Das Erbe und der verlorene Sohn

Die meisten von euch kennen Indien aus Filmen, Büchern, Besuchen oder aus meinen Erzählungen. Eure Heimat ist Deutschland oder Österreich oder die Schweiz, aber meine Heimat ist Indien. Genauer gesagt, eine meiner Heimaten. In Wirklichkeit habe ich nämlich zwei Heimaten, die eine ist Indien und die andere ist Deutschland. In Indien bin ich geboren, in einer großen Familie, mit Tanten, Onkeln, Geschwistern und Großeltern aufgewachsen und zur Schule gegangen.

In Deutschland habe ich mich weitergebildet, beruflich weiterentwickelt und selbst eine Familie gegründet. Deswegen habe ich zwei Heimaten und zwei Familien, eine indische und eine deutsche. Damit ihr die Heimat, aus der ich komme, kennen lernt und versteht, erzähle ich euch heute eine Geschichte aus meiner ersten Heimat.

In Sivapuram, einem Dorf an der Südspitze Indiens, lebte in den 50er Jahren eine wohlhabende Familie. Der Vater, Kanthaswamy, betrieb einen Großhandel mit Öl und Getreide. Er war angesehen, weil man mit ihm gute Geschäfte machen konnte, Geschäfte, bei denen beide Parteien am Ende zufrieden waren. Er war nicht sehr religiös, hielt aber die von der Tradition vorgeschriebenen Feste ein wie z.B. Pongal, das Erntedankfest.

Beim Erntedankfest werden die Natur und die Sonne angebetet, weil sie uns das Leben ermöglichen. Wir bedanken uns dafür, dass uns die Natur und die Sonne im vergangenen Jahr genährt haben und bitten sie darum, uns und unsere Familie auch das nächste Jahr mit Licht und Nahrung zu versorgen.

Neben den traditionellen Festen pflegte Kanthaswamy die Kampfkunst Silambaattam (Stabfechten) und Siddha-Yoga. 

Die religiösen Feste überließ er den Priestern des Tempels. Das Grundstück des Tempels grenzte an seinen Garten. Die Wege waren also kurz, wenn sie etwas miteinander zu besprechen hatten.

Während Kanthaswamy seinen Geschäften nachging, kümmerte sich seine Frau Thaayammaal nicht nur um das Haus, die zwei Söhne und die drei Töchter, sondern auch um ihren Besitz. Sie besaß viele Felder, die sie verpachtet hatte. Als Pacht bekam sie von den Bauern Fische und Reis. Die Fische verteilte sie an die Angestellten und an arme Familien. Daneben praktizierte sie Naatturwaithyam (Naturheilkunde) und hielt damit ihre Familie gesund. Kanthaswamy war der Chef des Großhandels und Thaayammaal die Herrin des Hauses. Die Woche über wurde gearbeitet, aber an Pournami, den Vollmond-Abenden, wurde gefeiert! Viele Verwandte und Freunde kamen zusammen und dann wurde gekocht, gegessen, gesungen und gelacht. Zur Unterhaltung der Gäste wurden Musiker und Tänzer eingeladen. Dadurch zeigte man auch, dass man eine wohlhabende Familie war.

Auch bei der Gestaltung der Zukunft seiner Kinder richtete Kanthaswamy sich nach der Tradition. Wenn die Kinder erwachsen werden und ihre Blicke nach anderen jungen Leuten schweifen lassen, schauen sich die Eltern nach Söhnen und Töchtern anderer angesehener Familien um, die als Ehepartner für ihre Kinder in Frage kommen. Wenn sie einige Heiratskandidaten für ihre Töchter oder Heiratskandidatinnen für ihre Söhne gefunden haben, laden sie einen Astrologen ein, der die Horoskope für die jungen Leute stellt. Nachdem er die Horoskope miteinander verglichen hat, empfiehlt er, wer wen heiraten sollte. Ja, in Südindien glaubt man mehr an die Sterne und an die Erfahrung der Eltern als an die Liebe von zwei jungen, unerfahrenen Menschen. Dabei muss eine Tochter nicht den Erstbesten nehmen, sondern sie kann unter fünf Kandidaten denjenigen auswählen, der ihr am meisten zusagt. Auf diese Weise wurden schon die älteste Tochter und der älteste Sohn von Kanthaswamy und Thaayammaal verheiratet.

