Der bedrohlichste Weg…

 Der bedrohlichste Weg...

Der bedrohlichste Weg, an den ich mich erinnere, war mein erster Schulweg. Ich weiss bis heute nicht mehr so genau, was mir denn eigentlich so große Angst einjagte, mich grauste es einfach davor, ihn zu gehen… Von Lindorf hierher nach Ötlingen, nur eine Ortschaft weiter… Aber es war ein einsamer Weg, nur Felder weit und breit – und keine anderen Schulkinder, da die meisten von ihnen von ihren Eltern mit dem Auto zur Schule gefahren wurden. Heute weiss ich, dass er ca. nur einen Kilometer lang war, für mich als Sechsjährige natürlich eine halbe Weltreise. Die Bemerkung der Leute im Dorf, mein Schulranzen sei ja größer als ich, hat mich auch nicht gerade mutiger gestimmt… Jeden Morgen kam ich heulend in der Schule an und musste zunächst einmal beruhigt werden. Jeden Morgen die gleiche Zeremonie vor Unterrichtsbeginn…

Nicht nur der lange und einsame Weg machte mir Angst, sondern auch der Gedanke an einem Jungen, dessen Namen ich bereits vergessen habe. Nennen wir ihn Tom… Vor ihm wurde eindrücklich gewarnt, er war der Schrecken der Straßen. Tom war deutlich älter als ich, wahrscheinlich schon 14 oder 15 Jahre alt. Er beschimpfte und verprügelte täglich andere Kinder und man munkelte sogar, er habe ein großes Klappmesser im Schulranzen. Eines Tages sollte ich ihn näher kennenlernen… Wie es dazu kam?

Eines Nachmittags war Polioimpfung für alle Kinder angesagt, in der alten Turnhalle der Schule. Unsere Mutter begleitete mich und meine Schwestern zu dieser nun ja…Trauerfeier könnte man sagen… ja, das ist das richtige Wort. Denn so ziemlich alle Kinder weinten, als sie geimpft werden sollten. Ich war eine der wenigen, die das ganz tapfer hinter sich brachten, ohne eine Träne zu vergießen. Ganz stolz ging ich raus aus der Turnhalle und suchte die anderen. Dann sah ich voller Schrecken in der Ferne, gaaanz klein, meine Mutter und meine Schwestern, sie hatten mich wohl einfach vergessen und waren schon losgegangen. Ich heulte und schrie… und rannte… und als ich mich umdrehte schrie ich noch lauter, weil ich Tom mit dem Fahrrad hinter mir herfahren sah und genau wusste, dass ich vor ihm nicht weglaufen konnte. Ooooh, war ich verzweifelt…! Er wusste zwar nicht, warum ich um mein Leben lief und schrie, blieb aber stehen und tat etwas, was ich niemals erwartet hätte: er versuchte mich doch tatsächlich zu trösten und bot mir sogar an, hinten auf dem Gepäckträger Platz zu nehmen, damit er mich heimfahren konnte. Ich war so überrascht, dass ich das Heulen ganz vergaß. Nach kurzer Bedenkzeit nahm ich tatsächlich hinten Platz und umarmte ihn ganz fest, das musste ich, denn er trat ganz kräftig in die Pedale. Im Nu waren wir bei den anderen und er hielt nur kurz an, um mich absteigen zu lassen und fuhr sofort weiter – ich konnte mich nicht einmal mehr bei ihm bedanken. Ihr könnt euch vorstellen, wie groß und mutig ich mich an dem Tag fühlte…! Tom hatte mich schließlich bis fast nach Hause gefahren.

Was er sicher bis heute nicht weiß ist, dass er mich an diesem Tag nicht nur heimgefahren hat, sondern auch meine Angst vor dem Schulweg komplett ausradiert hat. Also, wenn ich so überlege, war das einer meiner wichtigsten Wege, denn eins hat er mich gelehrt: egal, was die Leute über andere Menschen erzählen, mach du deine eigenen Erfahrungen. Vielleicht lernst du sie ja von einer ganz anderen Seite kennen… UND: nichts geschieht grundlos, auch wenn es auf dem ersten Blick zunächst bedrohlich aussieht. Später versteht man, warum es genau so kommen musste… Damit wir lernen…

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8 Antworten auf Der bedrohlichste Weg…

  1. Gudrun sagt:

    Liebe Elif,
    in Deiner Geschichte hast Du Mut bewiesen, Mit zu vertrauen. Vertrauen ist eine wichtige Lebensgrundlage. Danke für das Teilen dieser wichtigen Erfahrung.

  2. Brigitte Steeb sagt:

    Liebe Elif ,
    was für eine schöne Geschichte.
    Ich habe sie gerne gelesen und konnte dir das gut nachfühlen.
    Liebe Grüße
    Brigitte
    (Schreibgruppe Ludwigsburg)

  3. Ich kann mich nur an die vorhergehenden Kommentare anschließen und freue mich, dass du deine Geschichte online gestellt hast.
    Gerne darfst du auch noch mehr posten, denn eigentlich ist so ein Erlebnis, das einem plötzlich in den Kopf und somit in die Erinnerung steigt, ganz schnell aufgeschrieben und animiert dadurch andere, sich an ihre eigenen Erlebnisse zu erinnern. Manchmal tut das einem sehr, sehr gut.

  4. Anonymous sagt:

    Eine gute Lektion zum Thema Vertrauen..irgendwie hat er ihr Vertrauen gewinnen können, vermutlich durch das Trösten

  5. Eva Karina sagt:

    Liebe Elif,
    diese Kindheitserinnerung ist ein wahrer Schatz, viel zu schade, um sie in Vergessenheit geraten zu lassen. Danke, dass du sie hier mit uns teilst! Suresh hat mir erzählt, dass die Teilnehmer der Teezeremonie ganz “hin und weg” waren.

  6. Mara sagt:

    Dein Text ist wie mit vielen kleinen Dingen im Alltag, es scheint so normal und vertraut, das man nur beim innehalten und genauerem hinsehen bemerkt wie viel tiefe und schönheit es besitzt!
    Danke dass du mein “Atem holen” mit so viel wärme gefüllt hast!

    • Elif sagt:

      Danke für die herzerwärmende Rückmeldung, ich freue mich sehr, dass meine kleine Geschichte dir gefällt! Ich habe sie letzte Woche zum Vorlesen für die Teezeremonie bei uns zuhause geschrieben. Das ging so schnell… sie war plötzlich so präsent in meinem Kopf und wollte aufgeschrieben werden. Und Suresh hat mich dazu ermutigt, sie hier zu veröffentlichen. Ich wäre sonst wohl nie auf die Idee gekommen…

      • Mara sagt:

        Hallo Elif, auch jetzt, mit einigen Tagen Abstand, gefällt mir deine Geschichte noch sehr. Ich würde gerne weitere Texte von dir lesen da mich deine Geschichte und die Art wie du schreibst sehr berührt haben. Wäre das möglich?:)
        Sei lieb Gegrüßt
        Mara

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