Baldersbra – Das Augenlicht der Kamille

 

Sterne Blumen Augen 300x216 Baldersbra   Das Augenlicht der Kamille

Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben:

Die Sterne der Nacht, die Blumen des Tages, und die Augen der Kinder.

(Dante)

In Indien erzählt man, dass Shiva einst Tropfen des Göttertranks verschüttete, und aus dessen Tropfen dann Pize wuchsen. Ähnliche Geschichten gibt es auch aus Nordeuropa. Als wir an einem Mittsommertag im Wald eine Pilzsuppe zu uns nahmen, lag mir diese schwer im Magen und ich musste mich hinlegen, aber meine Freunde kümmerten sich um mich, und ich erlebte die Blumen um mich als etwas sehr beruhigendes. Als es mir besser ging, hatte ich die Idee, das folgende Märchen zu schreiben, in dem es um die alte Vorstellung geht, dass das schwindende Sonnenlicht des Sommers in den Blumen fortlebt.

Nach einer alten Legende hat in alter Zeit Donar, der himmlische Beherrscher der Wetterstürme, vom lieben Gott drei Kuchen erhalten. Doch anstatt sie mit den anderen himmlischen Wesen zu teilen, warf er Stücke davon auf die Erde. Daher gelten die Pilze im Glauben der Bevölkerung als etwas sehr unheimliches, aber auch wertvolles. Denn schließlich sind sie Stücke von dem göttlichen Kuchen und man kann an ihnen die Herrlichkeit Gottes sehen. Doch erzählt man sich auch von Pilzen, die von Geistern bewohnt werden und zu ungeheurer Größe wachsen, und manche Pilze haben eine gefährliche Wirkung für die Menschen!

Aber wenn die Sommersonne ihren Höhepunkt erreicht, dann entzünden die Menschen Feuerrituale, mit denen sie den Herrn Donar bitten, das Land vor Unheil zu schützen. Das geschah in alter Zeit am Tag von Waid (Veit), dem Beherrscher der Wälder. Waid ist auch der Beherrscher der sommerlichen Pilze, der Schwammpilze, die dann im Wald zusammen mit dem Holz für das nächste Feuer gesammelt werden. Dann erinnert man sich daran, dass Baltag, der so strahlend ist wie das Licht und die Sonne begleitet, durch böse Träume geplagt wird. Aber die Feuer sollen den Menschen trotzdem Trost und Hoffnung spenden.

Sonne und Regen erleuchteten unsere Gemüter durch einen schönen Regenbogen. Doch die Mittsommerluft war erfüllt von dem bedrohlichen Zauber der Hexen und Unholden, die unsere bunte und leuchtende Welt zu bedrohen trachteten. Doch die Hagelfeuer, welche die Wetterdämonen abwehren sollten, hatten am Tag des Waid bereits gebrannt, und Donars Kraft beschützte diese Welt. Unter seiner Obhut wuchsen die Schwämme und Pilze, die er in den Wald geworfen hatte, und die wir als Geschenk der Gottheit nun sammeln wollten.

So ging der Förster den Wald entlang und rief nach alter Sitte: „Heiliger Waide! Gib mir Schwammen auf freier Weide’: Kleine Schwammen, große Schwammen, alle in mein Körbchen zusammen.“ Er hatte auch freilich eine schöne Anzahl gesammelt. Doch es waren nicht jene essbaren Pilze, sondern die ungenießbaren aus dem schwarzen Mehl. So rief er zu den Göttern: „Die Pilzgeister spielen mir üble Streiche. Wie hässliche Fratzen starren sie mich an, werden bald kleiner, bald größer, und in den Farben des Regenbogens, den ich zuvor noch so schön am Himmel gesehen hatte, prasseln nun tausende und abertausende Nadeln des Waldbodens auf mich ein. In meiner Verzweiflung suche ich eine Höhle auf und flüchte mich in den Schoß von Mutter Erde. Eine furchtbare Vision überkommt mich, dass nämlich auch die Götter nicht sicher sind vor den Streichen der Unholden, und auch der lichte und unverletzliche Baltag durch ein scheinbar so gesegnetes Kraut bezwungen werden kann und mit mir in die Tiefen der Höhle hinabsteigen. Sagt mir Götter, war unser Glück nur vergängliche Einbildung?“

