Darum prüfe, wer sich ewig bindet …

திருமணம் – Hochzeit

Junge Menschen, die bereit sind, eine Familie mit einem anderen Menschen zu gründen und eine Ehe lebenslang zu führen, sollten sich zuvor Gedanken machen. Es sind sehr viele Faktoren zu berücksichtigen.

In erster Linie Charakter, Aussehen, körperlicher und geistiger Gesundheitszustand, Benehmen, Bildung, Herkunft, die Vorgeschichte der Familie, finanzielle Absicherung, Beruf, die Einstellung zum Leben, der Resilienz-Faktor, die Verantwortung, Mut  oder Courage usw., um nur einige zu nennen. Bei jungen Menschen, die noch keine Lebenserfahrung und Reife erlangt haben, besteht eventuell die Gefahr, dass sie von der  Liebe verblendet werden und über all diese Dinge hinwegsehen. Es wäre also eine Entscheidung nach dem Zufallsprinzip, durch Hormone gesteuert.

Genau um solch einen Fehlgriff und spätere Komplikationen zu vermeiden, sollten Erwachsene die jungen Leute bei der Wahl ihres Partners unterstützen. Diese wichtige Aufgabe ist für die Familie und die nahen Verwandten verpflichtend.

Dies gilt auch, wenn die Eltern ihre Kinder bei der Erziehung genauestens auf die vier Phasen des Lebens vorbereitet haben.

In der ersten Phase sollen die Kinder Kinder sein. Spielen, lernen, Blödsinn machen, frech und neugierig sein, Abenteuer erleben und Spaß haben.

In der zweiten Phase lernen sie das Allgemeinwissen und was Verantwortung, Pflichten und Rechte sind.

In der dritten Phase müssen sie Vermögen verdienen und eine Familie gründen.

In der letzten Phase helfen sie ihren Verwandten und gehen zum entspannten Leben über.

Was ist dabei, wenn man für die jungen Leute eine Vorauswahl trifft und ihnen ihren eventuellen zukünftigen Partner vorstellt? In diesem Fall, egal wen sie auch wählen, sind die Chancen gut, dass sie gemeinsam ein gesundes und sicheres Leben führen. Man kann sagen, die Chancen sind höher als bei einem Zufallsprinzip.

Wenn man sein hart verdientes Geld in Aktien investieren möchte, geht man auch nicht hin, schaut sich die Werbung an und investiert nach Gefühl und Glaube, sondern man analysiert das Unternehmen, studiert ihre bisherigen Erfolge, Strategien, Produkte, usw.

Sollte man nicht bei der Gründung einer Familie noch sorgfältiger sein als bei einer Geldinvestition?

Anhand einer arrangierten Hochzeit in meiner indischen Familie möchte ich die indische Art der Partnerauswahl vorstellen. 

Ich war noch kein Teenager, als meine Familie anfing, die Hochzeitsvorbereitung für meine Tante Sedhu in Gang zu bringen. Dies wurde mir klar, als meine Tante Wind davon bekam und sich verbal heftig dagegen wehrte. Sie würde niemanden heiraten, den die Familie ihr vorsetzen würde. Sie würde genauso wie Savithri, eine Kinoheldin, die ihren Mann selbst ausgewählt hatte, heiraten. Die Familie hörte sich zwar ihren Protest an, aber die Familienoberhäupter ließen sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen.  Sie brachten bei jeder möglichen Gelegenheit dieses Thema zur Sprache und waren auch auf der Suche nach einem guten ‚Marriage Broker‘, einem Heiratsvermittler.

Zu diesem Zeitpunkt wohnte ich zusammen mit meiner Mutter, Schwester Chithra, Tanten, Onkel, Großeltern und Kindern meiner Tanten. Shekar, Ravi, Kala, Kanthan, Sathish und Meena waren meine Cousinen und Cousins.

Mein Vater war in der Verwaltung der Regierung in Bangalore beschäftigt und suchte dort für uns ein geeignetes Haus.

