„Das Leben“ ist ein kurzes Wort – aber lang an Erfahrungen! *

Christine wird am 5. August 1939 in Feuerbach geboren, also kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, und die Kriegs- und Nachkriegsjahre prägen ihre Kindheit und Jugend. Von ihrer Herkunft ist sie eigentlich eine „Fränkin“, denn ihre Eltern stammen aus Nürnberg. Der Eltern lernen sich bei der Hochzeit eines Cousins des Vaters und der Schwester der Mutter dort kennen. Sie heiraten und der Vater arbeitet als Kaufmann, die Mutter als Buchhalterin zuerst in Nürnberg, dann kommen sie durch einen Freund des Vaters zuerst nach Wangen, dann nach Stuttgart- Vaihingen, wo 1933 die ältere Schwester geboren wird. Während dieser Zeit mitten in der Weltwirtschaftskrise wird der Vater zuerst arbeitslos, arbeitet später im Straßenbau und bewirbt sich dann bei der Fa. Bosch in Feuerbach, wo er 1936 bei der Werksfeuerwehr eingestellt wird und eine Firmenwohnung am Lemberg  mit 4 Zimmern, Küche, Bad, erhält. Als Glücksfall für den Vater erwies sich seine Arbeit, denn als Mitglied der Werksfeuerwehr wurde er während des Krieges UK gestellt (unabkömmlich) und musste nicht als Soldat an die Front.  Auch die Mutter arbeitete teilweise,  z.B. bei einer Kleiderfabrik, weil sie nicht nur Hausfrau sein wollte.

Am Lemberg in Feuerbach, unterhalb der Weinberge, befand sich auch ein Luftschutz-Stollen, der dann von den Bewohnern der Siedlung bei den Luftangriffen während des Krieges aufgesucht wurde. Christine erinnert sich daran, dass sie als Kind öfter mit anderen Kindern auf dem Schuttberg vor dem Stollen gespielt hat und bei Luftalarm sind sie dann auch schnell in den Stollen gelaufen. Bei einem der nächtlichen Luftangriffe  wurde Christine von einem Mann aus dem Haus zum Luftschutzbunker getragen und dieser hat sie aus Versehen fallen lassen und bis er sie wieder aufheben konnte, waren schon weitere Menschen in ihrer Panik über sie hinweg gestolpert. Dieses nächtliche aus dem Bett Reißen empfand sie als sehr bedrohlich. Auch heute noch hat sie Angst und Panikattacken, wenn sie plötzlich irgendwo alleine ist- wenn sie z. B. eine Gruppe mit der sie unterwegs ist, plötzlich aus den Augen verliert. Noch heute hat sie die Pfeifgeräusche der fallenden Bomben im Ohr oder das Sirren der sogenannten „Christbäume“, die dazu dienten, den Bomberpiloten die Ziele zu beleuchten. Noch viele Jahre nach dem Krieg erschrak sie bei plötzlichem Sirenenalarm und verspürt auch heute immer wieder ein unangenehmes Gefühl dabei.

Die Erinnerungen an die Zerstörungen in Stuttgart sind ihr noch sehr präsent:  In vielen Häusern sind bis in die 50er Jahre die Fenster mit Pappdeckel verdeckt. Bettelnde heimkehrende Soldaten in abgeschabte Uniformen kommen ins Haus und bitten um einen Kaffee, ein Stück Brot, das sie von der Mutter bekommen. Um das Überleben der Familie zu sichern, ging die Mutter hamstern nach Hemmingen und Hirschlanden. Mit einem „Rutscherle“ – eine Art vierrädriger Wagen mit Kiste- wurden dann die Lebensmittel, die sie gegen Wertgegenstände eingetauscht hatte, nach Hause gekarrt. Dass sie Hunger gelitten hat, daran kann sie sich nicht erinnern, aber sie ist sicher, dass ihre Eltern gehungert haben.

Christine wurde 1945 in die Bismarckschule in Feuerbach eingeschult. Fast alle Kinder trugen ärmliche Kleidung und sie war die einzige, die eine Schultüte bekommen hatte. Auch Flüchtlingskinder waren dabei, mehr als 40 Kinder saßen in einer Klasse. In der ersten Klasse packte Christine öfters ihren Ranzen und ging einfach nach Hause, was der Lehrer akzeptierte, weil er wusste, dass sich dieses Verhalten verändern wird. Er verstand offenbar, dass Christine die mütterliche Nähe noch brauchte.  Es gab aber auch Lehrer, die weniger verständnisvoll waren und die geprügelt haben, auch Mädchen wurde der Hintern versohlt.