Als ich die Höhe betrat, fühlte ich mich zwar in Sicherheit, aber das Üble und Böse war immer noch gegenwärtig. Wie der schwarze Schwanz eines Drachen, der an den Wurzeln der Welt nagt, schlängelte es sich durch die Höhle, und verschwand in einem Schacht. „Zeig dich,“ rief ich ihm zu, und mit einem Mal drehte sich das Untier um, und eine hässliche Fratze starrte mich an, die mir wie eine Maske meines eigenen Gesichtes erschien. „Geh weg,“ rief ich. „Du zeigst mir wieder einmal, dass mein eigenes Ich mein schlimmster Feind sein kann, und ich brauche den Freund, der mir den Weg zeigt.“

Schwindelig wie mir war, erkannte ich nur noch die freundlichen Zwerge, die nun aus ihren Löchern kamen, meine Hand nahmen, und mich zurück an die Oberfläche führten. Mit einem mal überkam mich ein tiefer Frieden, und ich fühlte nicht nur die Liebe der Erdmutter und ihrer Gehilfen, sondern auch den Frieden mit meinem eigenen Ich, und der Gang zurück an die Oberfläche war für mich wie eine Neugeburt.

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Sonnenblumen

Es sinkt der Morgen nieder, Mit Fittigen so lind,

Weckt mich die Liebe wieder, Ein neugeboren Kind.

Und wenn ich einsam weine, Und wenn das Herz mir bricht,

So sieh im Sonnenscheine Mein lächelnd Angesicht.

Ich sinke ewig unter, Und steige ewig auf,

Und blühe stets gesunder Aus Liebes-Schoß herauf.

(Brentano)

Da es bereits Nacht war, legte der Förster sich auf den Boden, und noch immer spürte er das Glühen des Lebens, das er gekostet hatte, und ihm war, als wären um ihn herum zwischen dem Gras und dem Klee immer noch Lebewesen, die ihm da Gesellschaft leisteten. Doch konnte er sie im Dunkeln nicht sehen und flüsterte:

Seid ihr es, die Hermännle, die mich beschützen?“ Denn Hermanla (=Hermanek) nennt man östlich der Warthe und bei den Böhmen die Zwerge. Aber diese Zwerge waren anders, als die aus der Erde. Und doch hatte er das Gefühl, es seien die Soldaten, die die Menschen vor dem Untergang der Götter bewahren könnten. Und da antwortete ihm eine zarte Stimme aus dem Klee: „Du bist nicht allein. Ich und meine Nachbarn sind bei dir. Auch wenn mich die Böhmen Hermann nennen, sollst du mich Kamille (kam-illr) nennen, denn ich kam zu dir, als du krank (=illr) warst.“

Und er antwortete: „Komm auch du zu mir, Fee, und kuschel dich an mich! Hier ist nur das Tal und die Tierchen.“ Und wieder ertönte die Stimme: „Nein, ich bleibe, wo ich bin, denn ich muss wachsen. Für heute nacht solltest du mit Mutter Erde allein bleiben.“

Ich habe der Erdmutter viel zu verdanken, denn ich habe einen Fehler gemacht, als ich die schönen Pilze pflückte, in meinem Wunsch, an der Herrlichkeit Gottes etwas teilzuhaben.“

Lass dich nicht mehr von dem schönen Hut eines Pilzes blenden. Das wahre Wesen eines Pilzes ist das Geflecht unter der Oberfläche dieser Welt. Du hast das Richtige getan, indem du zu den Wurzeln hinabgestiegen bist. Erst, wenn die Wurzeln in die Hölle reichen, kannst du in den Himmel wachsen.“ Und sie sprach ein Gedicht:

“Keine Pflanze wächst zur Höhe

Ohne dass sie abwärts sehe

Möchtest du hinauf ins Licht

Weich auch vor dem Dunkel nicht.”