Als Thambi, der jüngste Sohn, das College beendet hatte, entschied der Vater, was der Sohn studieren sollte: Wirtschaftswissenschaften. Der Sohn hatte aber andere Pläne, er wollte Schauspieler werden. Der Vater war entsetzt:

„Schauspieler! Schauspieler – das ist kein ehrbarer Beruf! Straßenkünstler sind nur dazu da, die Reichen zu unterhalten. Mein Sohn, du würdest Schande über die Familie bringen.“

Der Sohn entgegnete erregt: „Schauspieler ist ein ehrbarer Beruf. Die Schauspielerei ist eine hohe Kunst. Meine Pflicht ist es, diesen Aspekt der Kultur zu bewahren.“

Der Vater erwiderte ohne zu zögern: „Du bist dazu bestimmt, die höherwertige Aufgabe des Wirtschaftsführers der Familie fortzuführen. Überlasse die Kunst denen, die es können. ‚Sich verstellen‘ sollen andere, dazu muss man nicht studieren. Das ist eine minderwertige Arbeit. Wir sind für etwas Höheres bestimmt. Nicht alle können ein Unternehmen führen. Unsere Familie hat eine Tradition zu bewahren und fortzuführen. Wir müssen Vorbilder für andere sein. Wir haben Pflichten gegenüber der Gesellschaft. Wir betreiben ein Geschäft, das uns ernährt und wir geben dadurch anderen Arbeit und Einkommen. So tragen wir zum Wohlstand der Gesellschaft bei. Wir unterstützen den Tempel.

Wir sind verpflichtet, die Kultur zu bewahren und zu pflegen. Aber das machen wir nicht selbst, dazu sind die Künstler da. Und wir geben ihnen Arbeit. Um es dir noch deutlicher zu sagen: Wir sind verpflichtet, die Dienstleistungen anderer zu nutzen, damit die Wirtschaft läuft. Das ist unsere Pflicht gegenüber der Gesellschaft. Das solltest du doch wissen. Du hast doch dein ganzes Leben lang bei jedem Pournami erlebt, dass wir Künstler eingeladen haben. Nicht nur, um uns und unsere Gäste zu unterhalten, sondern auch, damit sie etwas verdient haben. Wir machen nicht selbst Kunst, wir geben Künstlern Arbeit – das ist unsere Pflicht gegenüber der Gesellschaft und der Familie.“

Nach dieser leidenschaftlichen Rede des Vaters antwortete der Sohn nicht minder erregt: „Ich bin ein geborener Künstler. Ich kann singen, ich kann tanzen, ich kann spielen, ich beherrsche Akrobatik, Rhetorik und Rezitation. Ich beherrsche alle Künste, die man braucht, um Filmschauspieler zu werden. Ich will mich entfalten. Meine Erfüllung liegt in der Kunst, nicht in der Wirtschaft – und schon gar nicht in unserem kleinen Betrieb.“

Daraufhin der Vater: „Du willst ein Cinemastar werden? Eine größere Schande kannst du nicht über unsere Familie bringen!“

Beide beharrten stur auf ihrer Meinung, wie das bei Vätern und Söhnen nicht selten vorkommt. Jeder beharrte auf seinem Standpunkt und so stritten sie viele Wochen lang miteinander.

