Die durchträumte Nacht

Ich schließe meine Augen.

Das letzte Licht des Tages dringt mir durch die Lider.

Bei jeder Bewegung raschelt der Stoff.

Gartenfestgeräusche in der Nachbarschaft, dahinter die Autobahn.

Ihr Rauschen erinnert an den letzten Sommer am Meer…

Am Strand liegend, den Wellen lauschend, entfliegen langsam die Gedanken.

Sinken immer höher und schweben in die Tiefe.

Wandern Stufe um Stufe zum offenen Fenster hinaus, wo ein Brunnen steht.

Am Grunde liegt ein dunkler See.

Kühles Nass umfängt alles, liegt dort schön und still.

Bis der Gedanke sich dort hineinträumt, wird ein Stück Treibholz, von Eis umhüllt.

Rauchschwaden hängen über den Wassermassen, daraus entfacht ein Feuer.

Alles erfassen die Flammen, die Hitze dringt vor bis zu einem Schlafgemach.

Eine junge Schönheit legt dort Schicht für Schicht die steifen Kleider ab.

Fließt dann im Nachtgewand auf ein weiches Bett.

Der Fächer ihrer Dienerin klingt wie der Flügelschlag von tausend Vögeln, die gen Süden ziehn.

Atemhauch aus leicht geöffnetem Mund, wie Wüstenwind.

Pulsierende Adern, rasender Herzschlag, glühende Haut.

Schweißtropfen sammeln sich in der Vertiefung des Nabels.

Im Dunkeln verborgen windet sich die Königin der Nacht.

Rhythmisch öffnet und schließt sie ihre prachtvolle Blüte.

(Oh,) sprachlos schöner Augenblick!

Kaum bricht ein Sonnenstrahl durch die Fensterscheibe, verwelken schon die herrlichen Farben-

Es bleibt nur vertrocknetes Stachelgestrüpp.

Wild rankt es über die Wand durchs Fenster, erreicht dahinter einen Flur.

Lang und schrecklich, voll dunkler Sandsteinpfeiler mit leeren Fackelhaltern.

Es geht willenlos und unaufhaltsam in die Dunkelheit hinein.

Schwarz gekleidet erscheint dort die Unschuld in Person.

Doch die Angst tritt ein

hat glühenden Kohlen als Augenhöhlen und einen scharf gezähnten Höllenschlund.

Eine Ewigkeit erstarrt, gefesselt in diesem Augenblick.

Blut rauscht und dröhnt- lauter und lauter- bis zu einem Schrei aus heller Kinderkehle.

Kind, entreiß dich endlich und flieh!

Kehr um und renn den dunklen Gang entlang zurück zum Licht!

Schwarze Fetzen fliegen fauchend nebenher.

Das Kind erreicht einen großen Schrein.

Eine Tür springt auf, es schlüpft hinein.

Ein tiefer Atemzug- und die Dunkelheit wird zu grellem Licht.

Unbarmherzig gibt es preis, was dort lagert:

Ein Hase- Blut rinnt aus seinem Näschen-tot.

Oh Gott! Und dort ein Säugling im Taufkleid- genauso verstummt- (genauso) tot.

Jetzt geht die Schranktür nicht mehr auf!

Das Kind rüttelt und fleht.

Unerträglich dröhnt und kreischt rings herum die Schuld:

„Deinetwegen sind sie tot! Du hast sie hier eingesperrt! Du hast sie vergessen!“

Der Schock sitzt tief bis in den Knochen.

Das Kind rollt sich zusammen, presst die Hände auf die Ohren.

Da legt sich zitternd die schlanke Frauenhand darauf und die starke Männerhand wiederum darauf.

Beide tragen Ringe, haben sich ewige Treue versprochen.

Plötzlich ist da blauer Himmel, die Schuld verstummt, alle Zweifel ausgeräumt.

Schon läuten die Glocken zur Traumhochzeit.

Es fehlt nur noch die Zuckerkirsche auf der Sahnetorte.

Und schon ist alles vorüber- ist mir die Kirsche auf die Stirn gefallen, oder warum bin ich aufgewacht?

Ich halte die Augen noch für einen Moment lang geschlossen,

warte, bis das erste Licht des Tages durch meine Lider dringt.

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