Die Brille

Sonntagmorgen. Elsa stützte sich auf ihren Stock und ging in den Feldwebel-Anton-Schmidt-Park. Es herrschte dichter Nebel. Die Konturen der Bäume und Sträucher zeichneten sich dahinter ab wie bei einem Leichentuch, unter dem man die Umrisse des Körpers wahrnehmen kann.

Das Kopfsteinpflaster war feucht und mit Blättern übersät. Elsa kniff die Augen zusammen und sah auf den Boden. Ging langsam Schritt für Schritt voran. In der Mitte des Parks stand die Statue von Feldwebel Schmidt.

Elsa blieb davor stehen und nickte ihr zu, als ob sie einen alten, flüchtigen Bekannten getroffen hätte. Sie und ihr Mann Hasso hatten 1941 die jüdische Familie Salzmann in ihrem Keller versteckt. Elsa war stolz darauf, Hitler und seinen Todesschwadronen eine lange Nase gedreht zu haben. Sie und ihr verstorbener Mann hatten die Salzmanns gerettet, ganz so wie es Feldwebel Schmidt in Polen mit einigen Juden ebenfalls getan hatte. Elsa lächelte. Noch heute stand sie mit den Salzmanns in Kontakt, die jetzt in Wien lebten.

Elsa humpelte zu einer Bank. Überall um die Statue herum waren Bänke verteilt und standen da wie eine Ehrenwache. Die Sitzfläche war feucht. Elsa zog ihren Wintermantel nach unten und setzte sich. Aus ihrem Ärmel zog sie ein Taschentuch und schnäuzte sich die Nase.

Das leise Plätschern eines Wasserlaufes war zu hören. Aus weiter Ferne drangen die Gesprächsfetzen von anderen Passanten an ihr Ohr. Nur konnte sie niemanden sehen. Elsa fühlte sich wie in Watte eingepackt. Als sie ihre Hand auf die Seite legte, spürte sie etwas kaltes. Metall.

Nanu.“ Es war eine Brille. Liegengelassen und vergessen. Das Metall der Bügel war kalt. Sie musste schon eine Weile hier liegen.

Elsa sah sich die Brille an. Kreisrunde Gläser, leicht beschlagen, beide noch intakt. Auch das Gestell machte einen guten Eindruck. Nicht verbogen. Mit ihrem Taschentuch reinigte sie die Gläser. Probeweise setzte Elsa die Brille auf.

Potzblitz“, flüsterte Elsa. „Das ist ja meine Stärke!“ Die Welt breitete sich wieder klar vor ihr aus. Sie sah sich um. Alles konnte Elsa wieder richtig sehen. Endlich war die Welt um sie herum nicht länger ein verschwommener Fleck ohne Kontur. Seit einem halben Jahr hätte sie eine Brille gebraucht, aber ihre knappe Rente hatte das nicht zugelassen. Doch endlich war die Welt wieder scharf, und sie konnte ihre Bücher lesen, ohne die Augen zusammenzukneifen. Der Boden unter ihren Füßen war wieder gut zu erkennen.

Elsa stand auf und humpelte auf den Ausgang des Parks zu. Dort blieb sie noch einmal stehen, drehte sich zu der Statue herum und winkte Feldwebel Schmidt zum Abschied wie einem alten und lieben Freund zu.

Danke.“ Elsa drehte sich herum, und der Nebel schloss sich hinter ihr, als hätte es sie niemals gegeben.

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2 Antworten auf Die Brille

  1. suresh sagt:

    Wow, das ist ein wunderbarer Schreibstil, eine bilderhafte Beschreibung, auch wenn es ein wenig vernebelt war 😉 mit einem Leichentuch angefangen und mit einem Taschentuch fortgesetzt. Danke Björn, für diese traumhafte Kurzgeschichte, ich spürte die Kälte, die Brille …

    • Björn Suender sagt:

      Lieber Suresh,

      ich danke Dir für Deinen lieben Kommentar. Diese Kurzgeschichte ist einer meiner besten und eine meiner liebsten. Irgendwie habe ich es geschafft, den richtigen Ton zu treffen.

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