Das Schweben über die Tonleiter – Teil 1

Das ist weder Verwirrung noch Überforderung, sondern eine Überflutung von Gefühlen, Impressionen, Eindrücken und Emotionen. Dennoch bin ich ruhig, beobachte das Geschehen um mich herum, habe das Gefühl, dass ich neben mir stehe und sehe mich, wie ich regungslos dasitze. Nein, verrückt bin ich nicht, nur vielleicht etwas daneben gerückt.

Inmitten einer fröhlichen, lustigen Gesellschaft von Menschen aus vier Kontinenten sitze ich und bewundere die Natur. Wir sitzen auf einer Dachterrasse an einem langen Tisch. Zwölf Personen zu meiner rechten und dreizehn zu meiner linken Seite. Es ist warm und eine leichte Brise stimmt uns gesellig. Es werden diverse Köstlichkeiten aufgetischt, exotische Früchte und gebackenes, gekochtes, Gemüse in verschiedenen Appetit anregenden Farben macht uns gierig hungrig.

Wir können von der Dachterrasse aus einen See erblicken, der die umliegenden Berge in seinem Spiegelbild auf den Kopf stellt. Der Sonnenuntergang war erst vor einer halben Stunde, aber die Dunkelheit schreitet rasant voran. Ich sehe eine Pfauenfamilie, voran die Pfauenmutter, die Küken rennen hinterher. Der Vaterpfau sitzt auf einem Ast und klagt über irgendetwas. Die Pfauenmutter scheint es gar nicht wahrzunehmen, sie ist damit beschäftigt, ihre Küken ins Nest zu bringen. Der Pfau fliegt von seinem Ast zu einem höheren Ast auf dem Baum nebenan. Ich kann mich nicht entsinnen, einen ähnlichen Pfauenflug jemals beobachtet zu haben. Es erinnert mich an Raumschiff Enterprise aus meinen Jugendtagen. Einige von unserer Gesellschaft haben ebenfalls das elegante Gleiten des Nationalvogels Indiens bewundert und kommentieren entsprechend. Ich nehme deren Bemerkungen nur vage wahr.

14292507 1361689580526884 265917399877886078 n 163x300 Das Schweben über die Tonleiter – Teil 1Plötzlich springt eine riesige Katze mit wuscheligem Pelzschwanz nicht weit entfernt von uns von Baum zu Baum. Sie ist weißgrau gestreift und hat ein schmales Gesicht. Einige von uns stehen auf, um das sonderbare Tier näher anzuschauen. Mit lautem Ton warnt uns der Resort-Leiter, nicht in die Nähe zu gehen, weil das Eichhörnchen beißen würde. ‘Sagte er Eichhörnchen?’ fragen sich einige und wundern sich über die Größe des Tieres. Nur in dieser Gegend gibt es solche Tiere, klärt uns der Gastgeber aus den Niederlanden auf.

Die freundlichen Bediensteten flüstern einem jungen Paar aus Australien irgendetwas ins Ohr. Aufgeregt stehen beide auf, der junge Mann schnappt sich seine Kamera und rennt die Treppe hinunter in Richtung Garten. Die anderen werden neugierig, stehen ebenfalls auf und laufen zum Geländer, um zu sehen, welch ein Schauspiel sich einem da offenbart. Auch ich bin von der Neugier gepackt, erhebe mich und schließe mich den anderen an, um zu erfahren, dass ein Paradiesvögelchen dem Garten einen Besuch abstattet. Auf Bildern habe ich sie schon öfters gesehen, aber nie in der freien Natur.

Mehrere der Anwesenden schreien voller Freude, dass sie es sehen können, nur meinem Blick bleibt es noch verborgen. Ich schaue in die Richtung, wohin alle Leute auch schauen und schließlich sehe ich ihn in voller Pracht, aber er ist so klein und zierlich. In rosagelber Farbe schwingt er seine Federn und springt fröhlich von Ast zu Ast.

Oh, Göttin der Natur, ich danke dir für deine unbeschreiblich schöne Kunst und freue mich, dass ich so etwas erleben darf.

Wir kehren alle zurück zu unseren Plätzen und die freundlichen Gastgeber mit ihren fleißigen, immer lächelnden Mitarbeitern, bedienen uns mit köstlichen kulinarischen Leckereien, so dass man sich fühlt, als ob man träumt. Das Essen war phantastisch und äußerst schmackhaft und als das Dessert unseren Gaumen erfreut, beginnt die freundliche Dame mir gegenüber, ihre Geschichte aus ihrer Jugend zu erzählen.

Ihr rotes Gesicht mit ernster Miene lässt sie wesentlich jünger wirken, als sie es ist. Ich sehe, wie sich ihre schmalen roten Lippen bewegen, wie ihre Augen blitzen und ihre rosaroten Wangen im Takt zu ihren Lippen und Augen schwingen.

Der Inhalt ist fesselnd, macht mich nachdenklich, ihre Art zu erzählen fasziniert mich. Die Mimik und die Gestik nehmen mich mit auf ihrer Reise in die Vergangenheit. Inzwischen bin ich gesättigt vom schmackhaften Essen, dennoch lehne ich das Dessert nicht ab, sondern lasse es auf meiner Zunge zergehen. Hin und wieder unterbreche ich dann auch meinen Essvorgang, um intensiv und aufmerksam zuzuhören.

Irgendetwas an meinem Fuß lenkt meine Aufmerksamkeit ab und bringt mich schnell in die Gegenwart zurück. Ein Hund an meinem Fuß erschreckt mich und ich fühle, wie sich das Trauma, das ich vor Jahrzehnten mit einem Hund erlebte, urplötzlich und äußerst heftig in meinem Inneren ausbreitet…

>> Das Schweben über die Tonleiter – Teil 2 
Foto: fb.com/Vijaykumar Thondaman

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>