திருமண தரகர் – Heiratsvermittler

Meine Tante Sedhu war siebzehn Jahre alt. Eines Tages als ein bekannter Heiratsvermittler an die Tür klopfte, schickte meine Tante ihn forsch fort. Gekränkt sagte er ihr, dass er garantiere, nicht wieder zu erscheinen, auch wenn sie ins heiratsfähige Alter komme.

In unserer Familie blieb nichts lange verborgen, irgendwie bekamen sie Wind von jeglichem Streich, unpassenden Bemerkungen oder Handlungen in der Öffentlichkeit. Einmal, als ich mit meinen Freunden aus der CSI Schule (Church of South India) auf dem Schulweg an der Ecke eine rote Banane (rote Schale und innen gelbe Bananenfrucht) kaufte und aß, hat irgendjemand mich daheim verpetzt. Meine Amma (Mutter) war wütend, als ich nach Hause kam, weil ich am Straßenrand gegessen hatte. In unserer Samudhaayam (Gemeinschaft) macht man so etwas nicht, am Straßenrand essen wir nicht, bekam ich zur Antwort. 

Meiner Tante blieb auch nichts erspart. Der gekränkte Heiratsvermittler muss es überall getrommelt haben, meine Tante wurde von vielen Seiten belehrt und beschimpft, so dass sie tagelang betrübt war. 

Eine Woche später erschien ein kugelrunder Mann mit breitem Grinsen an der Tür. Meine Großtante empfing ihn und bot ihm Decoction Kappi an (abgekochter Kaffee mit Zuckerrohr gesüßt). Wir Kinder wussten sofort, dass er ein Broker war. Er trug zwei, drei goldene Ringe an seinen beiden Händen. Er hatte die oberen zwei Knöpfe seines Hemdes offengelassen und ließ seine dicke goldene Kette lässig glitzernd aus seinem Hemd herausragen. Sein Lachen war laut und platzte ohne ersichtlichen Grund aus ihm heraus. Er sah aus wie ein Rakshasa (Dämonen aus der indischen Mythologie) und ich mochte ihn nicht. 

Meine Großtante Thilagavathy beauftragte ihre jüngste Schwester, also meine Lieblingstante Sedhu, dem Dicken ein paar Vadai und Samosa zu bringen. Er musterte sie kurz und wollte von meiner Großtante wissen, wie sie heiße, ihr Alter, ihr Sternzeichen, ihren Schulabschluss usw. Er lachte laut und verkündete, dass er bereits einige passende Bräutigame kenne und die Hochzeit bereits nach vier Vollmonden und noch vor Diwali (Lichterfest) stattfinden könne. 

Tante Sedhu verschwand leise in die Küche, als ob sie sich dort verstecken wolle und sie wirkte verstört. Wir Kinder gingen zu ihr und standen ganz nah bei ihr, um ihr unsere Solidarität zu zeigen. Wir alle haben den Dicken, den wir Gunda (Bösewicht) nannten, nicht gemocht. 

Unser Periyappa (Großonkel), Ehemann der Tante Thilagavathy, stellte dem Marriage Broker einige Fragen und schickte ihn fort.

Erst dann wurde und Kindern klar, dass unsere liebste Tante verheiratet werden sollte. Auch Periyappa gefielen die Vorgehensweise und das Prahlen des Brokers nicht. Er meinte, wir müssten wohl weiter nach einem zuverlässigen Broker schauen. Er werde noch am Abend im Nagerkovil (Schlangentempel) den Priester fragen. 

Tante Sedhu schien irgendwie erleichtert. Sedhu Chithi, so wie wir sie nannten (Chithi=Tante), war bis zu diesem Vorfall lustig, spielte mit uns Verstecken, Seil springen, Rennen und Jagen, sie war unsere Kommandeurin und Spielkameradin zugleich. Nun wirkte sie seriös, erwachsen und nachdenklich. Wir alle litten sehr darunter. Auch die Oberen der Familie bemerkten, dass wir nicht mehr so lauthals schreiend und wild durch die Gänge im Haus liefen. Es herrschte eine bedrückte Stimmung im Haus. 