Dem Förster gefielen diese Wort so sehr, dass er einschlief, und als er morgens aufwachte, war es bereits hell, wenngleich die Sonne noch nicht aufgegangen war. Aber wie herrlich leuchteten ihm die schönen Blumen auf der Wiese entgegen, von denen eine die Fee war, mit der er in der Nacht gesprochen hatte. Da erinnerte er sich an die Worte eines weisen Druiden, und sprach zu der Blume: „Der weise Gondrom hatte Recht. Du bist tatsächlich das lichteste aller Kräuter und bietest mit deinen strahligen weißen Blütenblättchen und dem gelben Fruchtknöpfchen in der Mitte ein Bildchen der Sonne dar. Wenn die Menschen dich erblicken, werden sie an den lichten Gott erinnert, dessen Antlitz auch so hell und freundlich schimmert, und unter dessen Füßen Blumen hervorsprießen.“

Und sie antwortete: „So pflück statt der Pilze, wenn du gesund sein möchtest, einfach meine Blüte im Morgengrauen, damit sie deine kranken Augen erquickt, statt der blendenden Sonne. Noch kannst du einen Tee daraus trinken, aber wenn die Tage länger werden, und das Feuer für den Täufer brennt, werden die Hexen auf meine Blüten genässt haben, weil an diesem Tage der »böse Krebs« über die Felder fliegt.“

Da sprach er zu ihr: „Du hast mir Freude bereitet, Blume, und Holunder, Johanniskraut und Kümmel werden dir einen Beistand geben, vor dem der böse Hexenzauber nicht bestehen kann. Doch mache ich mir Sorgen. Die Sonne mag aufgehen und ihre Macht wird durch einen Schatten gebrochen, den möglicherweise schon das Sommerfeuer wirft, das als nächstes brennt. Dann wird die Macht der Götter untergehen. Diese Vision, diese bösen Träume, sie waren echt.“

Und die Blume sprach zu ihm: „Baltag, den Schützling der Götter, mögen böse Träume plagen, und Baltag mag fallen. Aber er kann nicht tiefer fallen als in den Schoß der Erdmutter, in den auch du geflohen bist. Und auch, wenn Erdmutter und Himmelsvater keine Hochzeit mehr halten, so gibt sie das Licht dieser Welt wieder zurück, wenn ihr Haar als goldene Weizenhalme wieder wachsen und die Welt von unten erleuchten. Bis dahin werde auch ich noch blühen. Dann betrachte mich als Baltags Augenbraue (=Baldersbra) und binde mich mit Hartenau in die erste Garbe, die du erntest. Aus unseren Blumen und Halmen wird dich das Licht weiterhin erfüllen, auch wenn das Licht der Sonne verschwindet. Und das Leben kehrt wieder. Hab Vertrauen darauf.“

21.Sept . Sif 218x300 Baldersbra   Das Augenlicht der Kamille

Sif (Korngöttin), Bild von www.voenix.de

Und da beschloss der Förster, unter der Sonne weiterzugehen, und die Blume nicht zu pflücken, sondern dort wachsen zu lassen, wo er sie morgens gefunden hatte. Denn über eine einzige Blume kann man sich mehr freuen, als über ein Meer aus Blumen, wenn das Herz dafür geschaffen ist. Und kein Abschied ist für immer, wenn man die Liebe im Herzen trägt.

(Für Camilla und Holger Schaller – http://wurzelkamille.de, eine sehr schöne und inspirierende Seite für Spiritualität. Die Beschreibung der Kamille habe ich aus einem Buch über Deutsche Sagen vom Gondrom Verlag übernommen – darum der “weise Gondrom”!)

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