Der Vater sagte: „Wenn du Schauspieler wirst, gehörst du nicht mehr zur Familie!“

Und der Sohn gab zurück: „Du hast mich erzogen, selbst zu denken, selbst zu entscheiden und meinen Weg selbst zu bestimmen!“

Empört entgegnete der Vater: „Aber doch nicht gegen die Tradition!“

Doch da hatte der Sohn schon den Innenhof verlassen. Der Vater ging in den Garten und dachte nach. Nach einer Weile setze sich seine Frau zu ihm. Nun sagte er zu ihr, was er seinem Sohn seit Wochen sagte:

„Unsere Pflicht ist es auch, Vorbild für andere zu sein. Und der Sohn muss diese Tradition fortführen. Wenn er diese Aufgabe nicht übernimmt, verlieren die Kinder meiner Geschwister den Respekt vor mir und machen auch, was sie wollen. Wenn sie auch Schauspieler werden, dann geht unsere Familientradition zu Grunde. Wenn man die Tradition nicht aufrechterhält, wenn man die Kette unterbricht, welche die Generationen miteinander verbindet, dann geht der gesellschaftliche Zusammenhalt verloren. Dann bricht die Gesellschaftsordnung zusammen, die Menschen verlieren ihr Zuhause und ihren Halt. Das ist das Ende von Recht und Ordnung! Ich glaube, er versteht nicht, welche Auswirkungen seine Entscheidung hat. Ich würde das Vertrauen meiner Familie verlieren und meine Familie ihre Macht. Was habe ich falsch gemacht, dass er das nicht begreift?“

Doch seine Frau verstand auch die Wünsche ihres Sohnes.

„Die Tradition ist wichtig“, versuchte sie ihn zu beschwichtigen, „da habt Ihr Recht, mein Purusha”, sagte sie mit fester Stimme (Purusha = Ehemann und Beschützer). „Aber die Wünsche der Kinder sind auch wichtig. Lasset ihn das doch ausprobieren!“

Der Vater war sprachlos. Anstatt ihn zu unterstützen, ergriff seine Frau Partei für ihren Sohn.

Was habe ich bloß falsch gemacht, grübelte er. Habe ich meinen Jüngsten zu sehr verwöhnt, weil ich ihn so sehr liebe? Hätte ich strenger zu ihm sein müssen? Habe ich ihn nicht den Ernst des Lebens gelehrt? Ist sein schändliches Verhalten der Dank für meine Liebe und meine Milde? Und, warum versteht mich meine Frau nicht?

Er versuchte erneut, mit seinem Sohn zu reden. Doch der ließ sich nicht von seinem Entschluss abbringen. Am Ende rief der Vater zornig und verzweifelt:

„Dann geh! Du kommst ja doch zurück!“

Am nächsten Morgen war der Sohn verschwunden. Die Mutter Thayammal war verzweifelt und  machte dem Vater Vorwürfe:

„Ihr habt es zu verantworten, dass er weggegangen ist. Ihr hättet es verhindern können. Holt ihn zurück!”

Ihr habt ihn mit Eurer Sturheit aus dem Haus getrieben, dachte sie.

„Holt ihn zurück!“, sagte sie, langsam noch einmal, dabei klang ihre Stimme bedrückt.

Kathaswamy wirkte wie gelähmt. Doch wie kann ein Vater seinen Sohn zurückholen, wenn er nicht weiß, wo er ist?

Die ganze Familie war bedrückt. Der Vater machte sich insgeheim Vorwürfe, in der Erziehung seines Sohnes versagt zu haben, und die Mutter machte ihm insgeheim Vorwürfe wegen seiner Sturheit. Was, wenn dem Sohn etwas passiert war? Nach ein paar Tagen der Sorge klopfte es an die Tür des Hauses. Ein Fremder stand vor der Tür. Er war mit dem Bus gekommen, der auf der National Highway 47 von Cochin nach Kanyakumari fährt und in Sivapuram hält.

„Ich bringe Ihnen eine Botschaft Ihres Sohnes“, sagte er, ich soll Ihnen ausrichten „Sucht nicht nach mir. Mir geht es gut.“

„Mehr hat er nicht gesagt?“ wollte die Mutter wissen.

„Mehr hat er nicht gesagt“, antwortete der Fremde.

„Bitte kommen Sie ins Haus und erfrischen Sie sich.“

Sie bewirtete den Fremden und versuchte, mehr über ihren Sohn zu erfahren. Doch der Fremde konnte und wollte nicht mehr sagen. Er bedankte sich für die Gastfreundschaft und stieg in den nächsten Bus.