Damals lebten wir alle zusammen in einem großen Haus, das meinen Großeltern gehörte. Zu ihrem Haushalt gehörten fünf Kühe, ein Hahn mit Hühnern in seinem Harem und eine Katze, die irgendwann gekommen und geblieben war. Am letzten Freitag in jedem Monat kamen Bauern, die die Reisfelder meiner Oma gepachtet hatten, um ihre Pachtgebühren zu bezahlen. Sie zahlten nicht mit Geldscheinen, sondern brachten Reissäcke voller ungeschälter Reiskörner, Kokosnüsse und andere Erträge aus der Landwirtschaft. Auch sie stellten fest, dass irgendetwas im Gange war. Meine Großmutter informierte sie ganz leise, so dass wir nichts Genaues mitbekamen. 

Tante Sedhu durfte nicht mehr rumrennen und nicht mit uns Fangen und Verstecken spielen. Sie wurde über Nacht älter gemacht. Wenn sie das Haus verließ, musste sie traditionell gekleidet sein, langsam gehen und das niemals alleine. Irgendjemand begleitete sie immer, manchmal waren es die Putzfrauen oder einer von uns, wenn sie ihrer Freundin im Nachbarhaus einen Besuch abstattete.

Einmal sahen wir sie am Brunnen im Innenhof wie angewurzelt stehen. Sie starrte die Hauskatze an und manchmal schüttelte diese den Kopf, als ob die beiden in ein Gespräch verwickelt gewesen wären. Was ist mit ihr los?, fragten wir Kinder.

Diese Zeit war so prägend, dass ich davon noch heute berichten kann, als ob es gestern gewesen wäre.

ஓணம் திருவிழா – Onam Fest

Es war kurz vor dem Onam Fest, dem  größten Fest im Bundesstaat Kerala. Es ist in erster Linie ein Erntedankfest und wird nach dem Mondkalender von Ende August bis Anfang September gefeiert. Die reifen goldenen Reisfelder und Gärten sind üppig gesegnet mit leuchtenden Blumen und Früchten. Das Wetter ist feucht, aber warm und sonnig. Zu dieser Festzeit wird kein Unterschied zwischen Hindus, Christen, Kasten, Bauern und Fürst gemacht, alle feiern fröhlich. Die Frauen tragen cremefarbene Saris aus Seide oder Baumwolle mit Goldbordüre. Die Männer weiße Hemden und Weschtis (sechs Meter Baumwollstoff, auch mit Goldbordüre).

Tante Sedhu fand Trost bei ihren Freundinnen bei der Vorbereitung auf das grandiose Fest und bei den Proben für den Onam Tanz. 

Beim Onam Tanz meiner Tante mit ihrer Gruppe konnte ich nicht dabei sein, denn meine Mutter nahm uns mit nach Bangalore, um das Haus zu besichtigen, das mein Vater für uns ausgesucht hatte. 

Mein Vater hieß Raghavan und stammte aus Marthandam, einer malerischen Stadt im Bundesstaat Kerala. Sein Vater war ein Siddha Waithiyar (Naturheilmediziner). Subramonian hieß er und war bei seinen Patienten für seine Marmatechniken (ähnlich wie Akupunktur) bekannt. Diese waren zwar schmerzhaft, heilten aber schneller. Als Waithiyar schrieb er seine Praxiserfahrungen in den Sprachen Tamil und in Malayalam. Jede Sprache hat seine Besonderheiten bei Aufzeichnungen. Mein Vater ging in Kerala zur Schule und konnte beide Sprachen fließend. Da meine Mutter jedoch auf ihre Muttersprache nicht verzichten wollte, sprachen wir in der Familie in Tamil.

Mein Vater besuchte mit mir Kathakali-Volkstanzvorstellungen. Meine Schwester durfte nicht mit, da manche Szenen Kampfhandlungen zeigten und meine Mutter nicht wollte, dass sie das sieht. Es waren nicht nur Kampfhandlungen, sondern Geschichten über Helden, Götter und Fabelwesen. Ich lernte dadurch auch, wie man List, Trug und Neid meidet und bekämpft.

