Für Suresh zum Geburtstag

Für Suresh zum Geburtstag am 11.12.2013

Akrostichon
S UPER
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H UMOR GEWÜRZTEN GESCHICHTEN

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Ich nehme die Wörter aus dem ersten Akrostichon und schreib eine Erzählung, in der diese Wörter vorkommen.
1. Erzählung aus: Super, unternehmungslustiger, Reisender, erzählt, Humor
An der letzten Tankstelle vor der Autobahn machte ich Halt, um zu tanken. Hier war das Superbenzin deutlich preiswerter als an den Innenstadttankstellen. Das wunderte mich schon immer, konnte das Rätsel aber nicht lösen. Als ich den Tankrüssel wieder in die Halterung steckte, winkte mir ein junger Reisender und kam auf mich zu. Ich winkte zurück- Als er näher kam, merkte er, dass ich mindestens so alt wie seine Mutter sein musste. Von Weitem hatte er mein Alter wohl erheblich falsch eingeschätzt. Um die Situation zu retten, erzählte er mir, dass er zum ersten Mal in Ludwigsburg sei. Er sei unternehmungslustig und würde gern ausgehen. Ob ich nicht eine Nichte hätte, die noch keine Pläne habe und mit ihm ausgehen würde. Ich war von seiner Geistesgegenwart beeindruckt und spielte mit. Ja, die hätte ich, aber sie wohne am Bodensee, zu weit weg, um den Abend mit ihm zu verbringen. Sie sei eine junge, bildhübsche Frau und habe außerdem Humor. Sie hätten bestimmt eine schöne Zeit miteinander verbringen können. Er bedankte sich ausgenommen höflich und eilte zu seinem Auto zurück, wo ihn sein Freund erwartete. Als ich an ihnen vorbei fuhr, sah ich sie lachen. Ich lachte auch, winkte ihnen zu und fuhr zu meiner altersgemäßen Verabredung.
2. DU-Perspektive: Super, unternehmungslustiger, Reisender, erzählt, Humor
Bahnfahren kann langweilig und öde sein. Das kennst du ja. Der Zug hält an jedem Baum, Leute steigen ein und aus. Sie sitzen dir gegenüber und starren auf ihr Smartphone oder hören laut Musik mit ihren MP3-Playern. In meinen Ohren hört sich das scheußlich an, bumm, bumm, bumm darüber fiepsige Töne. Um mich davon nicht stören zu lassen, mache ich Beckenboden- oder Atemübungen, von denen die Mitreisenden nichts merken. Dann hörst du wieder unfreiwillig Gespräche mit, die dein Gegenüber lautstark per Handy mit einem Gesprächspartner führt. „Ich sitze jetzt im Zug und bin in 10 Minuten am Bahnhof. Soll ich unterwegs etwas einkaufen? Ich hole noch eine DVD. Okay. Das wird bestimmt ein super Abend. Tschüssi!“ Manchmal habe ich das Glück, Reisende kennen zu lernen, mit denen sich ein anregendes Gespräch ergibt. So ein Gespräch hat meist etwas Unverbindliches. Man fährt eine Weile zusammen in dieselbe Richtung und trennt sich wieder. Du weißt nicht, wie der Andere heißt, was er tut, wo er arbeitet. Es ist eine Mischung aus Nähe und Unverbindlichkeit. Wenn man aussteigt, sieht man sich nie wieder. Neulich kam ich mit einem älteren Herrn ins Gespräch, der mir die Geschichte seiner großen Liebe erzählte. Er war Schüler am Gymnasium und sie Lehrerin an der Volksschule, so hieß damals die Hauptschule. Eine schöne Frau mit Geist und Humor. Sie hatten eine lange Liebesgeschichte miteinander. Sie interessierten sich für dieselben Themen und diskutierten philosophische und naturwissenschaftliche Fragen, was man von einem Liebespaar nicht unbedingt erwartet. Mich wunderte, dass sein Onkel, bei dem er wohnte, von dieser Liaison nichts merkte. Vielleicht ahnte er etwas, wollte es aber nicht wissen, der Junge muss ja schließlich seine Erfahrungen machen. Nach dem Abitur zog ihn seine Unternehmungslust in eine andere Stadt. Dort heiratete er eine andere Frau, hatte mit ihr drei Kinder und ließ sich wieder scheiden, als sie sich nichts mehr zu sagen hatten. So stellte er es wenigstens dar. Die Motive seiner Heirat ließ er im Dunkeln. Danach heiratete er noch einmal, dieses Mal eine Frau, die seine Interessen teilte. Sie starb vor einem Jahr. „Haben Sie mit ihrer ersten Liebe wieder Kontakt aufgenommen?“, fragte ich ihn. Du weißt ja, wie neugierig ich bin. „Nein“, lächelte er, „aber glauben Sie mir, es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke.“- Was hält Sie ab, sich bei ihr zu melden?“, wollte ich wissen, ganz in meiner Rolle als Häuptling bohrender Finger. „Ich glaube, sie ist verheiratet.“ Das verstand ich nun gar nicht. Man wird ja nach 60 Jahren Trennung miteinander telefonieren dürfen.
Ich jedenfalls freute mich, als ich vor ein paar Wochen eine E-Mail von meiner Jugendliebe bekam. Erinnerungen tauchten auf an unsere erste Demonstration. Unseren Eltern hatten wir gesagt, wir würden eine 1.-Mai-Wanderung machen. Sie freuten sich über unsere Naturverbundenheit und Wanderfreude und badeten in Wohlgefallen, dass ihre Saat aufgegangen war. In Wirklichkeit fuhren wir nach Stuttgart zu einer nicht genehmigten Demonstration gegen die Notstandsgesetze. Dass der Polizeipräsident gegen ein paar Hundert Fahnen schwingende junge Leute berittene Polizisten einsetzte und Polizeiautos in die Menge fahren ließ, sodass wir um unser Leben rennen mussten, säte Zweifel ob der Rechtmäßigkeit und Verhältnismäßigkeit ihres Handelns. Bis dahin hatte ich Polizisten fast nur als Kontrolleure meiner Fahrradbeleuchtung erlebt, die meist nicht funktionierte. Das war lästig, aber nicht gefährlich. Zum ersten Mal fühlte ich mich von der Polizei bedroht, die uns doch eigentlich schützen sollte. Die gemeinsam erlebte Gefahr brachte uns einander näher. So nah, dass wir immer wieder versuchten, einen ungestörten Platz in der Natur zu finden. Kaum hatten wir unsere Decke auf einer schönen Lichtung mit weichem Waldboden ausgebreitet, kam eine Oma mit ihren Enkeln und wollte partout nicht weitergehen, bis wir die Lichtung räumten. Ein andermal kam ein Mädchen mit Hund aus unserem Dorf vorbei und wieder ein anderes Mal Kinder mit Fahrrädern, die sich in unserer Nähe ausgesprochen wohlzufühlen schienen. Unsere Trennung verlief dramatisch. Ich wollte in die Welt hinaus und Abenteuer erleben, er wollte es lieber gemütlich. Kurz nach meinem Abgang fand er ein nettes Mädchen, mit dem er später eine Familie gründete und sich das Leben gemütlich einrichtete. Ich zog in die Welt hinaus, lernte die Facetten des Lebens auf eigene Faust kennen, was ziemlich anstrengend, also ungemütlich war. Das Schöne ist, dass wir irgendwie Freunde geblieben sind. Das liegt vielleicht daran, dass wir uns nur alle 20 Jahre treffen.
Zurück zu meinem Reisebegleiter: Gab es in seiner Liebesgeschichte vielleicht einen dunklen Fleck, den er verbergen wollte? Ich meine, er hätte mir sein Geheimnis ruhig offenbaren können. Wir würden uns in ein paar Minuten trennen und uns nie wiedersehen. Er brauchte keine Indiskretion zu befürchten. Ich kann nämlich sehr diskret sein, wenn es sein muss. Am Bahnhof nahm ich ihm aber noch das Versprechen ab, gleich morgen die Suche nach seiner großen alten Liebe aufzunehmen. Es wäre doch zu schön, wenn ich dazu beigetragen hätte, ein altes Liebespaar wieder zu vereinen. Du weißt ja, wie gern ich so etwas mache.

