Das wahre Ich habe ich heut erst gesehen…

Thiruvananthapuram ist die Hauptstadt Keralas, der bekannteste Bundesstaat an der Südwestküste Indiens. Bis auf eine kleine Minderheit von 1,3% der Bevölkerung können alle in ihrer Muttersprache MalaYalaM lesen und schreiben. Bewusst habe ich die Buchstaben M und Y groß geschrieben, um zu zeigen, dass man dieses Wort von vorwärts und rückwärts richtig schreiben und lesen kann. Solche Wörter nennt man Palindrom (zum Beispiel Lagerregal oder Ein Esel lese nie).

Meine Muttersprache ist Tamil, eine südindische Sprache, von der Volksgruppe der Draviden gesprochen. Sie ist die älteste lebendige Sprache der Welt. Meine Vatersprache ist Malayalam, eine Mischung aus Tamil und Sanskrit. Sanskrit ist wie Latein und wird von Akademikern und im Bereich der Religion verwendet. Die anderen südindischen Sprachen, Kannaries und Telugu sind ähnlich wie Malayalam, beim Ursprung aus dem Tamilischen werden aber andere Wörter und eine andere Betonung verwendet. Malayalam ist meiner Ansicht nach die schönste Sprache, die nasal klingt und einen enormen Reichtum an Vokabular hat. Man kann sich mit der Malayalam Sprache sehr präzise ausdrücken.

In der Schule hatte uns unsere englische Lehrerin als Hausaufgabe aufgetragen, ein Satzpalindrom zu finden. Als ich meinen Vater um Hilfe bat, kam spontan die Antwort ABLE WAS I ERE I SAW ELBA. Mein Vater stellte mir nun die Frage, was dieser Satz bedeutet und wer ihn gesagt haben könnte. Nach meinem Stillschweigen und nichtssagendem Blick klärte er mich auf: Angeblich habe der patriotische Franzose Napoleon diesen Satz nach seiner Niederlage auf Elba gesagt!

Heute nach einem halben Jahrhundert möchte ich wissen, ob ich jetzt die Hausaufgabe von damals bewältigen kann und fordere mich auf, einen Palindromsatz zu bilden. Nachdem es mir weder in der deutschen noch in der englischen Sprache gelingt, versuche ich, es in meiner Muttersprache zu kreieren und nach einer Weile scheitere ich auch damit kläglich.

Nun muss ein Gedicht her als Ausgleich, sage ich streng zu mir und mache mich ans Werk. Da erinnere ich mich an das Gespräch mit dem Verkäufer im hoteleigenen Souvenirladen. Dieser hat exklusive Sachen in ausgezeichneter Qualität. Ein handgemaltes Bild auf handgeschöpftem Papier, Armreifen in feinster Handarbeit, Ketten und Ohrringe aus Kokosnussschalen, Halsketten nach dem Design aus der Travancore-Dynastie usw. Alles sehr schön und sehr teuer. Ein Kosmetikspielgel mit bronzenem Rahmen fesselte meine Aufmerksamkeit. Er war sehr schön verarbeitet und ich wollte ihn in die Hand nehmen, der Verkäufer war jedoch schneller und putzte die Griffe sorgfältig mit einem weichen Tuch aus Baumwolle. Ich dachte, er würde ihn mir gleich überreichen, nein, er hielt ihn vor mein Gesicht und der Spiegel zeigte mein Gesicht sehr deutlich, die Reflektion aber gedämpft, als ob es die Lichtquelle einer Öllampe wäre. Es war sonderbar, aber es zeigte ein klares Bild. Der Verkäufer sagte mir ehrfürchtig: It is made of Metal, Sir.

Auf meinen fragenden Blick hin ergänzte er:  Only few families in Kerala can produce them and you can get them only here in Kerala. These kind of Mirrors were developed before Glas was invented.

bronze mirror1 300x85 Das wahre Ich habe ich heut erst gesehen…

Der Verkäufer erwartete ein anerkennendes Zeichen von mir, aber ich streckte meine Hand aus und vorsichtig übergab er mir den Metallspiegel. Ich schaute in den Spiegel und sah etwas anderes:

Spieglein, Spieglein in der Hand
Wer ist es, der mich anblickt unverwandt?
Was hat er da an seinem Gesicht,
schwarzer Streifen über den Lippen, ich kenne ihn nicht.
Doch, oh Schreck, der bin ich, in eig’ner Gestalt,
bin ich denn wirklich so fett und uralt?
Das ist ein Irrtum, ich fall‘ nicht drauf rein,
ich mag 35 oder 53, aber älter nicht sein.
Der magische Spiegel zeigt mein entsetztes Gesicht,
und sagt mir die Wahrheit, doch sie gefällt mir nicht.
Drum in den Spiegel von damals, liebe Leut‘,
schaut nicht hinein, da ihr es sonst bereut,
denn eines ist jetzt sonnenklar,
dass dieser Spiegel verzaubert war.

Stolz schrieb ich dieses Gedicht
Leider reimte es jedoch manchmal nicht
Da kam eine Fee und reimte es mir zurecht
Andrea sei gedankt für das vollendete Gedicht

Über suresh

Ich bin Inder und deutscher Staatsbürger. Als patriotischer Weltbürger pendele ich zwischen beiden Heimaten und fühle mich dabei sehr wohl. Ich versuche, in beiden Welten mein Zuhause zu finden. Mit Wahrem und Erlebtem aus meinem Leben schreibe ich Geschichten in „Migranten-Deutsch“. In reinem, ganz fehlerfreiem Deutsch zu schreiben, habe ich noch nicht gelernt, es fällt mir schwer. Mein Ziel ist aber, mit unterhaltsamen Erzählungen zur interkulturellen Völkerverständigung beizutragen, auch um Missverständnisse möglichst auszuräumen. Wenn ich dadurch bei den Lesern Friede und Freude erzeugen kann, dann bin ich zufrieden. Die Eierkuchen müssen sie schon selbst backen ;-) Ich denke "Ethik ist eingebaut - Religion ist eingebracht" 'Connecting Cultures' ist meine Aufgabe. 'Helfe um geholfen zu werden' ist mein Motto.
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