Wie viele Menschen, die in der Nachkriegszeit zur Schule gingen, kann sich Christine auch gut an die Schulspeisung von den Amerikanern erinnern: Das Essen wurde in großen Kübeln angeliefert, es gab  Breie oder Suppen und die Speisen wurden in Aluminiumgeschirr an die Kinder ausgegeben. Allerdings hat nicht alles geschmeckt, z.B. gab es einmal Pferdefleisch mit Zibeben (Rosinen).  Manchmal wurde auch Schokolade verteilt, die erste Schokolade ihres Lebens war Hershey Schokolade, die aussah wie ein Müsliriegel, oder es gab „Fliegerschokolade“ in Dosen, die aber eher bitter geschmeckt hat. Ihre Nebensitzerin in der Oberschule war Helga- ein Flüchtlingsmädchen. Sie besaß nur einen Rock und eine Bluse, beides wurde am Wochenende gewaschen, und ebenso nur ein paar Schuhe. Eingesessene Stuttgarterinnen betrachteten die Flüchtlingsmädchen eher von oben herab. Christine durfte sie ab und zu auch zum Essen mitbringen.

Die ersten Besatzungssoldaten in Stuttgart waren Franzosen, darunter auch Marokkaner mit Käppis und Umhängen, erst einige Zeit später kamen dann die Amerikaner. Die Bevölkerung musste Radios und Fotoapparate abgeben und der Vater nahm Christine mit, als er seinen Fotoapparat im Rathaus abliefern sollte. Ein amerikanischer Soldat schenkte ihr dort eine Orange,  in die sie wie in einen Apfel hineingebissen hat, da sie so eine Frucht bisher nicht kannte. Der Vater zeigte ihr dann, wie man die Orange vor dem Verzehr schält.

Für viele Lebensmittel brauchte man bis zur Währungsreform Bezugsscheine. Einmal gab es Zibebe auf Bezugsscheine, die die Mutter extra für den Weihnachtsstollen aufgehoben hat. Die Schwester und Christine haben diese Rosinen heimlich gegessen, dann hat ihre Mutter, als sie das entdeckt hat, bitterlich geweint. Zum Glück hatten sie im Garten auch viele Beeren, Kirschen und Gemüse, was sie als Kind aber eher genervt hat, weil sie dort bei der Ernte immer mithelfen musste. Auch hat ihr ihre Mutter, weil sie nähen konnte, aus eingefärbten Militärdecken einen kratzigen Mantel genäht, denn auch  Kleidung und Stoffe konnte man längere Zeit nach dem Krieg nur auf Bezugsscheine erhalten.

Nach vier Jahren Grundschule wechselte sie auf die Mädchenoberschule und machte dort nach sechs Jahren die mittlere Reife. In Sprachen war sie gut, Englisch und Französisch lagen ihr sehr, aber Mathe mochte sie nicht. Besonders  beeindruckt hat sie die Deutsch- und Geschichtslehrerin aus Königsberg, die den Schülerinnen Agnes Miegel- eine Dichterin aus der Heimatstadt der Lehrerin-  nahebrachte. Wenn die Lehrerin im Deutschunterricht Texte vorgelesen hat, hat Christine  das besonders viel Freude bereitet, da hörte sie fasziniert zu.  Aufsätze schreiben fand sie allerdings nicht so spannend, aber bei einem Thema:„Wie würdest du dir dein Zimmer einrichten?“ da bekam sie eine gute Note. Eine weitere beliebte Lehrerin, an die sie sich gerne erinnert, war eine moderne, junge, gutaussehende Frau, die mit einem amerikanischen Auto in die Schule kam, weil sie offensichtlich einen amerikanischen Freund hatte. In der 6. Klasse- heute ist das die 10. Klasse- kam ein neues Fach hinzu: Gemeinschaftskunde. Im Unterricht des neuen Faches sollten den Schülerinnen auch etwas über das Dritte Reich gelehrt werden. Allerdings war die Information von Seiten der Lehrer über diese Zeit eher lückenhaft und das System der DDR wurde komplett ausgeblendet.

