Irrtum – geschrieben von Sabine Willmann

Barbara saß neben dem Bett ihrer Mutter, die inzwischen ganz ruhig da lag. Wie sollte es auch anders sein: Es war 4 Uhr nachts und ihre Mutter im stolzen Alter von bald 86 Jahren. Barbara legte ihr Handy aus der Hand und lauschte in das Dunkel hinein.

Im Hintergrund war leise ein Schlager von Peter Alexander zu hören. „Rosamunde – schenk mir dein Herzund sag ja, Rosamunde frag doch nicht erst die Mama“. 

Die Gedanken trugen Barbara fort, zurück in die Kindheit. Aus dem Radio schallte “Rosamunde, schenk mir dein Herz …”, als sie sich auf den Weg zum Kindergarten machte. Jeden Morgen begegnete ihr dabei ein alter Mann auf dem schmalen Weg und jedes Mal steckte er ihr ein Bonbon oder Schokolade zu. Anfangs war ihre Mutter dabei, als sie noch nicht alleine gehen durfte. Doch mit dem 6. Geburtstag traute man es ihr endlich zu. Der Mann wurde zur verlässlichen Begegnung für das kleine Mädchen. Es mochte die Ruhe, die er ausstrahlte.

Aber eines Tages kam der alte Mann nicht mehr. Aufgeregt wollte Barbara später von ihrer Mutter wissen, wo der Mann sei. Die Mutter schaute ernst und sagte: „Er ist gestorben.“ Es war ein Moment tiefen Schmerzes für Barbara. Niemals zuvor hatte sie solche Trauer empfunden.

Peter Alexander sang inzwischen vom Warten und von Treue und Barbara starrte wieder auf die magere Gestalt der Mutter, auf der eine dünne Decke lag.

Sie spürte dem Schmerz über den Verlust des alten Mannes nach. Behutsam nahm sie die Hand der Mutter. Sie war kühler als ihre eigene. Eine Pflegerin öffnete die Tür. Ein greller Lichtstrahl fiel keilartig auf das Bett. Barbara nickte ihr zu, dass alles in Ordnung ist.

Im Raum roch es angenehm nach Lavendel. Im geöffneten Schrank lag ein kleines Kissen, das Barbara selbst mit Lavendelblüten gefüllt hatte. Sie stammten noch vom letzten Spaziergang, den Barbara mit ihrer Mutter im Sommer unternommen hatte.

Barbara fühlte die Hand der Mutter in ihrer eigenen. Sie betrachtete im fahlen Licht, das eine Straßenlaterne durchs Fenster warf, die blasse Haut der Mutterhand, die Adern, die sie an Wurzeln erinnerten. Sie dachte an Familienstrukturen: Mutter, Vater, Kinder, Kindeskinder. Schon immer fand Barbara komisch, wenn ihre Freundinnen davon erzählten, dass ihre Töchter inzwischen zu besten Freundinnen geworden seien. Kinder können keine Freunde der Eltern sein, Kinder sind Kinder ihrer Eltern und bleiben es für immer.

Barbara war inzwischen selbst Mutter einer Tochter. Sie hatte ihr oft von dem alten Mann erzählt. Die Tochter hatte auch stets den Schmerz der Mutter gespürt. “Hallo, ich bin hier und ich lebe.” verriet der Blick der Tochter und Barbara wusste, dass sie sich von der Erinnerung an den alten Mann und dem Schmerz lösen musste.

Warum hatte ihre Mutter sie ausgesucht? Warum nicht ihre Schwester oder ihren Bruder? Sie erinnerte sich an ein Gedicht, das sie der Mutter mit 10 Jahren geschrieben hatte: Der lieben Mutter zum Muttertag, wir wünschen dir, Mutter, ein langes Leben, der liebe Gott mag Gesundheit dir geben. Wir wünschen dir, Mutter, viel gute Jahr und was wir dir wünschen, da werde wahr! Wir wünschen dir Friede und guten Mut, das niemand dir jemals ein Leid antut.” Das Papier war geziert mit roten Herzen mit Filzstift gemalt und dürren Blumen in einem Blumentopf. So schrieb man 1977 der Mutter zum Muttertag. Sie hatte gerade eine Krebsbehandlung überstanden, Barbara und der jüngere Bruder waren in dieser Zeit in einem Kinderheim im Schwarzwald untergebracht. Nur die acht Jahre ältere Schwester durfte beim Vater bleiben.

Peter Alexander war endlich mit seinem Text fertig. Er hatte geschafft, die Liebste für sich einzunehmen und zu küssen. Barbara gab der Mutter einen Kuss auf die Stirn, dann zog sie vorsichtig die weiße Strickjacke über der Brust der Mutter zusammen.

Wieder öffnete sich die Tür. Im keilartigen Lichtstrahl erkannte Barbara die Silhouette ihrer Schwester. Sie wirkte abgehetzt und müde, war weniger akurat als sonst angezogen. Als die Schwester die Tür schloss, breitete sich das Dunkel wieder verlässlich über die stille Situation: “Hat sie sehr gelitten??”

Auszug aus einem Buchprojekt von Sabine Willmann

© 2019, Sabine Willmann, 0172-711 89 41

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