Alles glatt gelaufen

Voller Erwartung mache ich meinen Briefkasten auf und er ist da, mein lang ersehnter Brief, die schöne Schrift auf dem Umschlag, eigenhändig von der Senderin per Hand geschrieben, steigert meine Ungeduld, den Inhalt sofort zu lesen.

Es sind auch die unliebsamen Werbezettel, die ich im Briefkasten finde und lege sie gleich zur Seite.  Nein, der Brief ist nicht von einer meiner Liebsten, sondern von einer Bekannten aus dem Norden Deutschlands. Diese ehrwürdige Dame  sieht in allem des Lebens nur das Positive und beschreibt sie poetisch in schöner geschwungener Schrift mit blauschwarzer Tinte. Sie hat alle technischen Werkzeuge dieser Tage, bevorzugt aber die Handschrift. Ich fühle mich geehrt, zu ihren Kreisen zu gehören, mit denen sie ihre kostbare Zeit, Gedanken und Gefühle teilt.

Ich setze mich in meinen Schaukelstuhl …

Das ist meine Ruhe Ecke, also in der Ecke im Wohnzimmer, von dort aus habe ich den Blick auf die Terrasse, schaue, träume vor mich hin und ruhe mich aus. Dieses Mal lese ich den bunten Brief, aber zunächst einmal betrachte ich die Gestaltung mit bunten handgemalten Blümchen und verzierten Buchstaben. Ich lese ihn noch nicht, das mache ich bewusst und dann beginne ich zu lesen. Die Sätze sind lang mit einem oder zwei Kommas verlängert, manchmal muss ich den Satz zweimal lesen, um es zu verdauen, dabei entstehen Bilder und Filme in meinem Kopf Kino.

Ich begleite sie in ihren Kreisen und Kaffeekränzchen, aber wie ein freundlicher Geist von der Ferne, schmunzele und lache über die Eitelkeit und Empörung, über die Geschehnisse ihres Alltages. Manchmal berichtet sie von den Leiden und der Ungerechtigkeit des Lebens, bei denen sie ohnmächtig daneben steht und unbeholfen wirkt.  

Ein handgekritzeltes Bildchen, ein schlichtes Haus, eine Blumenvase steht davor, eine Katze oder ein Hündchen sitzt auf dem Weg vor dem kleinen Teich zum Haus, erzeugt eine Pause in meinem Lesefluss, mein Blick wendet sich gen draußen und ich denke nach, male mir die Situation aus, frage mich wie, ich darauf reagieren soll und es fällt mir nichts ein.

Ich vertiefe mich wieder in ihre Brieflektüre und irgendwann, ein Weilchen später, erwache ich aus meinem Nickerchen und sehe den Brief auf meinem Schoß liegen.

Mein Handy piept leise und macht mich auf meinen Termin aufmerksam am Marktplatz. Es sind noch 90 Minuten, reichlich um mich frisch zu machen und mich auf das Gespräch vorzubereiten.

Was für ein verträumter Brief.

Nun widme ich meine Aufmerksamkeit den Werbezetteln, nein, eigentlich will ich sie loswerden, dennoch findet eine Anzeige mein Interesse. Eine Wandsteckdose mit integrierten USB-Anschlüssen, eine praktische Vorrichtung, um Handy und Kameras aufzuladen. Auf der anderen Seite Bilder von vegetarischer Salami, 100% frischer Blutorangensaft, Mangos und Avocados, vorgereift und so günstig.

Ich brauche eine Pause, eine Abwechslung und der Kühlschrank ist fast leer. Wenn ich gleich los fahre, schaffe ich es sogar locker zu meinem Termin. Gedacht, getan, ich bin schon unterwegs, die Straßen sind wie am Sonntag leer, die Ampel, an der ich grundsätzlich anhalten muss, ist grün, auch die nächste. Gibt’s denn so was, ich habe eine grüne Welle. Das ist ein gutes Omen.

Während der Fahrt schlich sich der Gedanke ein, dass ich eigentlich die Dinge, die es hier gibt, nicht brauche. Kaum zu Ende gedacht, war ich schon am Parkplatz des Einkaufszentrums. Die Werbeplakate am Eingang machten mich auf zwei weitere Sachen aufmerksam. Dieses Feinmechaniker-Werkzeugset und drei leichte portable Tische aus Aluminium, die man überall aufstellen und die blitzschnell aufgeräumt werden können, waren nicht schlecht und günstig. Beim nächsten Vereinstreffen im Garten kann ich sie schnell aufstellen, Norbert wird sich freuen und mir sicher dabei helfen. Diese könnte ich leicht auch zu unserem Treffen am Monrepos-See mitnehmen. Ich sehe schon, die werden staunen.

Die Mangos, diese kleinen Stücke, nee, die kaufte ich nicht, vor allem unverschämt teuer sind sie, nicht mit mir. In Indien kriege ich sie fast geschenkt. Aber die Avocados sind super, gut für meinen Magen und ich kann tolle Salate damit zaubern. Dann noch Blutorangensaft, Käse und vegetarische Würste .Ich war fertig.

Auf der Rückfahrt wieder grüne Welle, nein, erwartet hatte ich sie nicht. Es gibt Tage, die gibt’s gar nicht. Ich habe noch Zeit, meine Einkäufe daheim abzuliefern, dann kann ich weiter zum Termin.

Auf dem Weg zum Termin plagte meine Vernunft mich, Einsicht in meine Handlung in der letzten Stunde zu gewinnen, mein Verstand versucht, keine falschen Schlüsse zu ziehen. Es ist doch alles glatt gelaufen, sagte ich mir selbst und sehe, dass mich mein Abbild vor der gläsernen Eingangstür verwirrt anstarrt.

Über suresh

Ich bin Inder und deutscher Staatsbürger. Als patriotischer Weltbürger pendele ich zwischen beiden Heimaten und fühle mich dabei sehr wohl. Ich versuche, in beiden Welten mein Zuhause zu finden. Mit Wahrem und Erlebtem aus meinem Leben schreibe ich Geschichten in „Migranten-Deutsch“. In reinem, ganz fehlerfreiem Deutsch zu schreiben, habe ich noch nicht gelernt, es fällt mir schwer. Mein Ziel ist aber, mit unterhaltsamen Erzählungen zur interkulturellen Völkerverständigung beizutragen, auch um Missverständnisse möglichst auszuräumen. Wenn ich dadurch bei den Lesern Friede und Freude erzeugen kann, dann bin ich zufrieden. Die Eierkuchen müssen sie schon selbst backen ;-) Ich denke "Ethik ist eingebaut - Religion ist eingebracht" 'Connecting Cultures' ist meine Aufgabe. 'Helfe um geholfen zu werden' ist mein Motto.
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