Die Mutter suchte ihren Mann, um ihm die gute Nachricht zu überbringen. Sie erschrak, als sie den großen kräftigen Mann wie ein Häufchen Elend im Hof sitzen sah. Nun machte sie sich Vorwürfe, ihm die Schuld am Verschwinden ihres Lieblingssohnes gegeben zu haben. Diese Nachricht wird ihn aufmuntern, dachte sie. Doch er verzog keine Miene, antwortete nicht, starrte nur regungslos vor sich hin. Besser, ich lasse ihn in Ruhe, dachte sie und wandte sich wieder ihren Aufgaben im Haus zu.

In den nächsten Wochen wurde über das Thema nicht mehr gesprochen. Jeder ging seiner Arbeit nach. Wenn jemand nach dem Sohn fragte, wurde gesagt, der Sohn sei zum Studium ins Ausland gereist, weit weg.

Monate später rief der Sohn im Geschäft an. Der Vater war gerade mit einem Kunden im Lager, um die nächste Lieferung aufzunehmen. Deshalb nahm ein Angestellter das Gespräch entgegen.

„Sucht nicht nach mir. Mir geht es gut“, ließ er seinen Eltern ausrichten. Mehr nicht. Ein anderes Mal war die Tochter am Telefon. „Komm doch wenigstens zur Hochzeit“, bat sie ihn.

„Wieso, wer heiratet?“ wollte er wissen. – „Akka [ältere Schwester]“. – „Dann wünsche ich ihr alles Gute“, sagte er und legte auf.

Von Zeit zu Zeit erhielten sie Lebenszeichen von ihm. Er rief an, erkundigte sich, ob es allen gut ginge und legte dann wieder auf. Niemand redete offen über den verschwundenen Sohn. Die Verwandten, die Angestellten, die Nachbarn und die Kunden tuschelten untereinander, fragten sich, weshalb der Sohn so plötzlich verschwunden war, weshalb er nie nach Hause kam und wo er wohl sei. Aber niemand wagte es, den Vater oder die Mutter nach dem Sohn zu fragen. Man ahnte, dass es ein schmerzliches Geheimnis gab, über das die Familie nicht sprechen wollte.

So vergingen sieben Jahre. Inzwischen war auch die jüngste Tochter verheiratet. Die Töchter lebten bei den Familien ihrer Ehemänner, der älteste Sohn wohnte mit seiner Familie im Haus seiner Eltern. Als der jüngste Sohn eines Tages wieder anrief, ging die fünfjährige Enkeltochter ans Telefon.

„Wer bist du?“, fragte sie. – „Thambi Maamaa [Thambi Onkel]“, antwortete er.

„Wie geht es Oma und Opa?“ wollte er wissen. „Aachi [Großmutter] weint immer“, sagte sie.

„Warum weint Aachi?“ –„Seit Thatha [Großvater] gestorben ist, weint sie immer.“

Es wurde still. Auch auf ihr „Hallo, Hallo“ bekam sie keine Antwort mehr.

Einige Wochen später kam die Kleine in die Küche gerannt. Dort waren Thaayammaal und ihre Schwiegertochter mit der Zubereitung von Murukku¹ beschäftigt. [¹frittierte Ringe aus Kichererbsenmehl]

„Mama, da vorne steht er!“ Die beiden Frauen wandten sich dem kleinen Mädchen zu: „Wer steht da vorne?“ – „Thambi Maamaa.“

Nun rannten die beiden in die Halle. Dort stand im Schatten ein Mann, ein junger Mann mit Bart. „Amma?“ fragt er. Erst jetzt erkannte die Mutter ihren Sohn. Das war kein zarter Junge mehr, das war ein erwachsener Mann, größer und korpulenter als damals, als sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Sie umarmte ihn und weinte. Nach einer Weile sagte sie nur „Whaahn, whaahn“ [komm, komm mit], nahm ihn an die Hand und setzte sich mit ihm auf die hölzerne Schaukel im Innenhof.

Lange schaukelten sie miteinander. Sie sprachen nichts, sie schaukelten nur. Nach einer Weile kam die Schwiegertochter mit Masala Chai¹, Murukku, Wadai² und Laddu³. Die Gewürze im Tee lösen die Zunge und öffnen das Herz.

