Das Schweben über die Tonleiter

Das ist weder Verwirrung noch Überforderung, sondern eine Überflutung von Gefühlen, Impressionen, Eindrücken und Emotionen. Dennoch bin ich ruhig, beobachte das Geschehen um mich herum, habe das Gefühl, dass ich neben mir stehe und sehe mich, wie ich regungslos dasitze. Nein, verrückt bin ich nicht, nur vielleicht etwas daneben gerückt.

Inmitten einer fröhlichen, lustigen Gesellschaft von Menschen aus vier Kontinenten sitze ich also und bewundere die Natur. Wir befinden uns auf einer Dachterrasse des Resorts in Dindigul in Südindien an einem langen Tisch. Zwölf Personen zu meiner rechten und dreizehn zu meiner linken Seite. Es ist warm und eine leichte Brise stimmt uns gesellig. Es werden diverse Köstlichkeiten aufgetischt, exotische Früchte und gebackenes oder gekochtes Gemüse in verschiedenen Appetit anregenden Farben, all das macht uns hungrig.

Wir können von der Dachterrasse aus einen See erblicken, der die umliegenden Berge in seinem Spiegelbild auf den Kopf stellt. Der Sonnenuntergang war erst vor einer halben Stunde, aber es dämmert rasch in den Subtropen. Ich sehe eine Pfauenfamilie, voran die Pfauenmutter, die Küken rennen hinterher. Der Vaterpfau sitzt auf einem Ast und gibt Laute von sich. Die Pfauenmutter scheint es gar nicht wahrzunehmen, sie ist damit beschäftigt, ihre Küken ins Nest zu bringen.

Der Pfau fliegt von seinem Ast zu einem höheren Ast auf dem Baum nebenan. Ich kann mich nicht entsinnen, einen ähnlichen Pfauenflug jemals beobachtet zu haben. Es erinnert mich an Raumschiff Enterprise aus meinen Jugendtagen. Einige von unserer Gesellschaft haben ebenfalls das elegante Gleiten des Nationalvogels Indiens bewundert und kommentieren es entsprechend. Ich nehme ihre  Bemerkungen nur am Rande wahr.

Plötzlich springt eine riesige Katze mit wuscheligem Pelzschwanz, nicht weit entfernt von uns, von Baum zu Baum. Sie ist weißgrau gestreift und hat ein schmales Gesicht.   Einige von uns stehen auf, um das sonderbare Tier näher anzuschauen. Mit lautem Ton warnt uns der Resortleiter, nicht in die Nähe zu gehen, weil das Streifenhörnchen beißen würde. Sagte er Eichhörnchen, fragen sich einige und wundern sich über die Größe des Tieres. Nur in dieser Gegend gibt es solche Tiere, klärt uns der Resortleiter aus den Niederlanden auf, der sich in Indien niedergelassen hat.

Die freundlichen Bediensteten flüstern einem jungen Paar aus Australien irgendetwas ins Ohr. Aufgeregt stehen beide auf, der junge Mann schnappt sich seine Kamera und rennt die Treppe hinunter in Richtung Garten. Die anderen werden neugierig, stehen ebenfalls auf und laufen zum Geländer, um zu sehen, welch ein Schauspiel sich einem da offenbart. Auch ich bin von der Neugier gepackt, erhebe mich und schließe mich den anderen an, um zu erfahren, dass ein Paradiesvögelchen dem Garten einen Besuch abstattet. Auf Bildern habe ich sie schon öfters gesehen, aber nie in der freien Natur.

Mehrere der Anwesenden schreien voller Freude, dass sie es sehen können, nur meinem Blick bleibt es noch verborgen. Ich schaue in die Richtung, wohin alle Leute auch schauen und schließlich sehe ich ihn in voller Pracht, aber er ist so klein und zierlich. In rosa-gelber Farbe schwingt er seine Federn und springt fröhlich von Ast zu Ast.  Oh, Göttin der Natur, ich danke dir für deine unbeschreiblich schöne Kunst und freue mich, dass ich so etwas erleben darf.

Wir kehren alle zurück zu unseren Plätzen und die freundlichen Gastgeber mit ihren fleißigen, immer lächelnden Mitarbeitern, bedienen uns mit köstlichen kulinarischen Leckereien, so dass man sich fühlt, als ob man träumte. Das Essen ist fantastisch und äußerst schmackhaft.

Eigentlich bin ich gesättigt, dennoch lehne ich das Dessert nicht ab, sondern lasse es mir auf meine Zunge zergehen. Da beginnt die freundliche Dame mir gegenüber, eine Geschichte aus ihrer Jugend zu erzählen.

