Lalitha – die Verwandlungen

Lalitha, damals eine junge Dame, ein Teenager, stammte aus dem Ortskreis Adyar, der zu Chennai, der Hauptstadt von Tamil Nadu, gehört.

In einer traditionsreichen Hindu-Familie aufgewachsen musste sie als Kind die heiligen Schriften lesen, die Mantren rezitieren, die Rituale praktizieren und jeden Freitag und einmal im Monat dann die Feste mit feiern. Mit dieser Tradition und als Mädchen sowieso hatte sie es nicht immer leicht. So ist es halt in Indien.

„Das ist alles altmodisch“, sagte sie immer wieder. Sie war sowieso eine Nervensäge in der Familie, alle mochten sie, aber wenn sie mit ihrer Diskussion kam, da war es aus, jeder suchte das Weite.

Lalithas Schwester, die mit einem Inder verheiratet war, einem Software-Ingenieur, der für einen Weltkonzern arbeitete und eine  Green Card für Amerika besaß, wollte mit ihrem Mann nach Amerika umziehen. Sie fragte Lalitha, ob sie auch mitgehen wolle. Eigentlich war es keine ernsthafte Frage, sondern eher so etwa wie: „Lalitha, möchtest Du etwa auch mit?“ Lalitha antworte spontan: „Oh ja, da will ich mit Dir gehen, das ist die Rettung für mich.“ Die Eltern waren irgendwie damit einverstanden, vielleicht in der Hoffnung, dass Lalitha im Ausland zur Vernunft kommen würde, womöglich sogar ruhiger und beherrschter.

Aufbruch ins Ungewisse

Lalitha durfte also, ob ihre Schwester das wollte oder nicht, mitfliegen. So kam es, dass sie einige Jahre in Amerika verbrachte und später für immer blieb. Sie wollte nicht mehr zurück.

Jahre später lernte sie einen jungen Amerikaner kennen und lieben. Nach zwei Jahren haben sie dann geheiratet. Sie lebten gemeinsam in der Stadt Virginia, alles ging sehr gut. Ihr Mann war ein Naturliebhaber und ging gerne in der Prärie wandern. Auch Lalitha war davon begeistert, die Beiden reisten sehr viel mit ihrem Geländefahrzeug. Besonders die Rocky Mountains hatten es ihnen angetan, dort waren sie öfters. Auf einer dieser Wanderungen, als sie mit Freunden zelteten, sah sie die Sterne am klaren Himmel und die Natur in ihrer ganzen Schönheit. Da erinnerte sie sich plötzlich an die alten Zeiten in Indien und merkte, dass das, was sie all‘ die Jahre unbewusst verdrängt hatte, wieder hochkam, sie konnte mit der Natur eins werden und meditieren. Irgendwann fing sie an zu singen und die Mantren zu rezitieren, einfach spaßeshalber und die Freunde fanden das exotisch schön. Auch ihr Mann fand es zu Beginn sehr schön, er versuchte sogar ebenfalls, die Mantren zu rezitieren, scheiterte aber kläglich. Da er seine Frau liebte, duldete er es auch, dass sie, wie in ihrer Kindheit, täglich oder einmal in der Woche, die hinduistischen Rituale durchführte, jeden Tag die Mantren rezitierte und Yogaübungen machte. Im Laufe der Zeit jedoch wurde sie eine richtige Inderin, mehr als ihre Verwandtschaft, die alle in der Zwischenzeit dies nicht mehr so richtig praktizierten. Lalitha war fanatisch darin, die heiligen Schriften zu lesen und war intensiv damit beschäftigt, ihr Haus umzukrempeln und einen Poojaraum (Gebetsraum) einzurichten. Sie kleidete sich zu Hause indisch, jeden Freitag nach dieser Puja bekam ihr Mann Prasadam, die Heilige Götterspeise. Er war lieb und machte alles mit und beschwerte sich nie. Irgendwann einmal kam er zu Lalitha und meinte, sie sollten doch auch mal daran denken, Kinder zu haben und eine Familie zu gründen. Daraufhin antwortete sie ihm, dass wenn das sein Wunsch sei, sie zuerst einmal in Indien auf eine Pilgerreise gehen möchte, um ihre Verwandten alle zu besuchen. Dort würde sie dann eine Zeitlang bleiben und einige Fragen bezüglich der Rituale klären. Dann komme sie zurück und sie könnten eine Familie gründen.

Sie ging nach Indien und aus diesen angekündigten sechs Wochen Urlaub wurden fast fünf Monate. Sogar ihre Verwandtschaft war besorgt darüber, dass sie ihren Mann so lange alleine lässt. Sie aber sagte: „Wir sind doch fast jeden zweiten Tag beim Skypen, seht doch, mein Mann akzeptiert das, wir diskutieren miteinander, wir lachen, alles ist bestens.“

Nach fünf Monaten ausgiebigen Urlaubes in Indien reiste sie wieder nach Amerika zurück. Ihr Mann holte sie am Flughafen ab und sie merkte, dass sein Verhalten ihr gegenüber kühl war. Dieses große „Hurra“ bei der Begrüßung war nicht da. Während der Fahrt nach Hause sprach er nicht viel. Als sie ihn, zu Hause angekommen, umarmen wollte, wies er sie zurück und sagte: „Pass auf, ich habe in den letzten langen Monaten viel Zeit zum Überlegen gehabt, es funktioniert so nicht mit uns.“ Daraufhin fragte sie spontan: „Du hast eine andere?“ „Nein überhaupt nicht, aber Du bist ein Mensch aus einer völlig anderen Kultur, tut mir schrecklich leid“, antwortete er.

Er hatte in der Zwischenzeit während ihrer Abwesenheit alles für ihren Auszug aus dem Haus vorbereitet, händigte ihr alle ihre Utensilien, einschließlich der Götterfiguren, den Schlüssel für’s Auto und andere Dinge, aus, die man bei einer Trennung benötigt, und informierte sie darüber, dass er ein Hotelzimmer für sie reserviert habe. Von der Stunde an waren sie getrennt.

Über den genauen Grund für das Aus ihrer Liebe kann man nur spekulieren.

Es waren anscheinend die einfachsten und doch wichtigsten Regeln, die sie nicht mehr beachteten und pflegten. Wenn zwei Menschen mit unterschiedlichen Kulturen aufeinander treffen, sind humorvolle und auch kritische Gespräche (wobei man dem anderen zuhört und ihn ausreden lässt) und ein verständnisvolles Miteinander oberstes Gebot. Rituale, die von beiden Partnern gelebt werden, wie gemeinsame Freunde treffen, Reisen, Spiele und Hobbys, helfen, eine Beziehung zu festigen. Sie fördern und schaffen gegenseitige Vertrautheit, Respekt, Freundlichkeit und Liebe.

Suresh

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