Das Schweben über die Tonleiter – Teil 2

Meine Erzählerin bemerkt mein Unwohlsein und ich versuche mit allen Mitteln, meine Verwirrung zu unterdrücken. Meine Konzentration ist am Nullpunkt angelangt, meine Ohren können die Worte nicht mehr sinngemäß interpretieren.

Die Dame zeigt sich irritiert und sie denkt sicher, dass ich kein Interesse mehr an ihrer Erzählung finde. Sie hört auf zu erzählen und wirkt verärgert über meine veränderte Haltung. Ich entschuldige mich für meine Unaufmerksamkeit und offenbare ihr mein Hunde-Trauma.

Ihr Blick ist abgewandt von mir und sie wirkt nachdenklich. Nach einem Weilchen bietet sie mir eine Klangbehandlung an, um mein Unwohlsein zu kurieren. Ich willige gern und sofort ein. Wir vereinbaren, uns in einer Viertelstunde auf der großen Veranda des Hauses, wo alle Gäste sich treffen und unterhalten, wieder zusammenzufinden.

Sie geht in ihr Häuschen, um ihr Klanginstrument zu holen und ich gehe gleich zur Veranda. Dort treffe ich eine indische Familie. Der Vater ist dabei, mit seinem Sohn intensiv am Laptop etwas zu lesen oder zu beobachten. Beim genaueren Hinsehen erkenne ich, dass der Sohn eine Art Helm auf seinen Kopf gesetzt hat und der Vater auf der Tastatur klimpert. Neugierig, wie ich halt bin, möchte ich Näheres über dieses Computerspiel wissen. Der Vater erklärt mir, dass es sich um einen ‚Brain to Computer Interface‘ handelt und der Sohn versuche, die Grafiken auf dem Bildschirm nur durch seine Gedanken zu steuern. Als Techniker von Beruf bin ich sofort dabei, alles darüber zu erfahren und löchere die beiden mit Fragen über Fragen.

Auch meine Klangbehandlerin, die inzwischen mit ihrem Instrument zu uns gekommen ist, hört aufmerksam auf die Ausführungen der Vater-Sohn-Gehirnforscher. Sie informiert die Beiden über die Klangbehandlung, die sie mit mir durchführen will und fragt, ob sie meine Gehirnwellen damit messen können. Der väterliche Hobbyforscher wirkt nicht sonderlich beeindruckt von dem Saiteninstrument, das sie mir auf meinen Körper stellen und dabei musizieren will. Er scheint von der Wirkung des Musikinstrumentes, das Bodytampura heißt, nicht überzeugt zu sein. Um der Dame einen Gefallen zu tun, beauftragt er seinen Sohn, den Gehirnwellenmesser auf meinen Kopf zu setzen.

Nachdem er alle notwendigen Signale auf dem Monitor seines Laptops sieht, nickt er der Dame zu, um das Experiment zu starten. Die Dame setzt ihr Instrument auf mich und sagt, dass ich meine Augen schließen und mich auf die Musik konzentrieren soll. Ich willige ein und schließe meine Augen. Bereits nach einer Minute, oder waren es mehrere, höre ich die Töne und spüre sie auf meinem Körper. Es ist angenehm, in Gedanken sehe ich gelbe und rotgelbgoldene Tonsaiten, wie man sie im Inneren eines Klaviers sieht. Es ist ein Gefühl in mir, als ob ich auf den Tönen reite. Es ist angenehm, schön und irgendwie auch lustig. Ich verliere das Zeitgefühl. Irgendwann höre ich, wie die Töne in der Geschwindigkeit langsam werden, um dann ganz aufzuhören.

Ich soll meine Augen öffnen, höre ich. Die Dame will wissen, wie es mir geht, aber ich höre, wie der Vater-Forscher voller Euphorie der Dame erzählt, dass er in seiner gesamten Hobby-Forschung so etwas noch nicht gesehen hat.

Das Maximale, was er bisher sah, berichtet er, sei nur 25 gewesen, ich aber hätte 50 erreicht, das sei ein Erfolg. Die Klangbehandlung habe meine Gehirnwellen positiv beeinflusst.

Die Klangbehandlerin ist erfreut, dass es mir gut geht und lächelt zufrieden. Ich selbst verstehe zwar von alldem nichts, fühle mich jedoch sehr wohl, wie auf Tonwolken schwebend.

Über suresh

Ich bin Inder und deutscher Staatsbürger. Als patriotischer Weltbürger pendele ich zwischen beiden Heimaten und fühle mich dabei sehr wohl. Ich versuche, in beiden Welten mein Zuhause zu finden. Mit Wahrem und Erlebtem aus meinem Leben schreibe ich Geschichten in „Migranten-Deutsch“. In reinem, ganz fehlerfreiem Deutsch zu schreiben, habe ich noch nicht gelernt, es fällt mir schwer. Mein Ziel ist aber, mit unterhaltsamen Erzählungen zur interkulturellen Völkerverständigung beizutragen, auch um Missverständnisse möglichst auszuräumen. Wenn ich dadurch bei den Lesern Friede und Freude erzeugen kann, dann bin ich zufrieden. Die Eierkuchen müssen sie schon selbst backen ;-) 'Connecting Cultures' ist meine Aufgabe. 'Helfe um geholfen zu werden' ist mein Motto.
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