Der Hund in mir

Ich bin in Madurai, Indien. Im Dezember ist es in Indien angenehm warm, heute aber ist es mit 340 C sehr heiß. Es ist laut hier, ich sitze inmitten von freundlichen, entspannten Menschen aus Asien, Europa und wer weiß von wo auch immer, die sich erheitert und angeregt unterhalten. Sie alle sitzen an einem langen Tisch auf der Terrasse unter freiem Himmel, umgeben von Bergen, Bäumen und voller Natur. Es wird Reis, Gemüse, Salat, kleine Pizzen und Käse serviert auf Tellern aus Glas. Eine angenehme Brise weht einem um das Gesicht und die bunten sanften Lichter vermitteln eine schöne Atmosphäre.

An meinem rechten Fuß verspüre ich Wärme, wie aus einer Wärmeflasche, die in eine Wolldecke gehüllt ist. Es ist irgendwie seltsam, meine Konzentration ist nun getrübt mit dieser Wärme, es grenzt an Hitze. Ich schwenke meinen Kopf und sehe unter dem Tisch den beigefarbenen Hund. Plötzlich ist meine Konzentration voll durch den an meinem Fuße liegenden Hund beansprucht. Wird er mich beißen, wenn ich meinen rechten Fuß von ihm wegziehe oder laut bellen?

Bloß nicht, ich will nicht, dass die Leute etwas über meine Ängste erfahren, eigentlich ist es doch ewig lang her, als ein Hund mich biss und ich mit niemandem darüber reden konnte.

Ich erinnere mich an meine Schulzeiten, ich kannte Schleichwege und Abkürzungen, die sonst niemand kannte, so konnte ich schneller am Ziel sein, besonders wenn ich spät dran war. Meine Leute hatten mich gewarnt und das nicht nur einmal, ich solle nicht über die Mauer klettern und über das Grundstück der Nachbarn laufen, um meinen Weg abzukürzen. Von dem blöden Hund hatten sie mir nichts erzählt. Eines Tages kam er aus heiterem Himmel, bellend, wütend, kämpferisch. Dieser kleine Hund sollte vor mir Angst haben, sagte ich mir, vor allem sagt man ja auch, dass bellende Hunde nicht beißen. Dieser Beller wusste davon bestimmt nichts und biss mich ins Bein. Wütend holte ich ein paar Steine und warf nach ihm. Er lief weg und unterhalb meiner kurzen Hose sah ich eine kleine Bisswunde. Es tat auch nicht sehr weh.

Ich erinnerte mich, wie ein Klassenkamerad von mir, auf einen Kaktus am Straßenrand zeigend sagte: >>Wenn du das dicke grüne Blatt abreißt, dann fließt eine milchige Flüssigkeit heraus und sie hat heilende Wirkung auf Stichwunden.<< Vielleicht wirkt es auch auf Hundebisse, dachte ich und schmierte die milchige Flüssigkeit auf die Wunde. Am Abend schwoll die Wunde an und es tat weh, aber ich sagte niemandem etwas. Am nächsten Tag dachte ich, auch wenn ich Fieber habe, laufen kann ich ja, also kann es nichts Schlimmes sein. Aber das Fahrradfahren fiel mir schwer. Am dritten Tag berichtete ich meinem Beraterfreund von dem Vorfall und dass das milchige Heilmittel nicht sehr wirke. Was er daraufhin antwortete, ließ Alarmglocken in meinem Kopf schrillen.

>>Was macht der Hund?<< wollte er wissen. >>Wenn er krank und womöglich gestorben ist von dem Gift deines Blutes, dann wird die Seele vom Hund auf dich übertragen.<<    >>Du wirst es merken, wenn Du verspürst, zu bellen<< ergänzte er.

>>Wie bitte, ich werde ein Hund?<<

>>Nein, Du wirst ein Mensch und ein Hund in einer Person.<<

An den darauffolgenden Tagen beobachtete ich mich intensiv im Spiegel und achtete auf jedes Geräusch, das ich von mir gab. Nach einer Woche sah ich den blöden Hund wieder, kunterbunter bellend und wachend über seinen Hof.

Aber vor Hunden habe ich noch heute Angst oder sagen wir mal, Bedenken. Streicheln tue ich sie sowieso nicht. Die Hunde können ja Flöhe haben, nicht wahr?

Der Hund an meinem rechten Fuß bewegt sich und ich bin nicht mehr im direkten körperlichen Kontakt mit ihm. Die schöne kühle Brise von den Bergen nebenan beruhigt mich.

Genau in diesem Moment kommt ein junger Hund in Begleitung einer Familie und es beginnt eine Tortur in Form von lautem Bellen und Heulen zweier Hunde, die jeweils ihre Herrschaften beschützen wollen. Ein dritter schwarzer Hund des Resorts gesellt sich dazu und ein Konzert voll mit unerträglichem Lärm breitet sich aus. Ich bin wie gelähmt, bis sich die Hunde nach und nach beruhigen und eine gewisse Ruhe einkehrt.

Als sich die Hunde ganz beruhigt haben, kommt mein Hund zu mir zurück und macht es sich an meinem Fuß gemütlich.

Über suresh

Ich bin Inder und deutscher Staatsbürger. Als patriotischer Weltbürger pendele ich zwischen beiden Heimaten und fühle mich dabei sehr wohl. Ich versuche, in beiden Welten mein Zuhause zu finden. Mit Wahrem und Erlebtem aus meinem Leben schreibe ich Geschichten in „Migranten-Deutsch“. In reinem, ganz fehlerfreiem Deutsch zu schreiben, habe ich noch nicht gelernt, es fällt mir schwer. Mein Ziel ist aber, mit unterhaltsamen Erzählungen zur interkulturellen Völkerverständigung beizutragen, auch um Missverständnisse möglichst auszuräumen. Wenn ich dadurch bei den Lesern Friede und Freude erzeugen kann, dann bin ich zufrieden. Die Eierkuchen müssen sie schon selbst backen ;-) 'Connecting Cultures' ist meine Aufgabe. 'Helfe um geholfen zu werden' ist mein Motto.
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