„Bevor er starb, hat er nach dir gefragt“, sagte sie endlich. Der Sohn antwortete nicht. Nach einer langen Pause fuhr sie fort: „Er hat sich am Ende mit den Schwiegersöhnen nicht mehr verstanden. Dein Bruder wollte sich wie immer nicht einmischen. Sie wollten die Geschäfte nicht so führen, wie er es wollte. Der Besitz ist verteilt. Wie, weiß ich nicht.“

  1. Indischer Gewürztee (Schwarztee mit Nelken, Zimt, Ingwer und Kardamom)

  2. salzige Donuts aus weiße Linsen

  3. indische Süßspeise aus Kichererbsenmehl (siehe auch Wiki)

In den folgenden Tagen kamen seine Geschwister mit ihren Familien, um den jüngsten Bruder zu sehen und mit ihm zu reden. Thambi bezog sein altes Zimmer im Haus seiner Mutter, das nun zur Hälfte auch das Haus seines älteren Bruders geworden war. Thambi sprach nicht viel, nur: „Mir geht es gut. Ich lebe in den USA und arbeite bei einer großen Firma.“ Mehr sagte er nicht.

Die jüngste Tochter fragte schließlich in die Stille hinein: „Und, bist du Schauspieler geworden?“ Dabei betonte sie jedes Wort, als ob es das Gewicht eines Getreidesacks hätte. Nach einer langen Pause antwortete er:

„Ja, ich habe meine Ausbildung zum Schauspieler abgeschlossen.“ Seine Worte tropften so langsam wie Öl in eine heiße Pfanne.

„Arbeitest du als Schauspieler?“ Sie zog ihre Augenbrauen hoch, um ihrer Frage Ausdruck zu verleihen. Aber Thambi hatte sie gar nicht angeschaut, sein Blick war auf das Bild seines Vaters fixiert. Das Bildnis war mit einer dünnen Blumengirlande geschmückt und ein Stirnpunkt in roter Farbe war auf das Glas geklebt.

„Nein, ich arbeite für eine Agentur.“

Die ältere Schwester fragte spontan „Eine Agentur?“

Thambi drehte sich zu seiner Schwester um und sagte „Eine Agentur für Schauspieler.“ Seine Stimme klang, als ob er weiter fragen wollte: „Was denn sonst?“

Sein Schwager wollte sich auch melden und fragte banal: „Geht es dir gut?“

Thambi schaute seinen Schwager an und meinte: „Ich verdiene gut.“

Nach einer langen Pause mischte sich die zweite Schwester ein: „Hast du eine Familie in Amerika gegründet?“

Thambi schaute sie fragend an und sagte „Ich bin nicht verheiratet. Ihr seid meine Familie. Ich verdiene genug. Mir reicht es.“

Die ältere Schwester sagte bedächtig „Wir dachten, du kommst nicht mehr zurück“ und schwieg. Niemand sagte etwas.

Dann sagte sie hastig: „Deshalb haben wir beschlossen, den Besitz unseres Vaters gerecht zu verteilen.“ Wieder schwiegen sie und erwarteten irgendeine Reaktion von Thambi.

Thambi schien es gewusst zu haben, aber seine Blicke waren wieder auf das Abbild seines Vaters gerichtet. All das, was seine Schwestern ihm noch erzählten, schien ihn nicht zu interessieren.

Er stellte keine Fragen und sagte nichts zu dem, was ihm seine Schwestern gesagt hatten. Die Verwandten reisten wieder ab und er lebte weiterhin bei seiner Mutter und der Familie seines Bruders.

Mit seiner Schwägerin verstand er sich besser als mit seinem Bruder. Sie waren sich ähnlich, charmant, schlagfertig und gewitzt. Der Bruder dagegen war schüchtern und introvertiert. Thaayammaal zog sich immer mehr aus der Führung des Hauses zurück und so übernahm ihre Schwiegertochter mehr und mehr die Aufgaben der Hausherrin. Thambi kümmerte sich um seine Mutter und besprach alles Notwendige mit seiner Schwägerin. Diese fühlte sich als Hausherrin auch für das Wohl des Schwagers verantwortlich und begann, für ihn eine Frau zu suchen – in der Hoffnung, dass er für immer bei ihnen bliebe.