Nachdem wir aus Bangalore zurückgekommen waren, erzählte ich meinen Cousinen und Cousins ausführlich von dem Aufenthalt.

Auch meine Tante war anwesend bei meinen Erzählungen, tat aber so, als ob sie gar nicht daran interessiert wäre. Dann aber, wenn wir beim Einkaufen waren oder zum Markt gingen, stellte sie mir viele Fragen, die mir dabei halfen, Geschehnisse aufmerksam zu beobachten und sie später zu beschreiben.

Mein Vater und meine Oma verstanden sich nicht sehr gut. Meine Oma war sehr streng und kommandierend in der auch heute noch praktizierten matriarchalischen Gesellschaft. Ich war sehr stolz auf meinen Vater, weil er sich nicht kommandieren ließ. Streitereien aller Art vermied er, er war wie ein Fels in der Brandung.

Einige Wochen, nachdem wir aus Bangalore zurückgekehrt waren, mussten  wir zu einer Hochzeit bei Verwandten. Davor mussten alle in der Familie neu eingekleidet werden. So ist es Sitte und Brauch. Wir Jungs hassten es, aber die Mädchen waren sehr angetan davon.

Nach der Hochzeitszeremonie wurde Tante Sedhu vielen Verwandten und Freunden vorgestellt. Unsere Tante war wunderschön gekleidet. Sie wirkte schüchtern, aber auch irgendwie froh und stolz. Sie lachte mit ihren Freundinnen und nahm uns in die Arme, als ob sie von uns geschützt würde. Es war ein schöner Tag und wir freuten uns mit ihr. Wir Kinder durften rumrennen und uns die Bäuche mit jeder Menge Ladus, Vadas und anderen Leckereien vollstopfen. 

Auch auf dem Tempelfest wurde sie mit Schmuck und Seidensaris geschmückt und wir sahen sie fröhlich mit ihren Freundinnen kichern.

Aber alle Gespräche mit der Verwandtschaft über ihre Hochzeit lehnte sie ab. Wenn es um die Auswahl des Bräutigams ging, sträubte sie sich und blieb stur. Es war nichts zu machen. Auch meine Mutter, die den besten Draht zu Tante Sedhu Chithi hatte, war verzweifelt.

Mein Vater kam aus Bangalore und informierte uns, dass unser Haus dort bald bezugsfertig wäre. Meine Mutter war nicht sonderlich interessiert wegen den anstehenden Hochzeitsvorbereitungen. Meine Eltern stritten sich hin und wieder leise und glaubten, wir würden es nicht mitbekommen. Eines Tages sagte meine Mutter strikt, sie würde erst dann mit nach Bangalore fahren, wenn die Tante verheiratet sei. Mein Vater sagte nichts.

Bei jedem seiner monatlichen Besuche brachte er Mangos und andere Früchte und Süßigkeiten mit, die wir zuvor noch nie gesehen hatten. Ich teilte die Früchte und die schönen Sachen mit meinen Cousins und Cousinen. Einmal aber behielt ich vier der Alfonso Mangos nur für mich und aß sie alle an diesem Abend. Sie waren so lecker.

Sekar, ein gleichaltriger Cousin, Sohn meiner Periyamma (Großtante), verpetzte mich. Als Strafe bekam ich keinen Payasam (süße, in Milch gekochte Nudeln) an diesem Abend. Am nächsten Morgen wurde ich krank, hatte Magenschmerzen und Durchfall. Eine ganze Woche ging es so, ich jammerte die ganze Nacht, meine Mutter pflegte mich. Ich wollte zu Tante Sedhu, aber sie wurde von uns isoliert, damit sie sich nicht ansteckte und auch krank werden würde.

Der Arzt gab mir Spritzen und Tabletten, es wurde nicht besser. Erst nach zehn Tagen bekam ich Appetit und erholte mich langsam.

Dann kam Pongal das Erntedankfest.

