Auf dem Markt

Auf dem Markt, auf dem kleinen Obst- und Gemüsemarkt in der schwäbischen Provinz zeigt sich, wer integriert ist. Sonst ist da nicht viel los, außer dass sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen. Aber wenn sich die Marktleute rund um das Gmünder Münster postieren, um ihre Waren anzubieten, dann ist was los, dann ist immer ein großes Trara. Dann kann man nicht nur einen Kopfsalat oder ein Suppenhuhn kaufen, man kann direkt am Mann vor Ort erproben, wie weit die eigene Integration fortgeschritten ist. In Sprachkursen oder Lehrbüchern wird z.B. der Kartoffelkauf ja oft nachgespielt: da kommen Menschen zusammen, die wollen was voneinander, der eine will Kartoffelsalat machen, der andere seine Kartoffeln an den Mann bringen.

Wochenmarkt

Katharina Wieland Müller / pixelio.de

Nun stehe ich vor dieser rüstigen, rotwangigen Bauersfrau und rufe mir all das ins Gedächtnis. Ich will ein Kilo Tomaten kaufen, in sauberem Deutsch, grammatikalisch korrekt. Und locker soll es rüberkommen, in gelassener, familiärer, wohltemperierter schwäbischer Wochenmarktstimmung. Doch ich will nicht nur ein Kilo Tomaten kaufen, neinnein, in diesen Satz fließen jahrelange Eigeninitiative und Integrationsarbeit. Ich will genauso angenommen werden wie die Hausfrau vor mir, die ihren Einkaufszettel akribisch genau einzeln nacheinander durcharbeitet und die Marktfrau gebieterisch von der einen in die andere Ecke schickt. Mit ihrer Selbstsicherheit und Leichtigkeit will ich es machen, als ob die Marktfrau und ich jahrelange Bekannte wären und ich, seit ich denken kann, meine Tomaten bei ihr kaufe.

Tomaten

Petra Borg / pixelio.de

Irgendwie steigt mein Puls. Vielleicht versteht mich die Marktfrau nicht. Plötzlich weiß ich nicht mehr, ob es „das“ Kilo oder „der“ Kilo ist. Ich werde unruhig. Die Marktfrau kassiert bei der schwäbischen Hausfrau vor mir ab und ich weiß nicht einmal mehr, ob ich Tomaten oder Kartoffeln haben wollte. In den nächsten Sekunden muss ich entscheiden, ob ein Kilo männlich oder sächlich ist und schnell eine Ausrede finden, warum ich mich vor diesen Gemüsestand gestellt habe. Die Marktfrau lächelt und bedankt sich. Sie schaut in meine Richtung. Nach jahrelanger Übung ist der Ernstfall eingetroffen. An Grammatik ist nicht mehr zu denken. Ich muss meine Integration retten, hier und jetzt!

„Gudda Morga, i hätt gern zwoi Pfund Tomate bidde!“

akrizano, „Fremde Heimat, Heimat in der Fremde“, 2013.

 

Über akrizano

Ein Stückwerk aus kroatischen Eltern, bosnischen Wurzeln und schwäbischen Spätzla, weit gereiste und unerschrockene Geschichtenerzählerin
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3 Antworten auf Auf dem Markt

  1. Susanne sagt:

    das kann ich mir gut vorstellen, das geht mir als Deutsche auch so wenn ich über die Sprache nachdenke, komme auch ich ins Zweifeln.
    gute lustige Geschichte…

  2. Wunderbar, ihr Beiden: eine schöne Geschichte mit einer schönen Geschichte zu beantworten, finde ich klasse!

    Liebe Grüße
    Dietlinde

  3. suresh sagt:

    schallend habe ich gelacht, danke akrizano für die Integrationsunterricht am schwäbischen Wochemärktle.

    Als ich in München lebte, besuchte ich einmal den Viktualien Markt. Am Obststand stand ein Japaner oder Koreaner oder war es ein Chinese, weiß ich nicht so genau. Er begutachtete die Pflaumen oder Mirabellen, weiß ich auch nicht mehr genau, ist ja auch egal. Er nahm die Früchte in die Hand und prüfte die Reife der Früchte. ‚Finger weg du Saupreuß‘ schrie die Marktfrau. Erschrocken ließ der guter Mensch es fallen und verließ den Stand, ich aber auch sofort. Das zur bayerischen Integrationsunterricht 😉

    Nun, die ‚vier Quadratmeter Welt‘ der bayerischen Marktfrau repräsentiert die Weltanschauung der Menschen in Bayern sicherlich nicht. Mein Kommentar ist zum Schmunzeln gedacht. Ich selbst hatte nie fremdenfeindliche Erfahrungen während meiner ‚Lebzeiten‘ in Bayern in den achtzigern gemacht auch nicht bei meinen häufigen Dienstfahrten dort in den letzten zwei Jahrzehnten. Interkulturell gesehen ist Bayern ein entwickeltes Land und die haben den schönsten Dialekt Deutschlands würde ich sagen. Dass sie eine bessere Leitkultur haben?, mag sein, möchte aber nicht kommentieren.

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