Eines Tages sagte Thambi zu seiner Mutter nach dem Frühstück:

„In den nächsten Tagen werde ich verreisen. Ich komme zu Deepavali wieder.“

„Also verlässt du uns wieder?“

„Amma [Mamma-Mutter], ich komme ganz bestimmt zu Deepavali [Lichterfest] wieder. Ich besuche einen Freund.“

Als er das Haus verließ, um mit einem Nachbarn zu reden, begegnete er einem Priester des Tempels, dessen Grundstück an das seiner Familie grenzte.

„Ich habe gehört, dass du zurückgekommen bist und gehofft, dass du den Tempel besuchst“, sagte der Priester zu Thambi, „komm heute Abend in den Tempel. Ich habe mit dir zu reden.“

Am Abend, nachdem der Altar geschlossen war und alle Besucher den Tempel verlassen hatten, besuchte Thambi den Priester. Nachdem der Priester sich nach seinem Wohlergehen erkundigt hatte, kam er zur Sache.

„Dein Vater war oft bei mir.“

„Was, im Tempel?“

„Ja, er hat oft über dich gesprochen, auch über seine Schwiegersöhne. Er war oft unglücklich.

Thambi hörte aufmerksam zu, reagierte aber nicht. Nach einer Pause sagte der Priester:

„Ärgerst du dich sehr über deine Geschwister?“

„Wieso sollte ich mich über sie ärgern?“

„Ja, weil sie den gesamten Besitz unter sich aufgeteilt und dir nichts gelassen haben.“

„Bei allem Respekt, Swami [Priester, Meister], das ist eine Familienangelegenheit. Die geht nur die Familie etwas an.“

„Gut, gut. Dann habe ich nichts gesagt. Ich habe dich hierher gebeten, weil ich dich um etwas bitten will.“ Thambi schaute den Priester fragend an. Der fuhr fort:

„Wir, die Priester des Tempels, möchten dich bitten, dass du uns weiterhin erlaubst, den Garten hinter dem Tempel zu nutzen, also diesen Teil, der an euren Garten grenzt. So wie das dein Vater getan hat. Wir brauchen das Obst aus dem Garten für den Tempel.“ Thambi schaute ihn verständnislos an:

„Weshalb braucht ihr dazu meine Erlaubnis?“

„Ach, du weißt nicht, dass das Grundstück hinter dem Tempel deiner Familie gehört? Dein Vater hat bestimmt, dass du dieses Grundstück erbst. Du kannst entscheiden, was du mit dem Grundstück machen willst.“ Thambi schwieg eine Weile. Dann sagte er:

„Das wusste ich nicht. Wenn mein Vater das so gewollt hat, soll es auch weiterhin so sein.“

„Wir haben es nicht anders erwartet. Wir sind dir sehr dankbar. Inzwischen haben sich die Gesetze geändert. Nach einem neuen Gesetz muss es notariell beglaubigt werden, dass wir das Grundstück nutzen dürfen.“

„Dann bestellt den Notar. Ich werde demnächst verreisen. Wir können gleich morgen den Vertrag abschließen.“

Am nächsten Tag kam der Notar, um den Vertrag abzuschließen. Thambi hatte noch etwas auf dem Herzen. Er fragte den Notar

„Weiß sonst noch jemand, dass ich der Besitzer des Grundstücks bin?“

„Nein, nur der Priester und jetzt auch ich.“

„Dabei soll es auch bleiben. Niemand soll erfahren, dass das Grundstück meiner Familie gehört. Der Tempel soll es nutzen und pflegen.“

„Du sprichst wie dein Vater, Thambi“, sagte der Priester.