Über Regina Boger

Ich liebe den komischen Blick auf die Welt. Dadurch wird das Drama des Lebens keine Tragödie, sondern eine Komödie. Geschichten, die das Leben schreibt, sind oft aberwitziger, verrückter,abenteuerlcher und manchmal auch komischer als Fiktionen. Die eine Hälfte meines beruflchen Lebens verbrachte ich als Lehrerin, die andere als Beraterin für Schulentwicklung und als Theaterpädagogin. Alles, was wächst und Früchte trägt, macht mich glücklich, von Tomaten bis zu Theatergruppen.
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Eine Antwort auf Für Suresh zum Geburtstag

  1. Suresh sagt:

    Akrostichon dieses Wort kannte ich bisher nicht als musste Wiki mir helfen…

    Ein Akrostichon (von griechisch ἄκρος ákros ‚Spitze‘ und στίχος stíchos ‚Vers‘, ‚Zeile‘) ist eine Form (meist Versform), bei der die Anfänge (Buchstaben bei Wortfolgen oder Wörter bei Versfolgen) hintereinander gelesen einen Sinn, beispielsweise einen Namen oder einen Satz, ergeben. Die deutsche Bezeichnung für diese Versform ist Leistenvers.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Akrostichon

    Regina hat eine wunderbare Art mit interessanten Erzählungen spannende Kinos in den Köpfen der Leser laufen zu lassen.
    Danke Regina für dieses Geschenk.

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