhause, das ist und bleibt meine Mühle für mich.

Die Spirituelle

Heimat hat für mich nichts mit einem Land, einem Ort oder einem Haus zu tun. Heimat finde ich nur in mir selbst. Nur wenn ich mich selbst liebe und glücklich bin, kann ich mich zuhause fühlen. Selbst wenn ich im schönsten Schloss wohne, werde ich mich niemals heimisch fühlen, wenn ich in der Tiefe meiner Seele unglücklich bin. Bin ich unglücklich, so ist meine Seele rastlos und kommt niemals Zuhause an.

Jeder Mensch hat nicht nur den einen, sichtbaren Körper, sondern noch vier andere unsichtbare Energiekörper: Den Gefühlskörper, den Gedankenkörper, den Glaubenskörper und den Sinneskörper. Nur, wenn all meine Körper in mir vereint sind, bin ich ich selbst. Es erfordert ein wenig Zeit und Übung, alle Körper kennen zu lernen und mit ihnen zu leben. Es kann mitunter anstrengend sein, jeden der vier Körper zu berücksichtigen, man muss kompromissbereit sein und jeden gleichberechtigt behandeln.

Wenn ich mich bewusst auf die vier Facetten meines Selbst einlasse, wenn ich sie einlade, in meinem Herzen zu wohnen, kann ich mir dort eine wunderbare, kuschelige Heimat einrichten, in der ich mich rundum wohlfühle. Leider sind die Körper bei vielen von uns in alle Winde zerstreut und flüchtig. In unserem hektischen Alltagsleben bleibt oft keine Zeit zu warten, bis alle Körper anwesend sind. Wir treffen oft Entscheidungen über die Köpfe mehrerer Körper hinweg. Das macht uns auf die Dauer krank und unglücklich. Wir müssen manche Prioritäten ändern, uns weniger von außen beeinflussen lassen und öfter auf unser Inneres hören. Denn wenn wir genau zuhören, erkennen wir die vier Stimmen in unserem Herzen. Erst vielleicht nur ganz leise, schüchtern und misstrauisch. Doch sie werden lauter, mutiger und fröhlicher, wenn sie spüren, dass ihnen zugehört wird. Wenn wir sie sprechen lassen, dann weisen sie uns den Weg in unser Glück. Man muss auch keine Angst haben, dass Streit entstehen könnte in unserer Herzens-Heimat, obwohl vier ganz unterschiedliche Körper auf engem Raum zusammen leben. Die Energiekörper sind von Natur aus rücksichtsvoll und genügsam. Sie würden keinen Missmut in unserem Heim zulassen.

Streit gibt es nur dann, wenn ich einen oder mehrere Körper ignoriere. Das äußert sich in dem unguten Gefühl, das wir schlechtes Gewissen nennen. Dieses Gefühl stellt sich zum Beispiel ein, wenn ich eine Entscheidung treffe, zu der ich mich gezwungen fühle, weil sie andere von mir fordern, die mir aber selbst nicht gut tut.

Je öfter ich in Meditation in mich gehe und meine Energiekörper im Herzens-Haus besuche, desto klarer und verständlicher werden ihre Stimmen. Seit ich mit ihnen in mir lebe, habe ich mich selbst auf ganz neue Weise kennen gelernt. Ich bin viel zufriedener und ausgeglichener und weiß, was ich will. Ich bin nicht mehr so unentschlossen und so leicht einzuschüchtern. Ich bin selbstbewusst, sage meine ehrliche Meinung und lasse mir nichts gefallen. Ich bin nicht immer auf die Gunst und Gesellschaft anderer Menschen angewiesen, ich bin mir selbst genug. Müde und genervt vom Leben- das bin ich immer seltener.

Jeden Morgen, bevor ich in einen neuen Tag starte, rufe ich meine Körper zu mir und schenke jedem von ihnen einen Moment der Aufmerksamkeit. Was fühle ich? Woran denke ich? Was glaube ich? Was nehme ich wahr? Bei der Arbeit gönne ich mir kurze Pausen zur Einkehr und Meditation. Es genügt, ein paar Minuten still und mit geschlossenen Augen und leeren Händen zu sitzen und nur zu atmen. Kurz abschalten und in mich gehen. Am Ende jedes Tages freue ich mich auf die Heimkehr zu meinem Herzen. Wenn ich ankomme, sind all meine Körper schon da und begrüßen mich, umringen mich, liebkosen mich. Wir setzen uns einen Moment auf die Bank vor dem Haus und genießen den Sonnenuntergang. Vielleicht spreche ich ihnen ein Liebesgedicht vor. Ich lege meine Hand auf mein Herz und spüre das regelmäßige, tröstende Klopfen, die Melodie meiner Heimat.

Ich – die spirituelle Nomadenarchitektenmüllerin-?

Was bedeutet denn nun Heimat für mich?

Manchmal fühle ich mich wie ein Nomade, denn in meinen jungen Jahren bin ich schon viele Male umgezogen. Ich habe dadurch gelernt, mich schnell an viele unterschiedliche Gegebenheiten anzupassen. Ich bin dankbar für die Landschaften, Menschen, Kulturen und Häuser, die ich dadurch erlebt habe. Aber wenn ich mich frage, wo, an welchem Ort, meine Heimat ist, dann fällt mir nichts ein. Ich bin wohl nicht lang genug an einem Ort geblieben, um in ihm Wurzeln zu schlagen, seine Gepflogenheiten anzunehmen und in seinem Rhythmus zu schwingen. Es gibt kein Haus, in dem ich jeden Winkel kenne, keinen Betrieb, den ich aufgebaut, keinen Garten, den ich angelegt habe und keine Stadt, in der mich alle Menschen grüßen. Manche sagen mir: Das ist alles eine Frage des Alters. Bin ich also zu jung für eine Heimat?