Thambi ging nachdenklich nach Hause. Zuhause kam ihm seine kleine Nichte entgegen. Wie jeden Tag spielte er mit ihr im Garten. Danach brach er zu seiner Reise auf. Als er aus dem Haus war, sagte seine Nichte zu ihrer Mutter:

„Weißt du, wer Audrey Hepburn ist? Thambi Maamaa kennt sie persönlich. Er hat als Agent auch mit vielen anderen berühmten Schauspielerinnen zu tun. Er wohnt nämlich in Hollywood!“

Wie versprochen, kam er zu Deepavali zurück. Seine Schwägerin und seine Mutter waren während seiner Abwesenheit nicht untätig gewesen. Seine Mutter strahlte ihn an: „Wir haben vielleicht eine Braut für dich. Wenn du willst, richten wir die Hochzeit hier in diesem Haus für dich aus, so wie die Tradition es will.“ Thambi schaute seine Mutter und seine Schwägerin an, dann sagte er:

„Es freut mich, dass ihr euch so viele Gedanken über mein Glück macht. In diesem Haus möchte ich gern heiraten, wirklich sehr gern. Aber die Braut bringe ich selbst mit. Sie wird euch gefallen. Sie ist wirklich sehr nett. Sie hat nicht nur studiert, sie kann auch hervorragend kochen!“

Dann hörte er nicht mehr auf, davon zu erzählen, wie er seinen Weg gemacht hatte, wie er lebte, wie er seine Braut kennen gelernt hatte und wie glücklich er mit ihr war und ist. Seine Familie sah ihn mit großen Augen und offenen Mündern an. Aus Thambi war tatsächlich etwas geworden! Er folgte seinem Traum, er wurde nicht nur Schauspieler, sondern auch ein wohlhabender Unternehmer. Wohlhabender sogar als sein Vater! Und er war sogar bereit, seine Hochzeit hier zu feiern, wie die Tradition es wollte. Besser konnte es fast nicht sein.

Es gab nur einen Wermutstropfen, nein, eigentlich waren es zwei. Die neue Schwiegertochter war zwar klug, schön und liebenswürdig, aber weiß! Die erste Weiße in der Familie! Seine Familie hatte seit Generationen gegen die weißen Kolonialherren gekämpft und Mahatma Gandhi unterstützt – und nun brachte Thambi eine WeLLakaari [weiße Frau] in die Familie! Und dazu noch eine Frau, die vor nicht allzu langer Zeit die Chefin von Thambi gewesen war. Sie brauchten eine Weile, um diesen Schock zu verdauen. Der zweite Wermutstropfen war vor allem für Thaayammaal bitter: Die weiße Schwiegertochter sprach kein Wort Tamil und sie, die künftige Schwiegermutter, kein Wort Englisch. Aber wenn die beiden in der Küche standen und gemeinsam die traditionellen Speisen zubereiteten, verstanden sie sich auch ohne Worte. Thaayammaal war eine kluge Frau. Sie war froh, dass ihr Sohn zurückgekehrt war, das war das Wichtigste nach den Jahren der Trennung. Also sagte sie: „Ich liebe meinen Sohn, mein Sohn liebt seine Braut, also hat sie einen Platz in meinem Herzen.“

Nachdem das frisch vermählte Paar wieder abgereist war, hörte das Staunen nicht auf. Thambis Schwester wunderte sich, dass ihre Familie im Tempel immer einen Ehrenplatz bekam. Und verwundert und erfreut war sie auch, dass der Priester zu ihr kam und ihr eine ganz besondere und ehrenhafte Zusammenarbeit vorschlug: Ihre Aufgabe sei es, den Garten des Tempels zu hegen und zu pflegen. Die roten Bananen, Mangos und Kokosnüsse würden nach den Regeln des Tempels verteilt: Ein Teil für den Tempel, ein Teil für die Pilger und ein Teil für ihre Familie. Die Familie fühlte sich sehr geehrt und kam diesem Auftrag mit Freude nach.

Niemand verstand, weshalb der Familie diese Ehre gewährt wurde. Aber niemand fragte nach dem Grund. Die ganze Familie war ausgesucht freundlich, wenn Thambi Maama mit seiner amerikanischen Frau einmal im Jahr zu Besuch kam.

Und niemand fragte danach, weshalb das so ist, wenigstens nicht öffentlich.

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