Ihr rotes Gesicht mit ernster Miene lässt sie wesentlich jünger wirken, als sie ist. Ich sehe, wie sich ihre schmalen roten Lippen bewegen, wie ihre Augen blitzen und ihre rosaroten Wangen im Takt zu ihren Lippen und Augen schwingen.

Der Inhalt ist fesselnd, macht mich nachdenklich, ihre Art zu erzählen fasziniert mich. Die Mimik und die Gestik nehmen mich mit auf

ihre Reise in die Vergangenheit. Hin und wieder unterbreche ich meinen Essensvorgang, um intensiv und aufmerksam zuzuhören.

Irgendetwas an meinem rechten Fuß lenkt meine Aufmerksamkeit ab. Ich schaue unter den Tisch und entdecke einen beigefarbenen Hund. Urplötzlich ist durch ihn meine ganze Konzentration beansprucht. Wird er mich beißen, wenn ich meinen Fuß von ihm wegziehe, oder laut bellen?

Bloß das nicht, die Leute sollen nichts über meine Angst vor Hunden erfahren. Außerdem ist es doch eigentlich ewig lang her, als ein Hund mich biss und ich mit niemandem darüber reden konnte. Dennoch kann ich nicht verhindern, dass sich das Trauma, das ich vor Jahrzehnten mit einem Hund erlebte, äußerst heftig in meinem Inneren ausbreitet.

In Gedanken durchlebe ich nochmals das erschreckende Erlebnis mit dem Hund in mir…

Es geschah während meiner Schulzeit, ich kannte Schleichwege und Abkürzungen, die sonst niemand kannte, so konnte ich schneller am Ziel sein, besonders wenn ich spät dran war. Meine Familie hat mich gewarnt und das nicht nur einmal, ich solle nicht über die Mauer klettern und über das Grundstück der Nachbarn laufen, um meinen Weg abzukürzen. Von dem blöden Hund hatten sie mir nichts erzählt.

Eines Tages kam er aus heiterem Himmel, bellend, wütend, kämpferisch. Dieser kleine Hund sollte vor mir Angst haben, sagte ich mir, vor allem sagt man ja auch, dass bellende Hunde nicht beißen. Dieser Beller wusste davon bestimmt nichts und biss mich ins Bein. Wütend holte ich ein paar Steine und warf nach ihm. Er lief weg und unterhalb meiner kurzen Hose sah ich eine kleine Bisswunde. Es tat auch nicht sehr weh.

Ich erinnerte mich, wie ein Klassenkamerad von mir, auf einen Kaktus am Straßenrand zeigend, sagte:

„Wenn du das dicke grüne Blatt abreißt, dann fließt eine milchige Flüssigkeit heraus und sie hat heilende Wirkung auf Stichwunden. „

Vielleicht wirkt es auch auf Hundebisse, dachte ich und schmierte die milchige Flüssigkeit auf die Wunde. Am Abend schwoll die Wunde an und es tat weh, aber ich sagte niemandem etwas. Am nächsten Tag dachte ich, auch wenn ich Fieber habe, laufen kann ich ja, also kann es nichts Schlimmes sein. Aber das Fahrradfahren fiel mir schwer.

Am dritten Tag berichtete ich meinem Beraterfreund von dem Vorfall und dass das milchige Heilmittel nicht sehr wirke. Was er daraufhin antwortete, ließ Alarmglocken in meinem Kopf schrillen.

„Was macht der Hund? „ wollte er wissen.

„Wenn er krank und womöglich gestorben ist von dem Gift deines Blutes, dann wird die Seele vom Hund auf dich übertragen.“    

„Du wirst es merken, wenn Du den Drangverspürst zu bellen „, ergänzte er.

Wie bitte, ich werde ein Hund? „, fragte ich entsetzt.

Nein, du wirst ein Mensch und ein Hund in einer Person , antwortete er ungeduldig.

An den darauffolgenden Tagen beobachtete ich mich intensiv im Spiegel und achtete auf jedes Geräusch, das ich von mir gab. Nach einer Woche sah ich den kleinen Hund wieder, putzmunter bellend und über seinen Hof wachend.

Aber vor Hunden habe ich noch heute Angst, oder sagen wir mal, Bedenken. Streicheln tue ich sie sowieso nicht. Die Hunde können ja Flöhe haben, nicht wahr?

Der Hund an meinem rechten Fuß bewegt sich und ich bin nicht mehr in direktem körperlichen Kontakt mit ihm. Die schöne kühle Brise von den Bergen nebenan beruhigt mich.

Genau in diesem Moment kommt ein junger Hund in Begleitung einer Familie und es beginnt eine Tortur in Form von lautem Bellen und Heulen zweier Hunde, die jeweils ihre Herrschaften beschützen wollen. Ein dritter schwarzer Hund des Resorts gesellt sich dazu und unerträglicher Lärm breitet sich aus.

