“Spinnst du auch manchmal?”

Ich besuchte meinen Mann im Krankenhaus. Schon seit dem Vormittag wusste ich, dass er nicht mehr allein im Zimmer lag sondern einen neuen Bettnachbarn hatte, denn als ich meinen telefonischen Morgengruß machen wollte, hatte der Neue abgenommen, da mein Mann bereits im Land der ärztlichen Träume weilte, was ich nicht wissen konnte.

Das bedeutete, dass ich erst abwarten musste, bevor ich ihn besuchen konnte. Am Nachmittag war es so weit. Anruf, bin wieder da, ich ins Auto und ab ins Krankenhaus. Dort hatten wir schon einige Mit-Patienten kennen gelernt, die aber alle schnell wieder nach Hause konnten. Seit ein paar Tagen lag mein Mann allein, was ihm nicht gefiel, aber immer noch besser war, als einen »unangenehmen Mitschläfer« zu haben.

Wie jeden Tag klopfte ich kurz und zart an die Tür um kein »Herein« abzuwarten sondern gleich ins Zimmer zu treten. Der »Neue« hatte Besuch. Ich sah zuerst seine Familie, denn zweifellos handelte es sich um Mutter und Sohn die den Vater besuchten. Freundliche Blicke der Mutter zu mir, einen gemurmelten Gruß, der Sohn drehte sich nicht zu mir um, aber der Vater begrüßte mich wie eine alte Bekannte, obwohl ich ihn noch nie gesehen hatte. Das lag wohl an unserem kurzen Telefonat.

Dann begrüßte ich meinen Mann. Ich hatte frische Wäsche, Zeitungen und allerlei Post dabei, meine Handtasche und einen Regenschirm. Außerdem war ich pitschnass, denn der Regen war durch heftige Windböen von allen Seiten an mich heran geweht. Es stand nur ein kleiner Hocker neben dem Bett, denn auf allen bequemen Sitzen saß die Familie des Neuen.

Vermutlich hatten die Eltern dem Sohn ein Zeichen gegeben, denn er sprang urplötzlich auf und bot mir seinen Sessel an. Als ich dankend ablehnte, weil ich gut auf dem Hocker sitzen konnte, nötigte er mich geradezu, ihn doch anzunehmen. Eigentlich hätte ich ihm böse sein müssen, denn er schob den Sessel sehr laut und gegen das Bett rempelnd –ungebeten- direkt hinter mich, wobei er auf eine merkwürdige Art lächelte und –wie ich meinte- geradewegs durch mich hindurchschaute, so dass er mich gar nicht zu sehen schien.  Diese recht unbeholfene Art wirkte aber dennoch lieb und irgendwie fürsorglich, dass ich diese ungestüme Art  auf sein Alter schob, er mochte vielleicht 15 Jahre alt sein. Deshalb dankte ich ihm und nahm den Sessel an.

Allerdings hatte er meine Aufmerksamkeit mit diesem Verhalten erregt. Er war sehr besorgt um seinen Vater, klopfte das Kissen zurecht, obwohl der Papa im Bett saß und er redete fast ununterbrochen. Hatte ich richtig gehört oder sprach er  abwechselnd  Deutsch und Englisch? Tatsächlich! Interessant, dachte ich.

Währenddessen erzählte mir mein Mann ein Erlebnis, über das ich herzhaft lachen musste. Er war außergewöhnlich gut aufgelegt, deshalb mussten wir ständig lachen. Eine sehr fröhliche und sehr wohltuende Besuchszeit war das. Die Zeit verflog, ohne dass wir merkten, wie schnell es  dunkel wurde. Wir hatten in der letzten Zeit selten so viel und aus vollem Herzen gelacht wie an diesem Nachmittag. Darüber vergaßen wir die Familie, die sich allerdings ebenso lebhaft unterhielt wie wir.

Mutter und Sohn beendeten ihren Besuch. Sie verließen den Raum. Vorher kam aber der Sohn schnell noch zu mir. Er streckte mir die Hand entgegen, so dass ich sie ergriff, weil ich dachte, er wollte sich persönlich verabschieden, aber es war nur eine Handbewegung in meine Richtung. Er lächelte mich wieder auf diese merkwürdige, abwesende Art an, die jetzt aber recht schelmisch wirkte, sah mir in die Augen und fragte mich: „Spinnst du auch manchmal?“

Da er ein wenig undeutlich und sehr schnell sprach, verstand ich nicht sofort, was er gesagt hatte, deshalb sah ich ihn etwas fragend an. In diesem Moment zog ihn aber sein Vater von uns fort, entschuldigte sich und hatte es sehr eilig, seine Familie aus dem Zimmer zu führen.

Mein Mann lachte sehr, denn er verstand sofort, was der junge Mann mich gefragt hatte.

„Siehst du“, zog er mich auf, „der Junge hat dich sofort durchschaut!“ Und da ich das köstlich fand und mich sehr über diesen Ausspruch „Spinnst du auch manchmal?“ amüsierte, lachten wir noch immer darüber und machten unsere Späße, als sein Zimmer-Nachbar wieder zurück kam und uns aufklärte.

Sein Sohn sei 21 Jahre alt und Autist. Er gehöre nicht zu den ruhigen, in sich gekehrten Menschen sondern zu den anderen. Diese «anderen» bedeute, dass er immer wieder regelrechte »Sprech-Anfälle« hätte; dann begönne er zu reden und wäre kaum zu stoppen. Jedes Mal wäre es sehr schwer, ihn wieder zu beruhigen, damit eine »normale« Unterhaltung fortgesetzt werden könne. Dasselbe geschähe mitunter beim Lachen. Bei solchen Gelegenheiten würden sie ihren Sohn häufig mit dem Satz necken: “Na, spinnst du mal wieder?“

In mir hatte er eine «Seinesgleichin» getroffen. Das hat ihm bestimmt so viel Freude gemacht, wie seine Frage “Spinnst du auch manchmal?” uns.

Über Dietlinde Hachmann

"Du kannst keinen Ozean überqueren, indem du einfach nur aufs Wasser starrst." Diese Worte hat Rabindranath Thakur (Tagore) gesagt. Nach diesen Worten versuche ich, mich zu richten, da ich sie als unbedingt wahr und richtig empfinde. Ansonsten bin ich eine verheiratete Frau mit vier Kindern, die derart viele Hobbies hat, dass ihr -fast- jeder Tag zu kurz ist. ;-)
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2 Antworten auf “Spinnst du auch manchmal?”

  1. Andrea sagt:

    Eine wunderschöne Geschichte!

  2. tempeltänzer sagt:

    amüsante, gefühlvolle, humoristische Erzählung, die zum Nachdenken anregt.
    Danke DiHa

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