பொங்கல் பண்டிகை – Pongal Festival

Alle unverheirateten Frauen durften vor dem Tempel süßen Milchreis kochen und wenn er gut gelang, durften sie laut ‚Pongalo Pongal‘ schreien. Meine Tante war gut und schrie lauthals, so dass alle sie hören konnten. Prompt bekam sie von der Oma eine Rüge erteilt. Aber ihre Pongalspeise wurde lobend erwähnt, denn sie hatte frische Kokosmilch, Zuckerrohrsaft und andere Gewürze und Zutaten verwendet und ein neues Rezept kreiert.

     Meine Tante wirkte glücklich, wir Kinder bemerkten, dass ihre volle Aufmerksamkeit einem uns unbekannten Mann galt.

Das konnte kein Bräutigam-Anwärter sein. Denn an allen von der Familie ausgesuchten hatte sie ja etwas auszusetzen. Was war das für einer?

Er spielte mit uns Gilli Thandal, ein Spiel mit Stock und Stein und das so elegant und geschickt, dass wir Respekt und Achtung vor ihm hatten.

Erstaunt waren wir, als die Tante der Familie erzählte, dass sie sich einen Mann wie diesen als Ehemann vorstellen könne. Sofort waren alle glücklich und teilten ihr mit, dass sie auch damit einverstanden wären. Tante Sedhu rückte in den Mittelpunkt der Familie. Alle waren besonders freundlich zu ihr und alle ihre Wünsche wurden erfüllt. Womöglich hatten sie Angst, dass sie ihre Meinung wieder ändern könnte.

நிச்சயதார்த்தம் – Verlobung

Danach ging es schnell, der Mann, den unsere Tante auserwählt hatte, wurde als Bräutigam angenommen. Die Eltern von ihm kamen mit Gefolge und baten um die Hand meiner Tante und die Nichchaya Thambulam (Verlobungsfeier) wurde in unserem Haus richtig gefeiert.

Leider konnten meine Mutter, meine Schwester und ich bei der Hochzeit nicht dabei sein, denn wir waren inzwischen nach Bangalore gezogen. Mein Vater war befördert worden und er hatte keinen Urlaub bekommen. Meine Mutter war sehr traurig, aber zumindest hatte sie ja die Verlobungsfeier miterlebt.

Erst nach zwei Jahren konnten wir wieder zu unserem ‚native place‘, unserer Heimat. Dort erfuhr ich dann die ganze Geschichte um die Hochzeit meiner Tante. Das war hochinteressant und so langsam verstand ich die Eigenheiten unserer Familie und unsere Traditionen.

கார்த்திகை தீபம் – Kaarthigai Fest

Es war Anfang Dezember und das Kaar-thigai Lichterfest wurde gefeiert. Es ist ein Fest zu Ehren des Gottes Aarumuga mit den sechs Köpfen, dem Sohn des Gottes Shiva. Es wird an dem Tag gefeiert, wenn die Sternenkonstellation Plejaden (sechs Sterne) am Vollmond stattfindet. Frauen beten für das Wohlsein ihrer Männer (Ehemann, Bruder, Vater, Sohn, Großvater…).   Die Frauen kehren, wenn es möglich ist, zu ihrem Heimatort zurück, gehen zum Tempel und entzünden am nahegelegenen Fluss Öllampen aus Ton. Danach lassen sie diese auf Blättern schwimmen und beten für die geistige und körperliche Gesundheit der Männer in ihrer Familie.

Es ist ein Fest der Frauen. Meine Mutter nahm meine Schwester und mich mit nach Nagercoil, unserem ‚Native Place‘. Tante  Sedhu war gekommen, um dieses Fest mit ihren Schwestern und der Mutter zu feiern. Die Festvorbereitungen waren in vollem Gange. Dort erzählten mir meine Verwandten, wie es meiner Tante im ersten Jahr nach der Hochzeit ergangen war.