Ich bin wie gelähmt, bis sich die Hunde nach und nach beruhigen und eine gewisse Ruhe einkehrt. Als wieder Friede herrscht, kommt mein Hund zu mir zurück und macht es sich an meinem Fuß gemütlich.

Als meine Gedanken wieder in die Wirklichkeit zurückgekehrt sind, fällt mir auf, dass meine Erzählerin mein Unwohlsein bemerkt hat. Ich versuche mit allen Mitteln, meine Verwirrung zu unterdrücken. Meine Konzentration ist am Nullpunkt angelangt, meine Ohren können die Worte nicht mehr sinngemäß interpretieren.

Die Dame zeigt sich irritiert und sie denkt sicher, dass ich kein Interesse mehr an ihrer Erzählung finde. Sie hört auf zu erzählen und wirkt verärgert über meine veränderte Haltung. Ich entschuldige mich für meine Unaufmerksamkeit und offenbare ihr mein Hundetrauma.

Ihr Blick ist abgewandt von mir und sie wirkt nachdenklich. Nach einem Weilchen bietet sie mir eine Klangbehandlung an, um mein Unwohlsein zu kurieren. Ich willige gern und sofort ein. Wir vereinbaren, uns in einer Viertelstunde auf der großen Veranda des Hauses, wo alle Gäste sich treffen und unterhalten, wieder zusammenzufinden.

Sie geht in ihr Häuschen, um ihr Klang-instrument zu holen und ich gehe gleich zur Veranda. Dort treffe ich eine indische Familie. Der Vater ist dabei, mit seinem Sohn intensiv am Laptop etwas zu lesen oder zu beobachten. Beim genaueren Hinsehen erkenne ich, dass der Sohn eine Art Helm auf seinen Kopf gesetzt hat und der Vater auf der Tastatur klimpert. Neugierig, wie ich halt bin, möchte ich Näheres über dieses Computerspiel wissen.

Der Vater erklärt mir, dass es sich um einen ‚Brain to Computer Interface‘ handelt und der Sohn versuche, die Grafiken auf dem Bildschirm nur durch seine Gedanken zu steuern. Als Techniker von Beruf bin ich sofort dabei, alles darüber zu erfahren und löchere die beiden mit Fragen über Fragen.

Auch meine Klangbehandlerin, die inzwischen mit ihrem Instrument zu uns gekommen ist, lauscht aufmerksam den Ausführungen der Vater-Sohn-Gehirnforscher. Sie informiert die beiden über die Klangbehandlung, die sie mit mir durchführen will und fragt, ob sie meine Gehirnwellen damit messen können.

Der väterliche Hobbyforscher wirkt nicht sonderlich beeindruckt von dem Saiteninstrument, das sie mir auf meinen Körper stellen und dabei musizieren will. Er scheint von der Wirkung des Musikinstrumentes, nicht überzeugt zu sein. Um der Dame einen Gefallen zu tun, beauftragt er seinen Sohn, den Gehirnwellenmesser auf meinen Kopf zu setzen.

Nachdem er alle notwendigen Signale auf dem Monitor seines Laptops sieht, nickt er der Dame zu, um das Experiment zu starten. Die Dame setzt ihr Instrument auf mich und sagt, dass ich meine Augen schließen und mich auf die Musik konzentrieren soll. Ich willige ein und schließe meine Augen. Bereits nach einer Minute, oder waren es mehrere, höre ich die Töne und spüre sie auf meinem Körper.

Es ist angenehm, in Gedanken sehe ich gelbe und rotgelbgoldene Tonsaiten, wie man sie im Inneren eines Klaviers sieht. Es ist ein Gefühl in mir, als ob ich auf den Tönen reite. Es ist angenehm, schön und irgendwie auch lustig. Ich verliere das Zeitgefühl. Irgendwann höre ich, wie die Töne in der Geschwindigkeit langsam werden, um dann ganz aufzuhören.

Ich soll meine Augen öffnen, höre ich. Die Dame will wissen, wie es mir geht, aber ich höre, wie der Vater-Forscher voller Euphorie der Dame erzählt, dass er in seiner gesamten Hobby-Forschung so etwas noch nicht gesehen hat.

Das Maximale, was er bisher sah, berichtet er, sei nur 25 Einheiten gewesen, ich aber hätte 50 erreicht, das sei ein Erfolg. Die Klangbehandlung habe meine Gehirnwellen positiv beeinflusst.

Die Klangbehandlerin ist erfreut, dass es mir gut geht und lächelt zufrieden. Ich selbst verstehe zwar von alldem nichts, fühle mich jedoch sehr wohl, wie auf Tonwolken schwebend.

 
Foto: fb.com/Vijaykumar Thondaman

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