Ein Ereignis aus der Schulzeit hat Christine bis heute nicht vergessen: Sie hat einen Eintrag  von der Rektorin bekommen hat, was für die damalige Zeit wahrlich eine Ausnahme darstellte. Am Montagmorgen war Schülergottesdienst für die katholischen Schülerinnen in einem Raum über der Turn- und Festhalle, Christine ging da aber an einem Morgen nicht hin und war mit ihren Klassenkameradinnen im Klassenzimmer, und dort haben sie gesungen und übermütig auf den Bänken getanzt. Plötzlich wurde es um Christine merkwürdig ruhig, weil die Rektorin aufgetaucht war, was sie aber nicht bemerkt hatte, und sie bekam einen Eintrag gleich auf der ersten Seite des Klassenbuches. Die ganze Woche machten die Lehrer dann entsprechende Bemerkungen. Auch die Eltern mussten zum Gespräch in die Schule kommen und die gute Note in Betragen war weg. Die Eltern legten Wert auf gute Bildung und Erziehung und die Mutter wollte, dass Christine in ein Internat kommt, aber Vater war dagegen. Er sprach das entscheidende Wort, das mich vor dem Internat rettete: „Des Mädle kommd ned ins Internad, des bleibt dahoim, des braucht Neschdwärme.“ Ich bin ihm heute noch dankbar, dass er meine Not erkannte und für mich eintrat.

Für die Mädchenoberschule mussten die Eltern Schulgeld bezahlen, das der Hausmeister in der Klasse kassierte, ebenso mussten die Bücher selbst gekauft werden. Die Schul-kameradinnen dort waren auch eher Mädchen aus wohlhabenderen Familien.

1956, nach der bestandenen mittleren Reife kam sie durch Beziehungen der Eltern zu einem Nachbarn auf das Telegraphenamt in der Bolzstraße in Stuttgart. Dort wurden, wie der Begriff schon sagt,  Telegramme übermittelt. Mit Hilfe großer elektrischer Schreibmaschinen, den sogenannten Fernschreibern, wurden die Telegramme an andere Telegraphenämter in ganz Deutschland weitergeleitet. Ankommende Telegramme, es waren schmale Streifen mit Text, wurden aufgeklebt und dann per Post- oder Eilboten an die Empfänger ausgehändigt Ein Wort eines Telegramms kostete damals 15 Pfennige, ein Grund für den Absender, sich kurz zu fassen.

Die Lehre auf dem Amt dauerte etwa ein halbes Jahr und beinhaltete die Fächer Schreibtechnik, Geographie, Rechnen, Bürgerkunde und Postgeschichte.  An den Fernschreibern arbeiteten nur Frauen, der Chef allerdings war ein Mann, was typisch für die Nachkriegszeit war. Zunächst war Christine Angestellte und hatte viel Respekt vor den älteren Frauen dort.  Dienstzeiten waren von  7 Uhr am Vormittag bis um 13 Uhr und eine weitere Schicht von 13-21 Uhr.

Nach einem Jahr, also 1957, wurde sie nach Ludwigsburg aufs Telegraphenamt versetzt, das machte man bevorzugt mit den jungen Mitarbeiterinnen. Das Amt befand sich an der Ecke Bahnhof- und Myliusstraße, heute das Gebäude der Deutschen Bank. Gewohnt hat sie aber weiterhin in Feuerbach bei ihren Eltern,  da Wohnungen knapp waren  und sie sich das von ihrem auch für die damaligen Verhältnisse geringen Verdienst von 80 DM im Monat nicht leisten konnte. Vom ersten Gehalt, das sie selbst behalten durfte, hat sie sich einen Popelinmantel und eine paar Schuhe gekauft. Zunächst musste sie den Eltern nichts abgeben, aber später dann doch einen Obolus als Ausgleich für das Wohnen zuhause entrichten. 1964 Jahre zog Christine dann nach LB, weil sie an die Anmeldestelle für Fernmeldeeinrichtungen in der Bismarckstraße versetzt wurde. Damit verbunden war die Möglichkeit, Beamtin zu werden. Es folgte eine Ausbildung und dann die Prüfung für die Beamtenlaufbahn, damals eine attraktive Karrieremöglichkeit für Frauen. Alle zwei Wochen musste sie im Amt eine Nacht lang  Nachtdienst leisten, zu dieser Tätigkeit gehörte die ganze Palette der damaligen fernmündlichen Serviceleistungen der Post,  z.B. Weckdienste übernehmen, Auskunft geben und Telegramme aufnehmen und die tägliche Aufzeichnungen der Wetteransagen. „ Nachtdienst, das war der Alptraum! Ich war fast ganz allein in dem riesigen Gebäude. Aus allen Ecken Geräusche, die ich nicht kannte. Ich sah hinter jedem Pfosten einen Einbrecher. Und ich mutterseelenallein in diesem Haus.  Und keiner, der mir helfen konnte. Zum Glück kam nie ein Einbrecher, aber ich schwitzte bei jedem Nachtdienst Blut und Wasser. Am nächsten Tag war ich meist ziemlich erledigt.“