Ich liebe es, zu gestalten und einzurichten, umzustellen und zu verschönern. Räume mit stimmigen Farbkombinationen, stilvoll aufeinander abgestimmten Möbeln, bunt gemusterten Teppichen, schönen Zimmerpflanzen und liebevoll designten Accessoires lassen mein Herz höher schlagen. Sobald ich ein neues Zimmer beziehe, stelle ich ein paar Kerzen auf, lege meinen grünen Teppich vor das Bett, hänge meine Lichterkette auf, platziere meinen Kaktus auf dem Fensterbrett und bringe ein paar schöne Bilder an den Wänden an. Das ist die Basis, die ich brauche, um zu sagen: Das ist mein Zimmer. Je länger ich dort wohne, desto mehr kommt natürlich dazu, ich bastle, male, klebe an, schneide aus und stelle um. Meine Fensterbank wird grüner und die Wände bunter. Je nach Jahreszeit bringe ich Fundstücke aus der Natur mit. Irgendwann hängen an der Wand die ersten Fotos, die in diesem Zimmer aufgenommen wurden. Irgendwann wache ich nicht mehr nachts orientierungslos auf, sondern weiß sofort, wo ich bin. Irgendwann träume ich von diesem Zimmer, diesem Haus, diesem Ort. Bin ich dann zuhause?

Wenn ich im Mühlenladen einkaufe, spüre ich die Geborgenheit, die in diesen altehrwürdigen Mauern zuhause ist. Ich höre den Stolz in der Stimme des Müllers, wenn er über seine Mühle spricht. Dann überkommt mich manchmal ein Fünkchen von Neid. Es muss schön sein, einen Ort zuhaben, an dem man völlig aufgeht, in dem man sich so wohl fühlt, von dem man niemals fort will. Die Mühle vereint das Zuhause, die Arbeitsstelle, die Familie und die Interessen des Müllers. Ich frage mich manchmal, wie es wäre, wenn ich irgendwo an einem schönen Ort eine Mühle hätte und dort für immer bleiben würde. Es gäbe nur mich und das Rad, ich würde mein eigenes Brot essen und nachts von Mehlsäcken träumen. Ich wäre zufrieden mit mir und der Welt und würde nichts vermissen. Oder?

In anderen Momenten denke ich, dass ich keine ortsgebundene Heimat brauche. Menschen verbinden mit Heimat Geborgenheit und Wohlgefühl, sie identifizieren sich über den Ort, an dem sie leben, die Kultur, der sie angehören oder den Beruf, in dem sie arbeiten. Sie engagieren sich in zahlreichen Ortsvereinen, leben für ihre Arbeit oder schöpfen Kraft in der Kirche. Das wäre mir nicht genug. Irgendwann sind die Jahre der Arbeit vorbei, hegt man Zweifel am Glauben, spaltet ein Streit die Vereinsgemeinschaft. Aber eine Sache vergeht nicht so lange ich lebe, und das ist meine Seele in mir. Ihr will ich treu sein, mit ihr will ich feiern, an sie will ich glauben und für sie will ich mich einsetzen.

Eva

5 Antworten auf Meiner Heimat auf der Spur

  1. Björn Sünder sagt:

    Hallihallo,

    Dein Text ist wunderschön geschrieben, weil Du es schaffst dke verschiedneen Persönlichkeiten Deinefr selbst einzufangen, und ihnen eine Stimme zu geben. Das ist also Multiperspektivisch, und sehr gelungen. Es regt zum Nachdenken an, was Heimat für mich bdeutet.
    Der Nomade hat mir am besten gefallen, und dieser Satz daraus: Doch immer wieder zieht es mich in die Einsamkeit der Wüste zurück. Ein wunderschöner letzter Satz.
    Mich hat zum Beispiel der Nomade und der Müller sehr angesprochen, weil ich zum einen wahnsinnig Bodenständig bin, mit meiner Heimat Baden-Württemberg fest verwurzelt bin, und doch ziehe ich die Einsamkeit zum schreiben vor (ich schreibe selbst: Prosa, Krimis und Phantastik) aber auch manchmall – und das viel zu selten Lyrik.
    Schreib auf jeden Fall weiter! Du hast ein sehr großes Talent, und eventuell traust Du dich einmal an Prosa. An einen Roman, oder Novelle. Würde mich freuen mehr von Dir zu lesen.

    ******** Kommentar Taler

    • Eva Karina sagt:

      Hallo Björn,
      danke für deinen ausführlichen, ermutigenden Kommentar. Ich freue mich, dass dich der Text angesprochen und zum Nachdenken angeregt hat. Vielleicht schreibst du nun ja auch etwas über dein Heimatverständnis…Ich bin gespannt.
      Liebe Grüße, Eva

      • Björn Sünder sagt:

        Hallihallo,
        darüber, was Heimat für mich bedeutet, habe ich noch nicht so nachgedacht. Aber durch Deinen Text werde ich das, und ja, vielleicht schreibe ich einen Text dazu. Allerding betrachte ich mich als Weltenbürger, und fühle mich überall zu Hause, wo man mich freundlich empfängt, und mir eine Tasse Tee angeboten wird.😁😁

        Liebe Grüße

  2. suresh sagt:

    Sehr schön geschrieben und an die Zukunft gedacht. Wieso ist es mir nicht eingefallen als ich noch jung war ?

    • Eva Karina sagt:

      Lieber Suresh!
      Danke für deine Kommentare und vor allem fürs Posten der Texte…und, nicht zu vergessen, für die ansprechende Gestaltung! Ich bin “hin und weg“…
      Deine Eva

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