Es muss eine aufregende Zeit gewesen sein, aber unsere Mutter hat uns davon gar nichts erzählt. Als ich sie deshalb zur Rede stellte, meinte sie, dass es uns Kinder gar nichts angehe. So war sie immer, sehr stolz auf ihre Familie, erzählte nur die guten Dinge und stellte allen eine tadellose Familie vor.

Meine Lieblingscousine Kala, nur ein Jahr älter als ich, die zu diesem Zeitpunkt dort wohnte, wusste alles bis ins kleinste Detail und berichtete uns.

Nicht einmal ein halbes Jahr nach der Hochzeit besuchte unsere Tante Sedhu ihre Mutter, ohne Ankündigung, ohne einen Reisekoffer, ohne Mann, aber mit einer Freundin, wie sie behauptete. Es hat sich später herausgestellt, dass sie zwar eine Freundin, eigentlich aber nur eine Hausangestellte der Schwiegerleute meiner Tante war.

Die Schwiegereltern der Tante waren sehr nett und haben sie sehr gut behandelt, nicht aber die ältere Schwester ihres Mannes. Die kommandierende Art der Schwägerin und die schlechte Behandlung konnte Sedhu nicht ertragen. Sedhu Chithi wuchs in einer behüteten Familie als jüngstes Nesthäkchen auf, hatte viele Freiheiten und konnte frech ihre Meinung sagen. In der Familie ihres Mannes jedoch wehte ein anderer Wind. Ihr Mann liebte sie zwar, konnte sich aber nicht gegenüber seiner Schwester durchsetzen. Er war mehr eine ruhige, poetische, die Natur liebende Person.

Seine Schwester hingegen war älter als er, geschäftstüchtig und fühlte sich als die Herrscherin des Hauses.

Die Rollen waren vertauscht zwischen den Geschwistern. Nun sollte er langsam auch noch die Geschäfte seines Vater übernehmen. Die Schwiegerfamilie  war wohlhabend und verdiente ihr Vermögen mit einem Speiseöl-Großhandel. Sie besaßen ein großes, herrschaftliches Haus mit Angestellten für Haus, Hof und Küche. Sedhu bekam ein Hausmädchen, das sich um sie kümmerte. Auch Kochen musste Sedhu nicht, denn sie hatten ja eine Köchin. Sedhu langweilte sich und wartete auf ihren Mann, der abends völlig ermüdet nach Hause kam und nach allen Sorten von Öl roch. Er erzählte ihr von den Geschäfts-Geschehnissen und dass er nur durch das Tröpfeln des Öls auf die Zunge die Qualität der verschiedenen Öle erkennen konnte. Das alles hat Sedhu noch mehr gelangweilt und ihre Art, frei zu reden und witzig zu sein, schürte Neid bei ihrer Schwägerin.

Nach einigen Monaten eskalierten die Streitigkeiten. Sedhu freundete sich mit dem gleichaltrigen Hausmädchen an. Das passte der Schwägerin nicht und sie ermahnte    Sedhu, Distanz zu den Hausangestellten zu wahren. Bei einer dieser verbalen, doppeldeutigen Andeutungen und Anschuldigungen erfuhr Sedhu, dass ihr vermeintlich eigener Entschluss ihren Ehemann zu wählen, nicht unbedingt ihre freie Entscheidung war. Die Schwägerin offenbarte ihr, dass die Schwiegerfamilie einen Heiratsvermittler beauftragt und Sedhu gefunden hatte.

Jetzt jedoch bezeichnete die Schwägerin den Heiratsvermittler als Taugenichts, denn er hätte eine bessere, fügsame und kräftige Frau für ihren Bruder aussuchen sollen. Das muss für meine Tante ein Schock gewesen sein. Sie litt darunter, von der Schwägerin schlecht und ungerecht behandelt zu werden, aber noch mehr muss sie darunter gelitten haben, zu wissen, dass die Wahl ihres Mannes auch von ihrer eigenen Familie manipuliert gewesen war.