Christine hat sich sehr schnell in Ludwigsburg heimisch gefühlt, vor allem auch wegen der Freundinnen von der Arbeitsstelle. Gemeinsam haben sie dann nochmals Tanzstunden besucht. Im Bahnhotel, neben der heutige Musikhalle, fanden der Tanzunterricht und die Abschlussbälle statt.  Zum Tanzen ging man dann am Wochenende z.B. ins Cafe Scholl nach Neckargröningen, oder unter der Woche ins Cafe Lassas in der Schillerstraße. Wollte man die aktuellen Filme sehen, waren das Central-Kino oder das Cluss- Kino-  heute Scala- die bekanntesten Adressen. In der Myliusstraße, wo sich heute der Rewe befindet,  gab es noch  das Arcadia- Kino und einen Stock höher konnte man in gepflegter Atmosphäre zur Klaviermusik tanzen.

Christine genießt heute ihren Ruhestand, denn als die Anmeldestelle für Fernmelde-einrichtungen aufgelöst wurde, hat man den älteren Mitarbeiterinnen einen vorgezogenen Ruhestand ermöglicht. Seitdem genießt sie besonders das Reisen, sie war z.B. schon in China und fuhr häufig mit Freunden in ihre „zweite“ Heimat  nach Südspanien, wo man sie im Hotel kennt und man sie wie ein Familienmitglied empfängt und verabschiedet. Das ist auch der Grund, warum sie seit einigen Jahren Spanisch lernt, weil sie sich mit den Menschen dort verständigen möchte. Sie empfindet eine besondere Dankbarkeit für diese Zeit, denn die Begegnungen mit Menschen und das Erleben schöner Landschaften und anderer Kulturen sind etwas, das einem niemand mehr nehmen kann.

Das Älterwerden steckt sie nicht so einfach weg, die körperlichen Einschränkungen machen ihr doch auch zu schaffen. Aber sie lässt sich nicht „unterkriegen“, sie versucht sich ihre positive Lebenseinstellung zu erhalten und ganz wichtig ist ihr, sich zu pflegen, sich Gutes zu tun, sich schön anziehen.

Seit über 50 Jahren lebt Christine jetzt in Ludwigsburg und die Stadt ist ihre Heimat geworden: Hier hat sie den größten Teil ihres Lebens verbracht, hier hat sie ihre Freunde, hier ist es einfach schön. Die Kindheit und Jugend in Feuerbach und Stuttgart gehören- besonders nach dem Tode der Mutter- einem anderen Lebensabschnitt an.

Wie heißt es doch so schön? Home is where my heart is!

*die Überschrift ist ein Zitat aus einem Text eines algerischen Flüchtlings, erschienen in der Stuttgarter Zeitung vom 2. Februar 2015

Biographie Christine  – aufgeschrieben von Hedi Seibt.

Christine kenne ich seit September letzten Jahres, als ich zum ersten Mal den Spanischkurs A1 in der VHS Ludwigsburg besuchte. Acht Frauen im jüngeren und mittleren Alter waren schon anwesend- auch die Kursleiterin- und ich setzte mich auf den nächsten freien Platz, und der war neben Christine. Und so blieb es: Seit zwei Semestern sind wir Sitznachbarinnen- und jedes Mal, wenn die üblichen Fragen der Professora: ? Que hiciste durante la semana pasada? oder ? Que tal las vacasiones? zu beantworten waren, erzählte sie, zuerst auf Spanisch- dann öfter weiter auf Deutsch, was sie alles gemacht und erlebt hatte, gewürzt mit teils komischen, teils skurrilen Details, so dass wir immer etwas zu lachen hatten- auch wenn manches Ereignis eher alltäglich war. Für mich ist sie eine typische  „ handfeste“ Schwäbin, geradeaus, ehrlich, humorvoll, freundlich und hilfsbereit und sie ist seit 1964 eine Ludwigsbürgerin. Und das war auch der Grund, warum ich sie für das Projekt der „Stadtistik “ zu gewinnen suchte.

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