Als ich Cousine Kalas Ausführungen hörte, sie konnte märchenhaft gut erzählen, war ich schockiert und verstand nicht genau, was da schief gelaufen war. Es muss so gewesen sein, dass, als ein Heiratsvermittler unsere ehrenhafte Familie kontaktierte, alle sich hinter dem Rücken von Sedhu verschworen hatten, um einen Geheimpakt abzuschließen.

So wurde der Mann ihrer Wahl so zufällig ins Spiel gebracht. Nun verstand ich auch, warum alle damals so huldvoll Sedhus Selektion guthießen und mitmachten. Wahrlich eine ehrenhafte Familie. Ich war enttäuscht, wütend und konnte Tante Sedhu verstehen.

Wenn der Mann seine Frau nicht innerhalb von sieben Tagen zurückholt, will er sie nicht mehr haben, das war in der damaligen Zeit der Gesellschaft ein ungeschriebenes Gesetz. Nun, sieben Tagen verstrichen und kein Mann kam.

Am achten Tag, vor Sonnenaufgang, erschien er, völlig ermüdet, seine Kleider zerknittert und sein Gesicht unrasiert. Er berichtete Sedhu, dass er erst nach seiner Rückkehr von einer Geschäftsreise erfahren hatte, was ihr widerfahren war. Er nahm noch am selben Abend den Bus, um seine geliebte Frau abzuholen und sich bei ihr für das Verhalten seiner Schwester zu entschuldigen. Dann hatte der Regen auch noch eine Brücke weggespült und er musste mit anderen Reisenden noch in der Nacht einen langen Fußmarsch zurücklegen. Nun sei er da, aber völlig erschöpft.

Zwei Tage später erfuhren alle, dass die Eheleute wieder zurückgekehrt waren, um bald einen eigenen Haushalt in der Stadt zu gründen.

In den darauffolgenden Jahren wuchs Sedhus Familie und sie wurde mit  vier Kindern, drei Mädchen und einem Jungen, gesegnet.

Noch etwas – meine Tante Sedhu gab ihrem einzigen Sohn den Namen Suresh.

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Vers aus dem „Lied von der Glocke“ von Friedrich Schiller:

Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!


Auch die alten Inder wussten um die Wichtigkeit dieser Aussage.

No one teaches a Volcano how to Erupt… 

No one  teaches a Tsunami how to Rise…

No one teaches a Hurricane  how to Sway… 

No one  teaches a MAN or a WOMAN

how to choose  a WIFE or Husband!!!

NATURAL DISASTERS JUST HAPPEN!


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Über suresh

Ich bin Inder und deutscher Staatsbürger. Als patriotischer Weltbürger pendele ich zwischen beiden Heimaten und fühle mich sehr wohl dabei. Ich habe inzwischen in beiden Welten mein Zuhause gefunden. Mit Wahrem und Erlebtem aus meinem Leben schreibe ich Geschichten in „Migranten-Deutsch“. In reinem, ganz fehlerfreiem Deutsch zu schreiben, habe ich noch nicht gelernt, es fällt mir schwer. Mein Ziel ist aber, mit unterhaltsamen Erzählungen zur interkulturellen Völkerverständigung beizutragen, auch um Missverständnisse möglichst auszuräumen. Wenn ich dadurch bei den Lesern Friede und Freude erzeugen kann, dann bin ich zufrieden. Die Eierkuchen müssen sie schon selbst backen ;-) Ich denke "Ethik ist eingebaut - Religion ist eingebracht" 'Connecting Cultures' ist meine Aufgabe. 'Helfe um geholfen zu werden' ist mein Motto.
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2 Antworten auf Darum prüfe, wer sich ewig bindet …

  1. Pingback: so check who binds forever – arranged Marriages for a happy life ? |

  2. Anonymous sagt:

    Hallihallo,

    Ein wunderbarer Text, der mir Einblick in eine andere Kultur geboten hat. Danke dafür. Für mich selbst darf ich sagen, ich wäre so was von froh, wenn es solche Heiratsagenten bei uns geben würde. Bzw. Wenn die Familie eine Ehe arrangierte würde. Dieses ständige Suchen, verabreden, ist für mich sehr anstrengend.

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