Alte Geschichten neu erzählt: Was die Misteln zur Weihnachtszeit bedeuten

Vorbemerkung icon smile Alte Geschichten neu erzählt: Was die Misteln zur Weihnachtszeit bedeuten

Wenn Dinge für Menschen schwer zu erklären sind, dann erzählen sie sich Geschichten, um sie zu begreifen.

Zum St-Barbaratag, dem 4.Dezember, schneidet man “Bärbel”-Zweige von den Obstbäumen, die man auf die Fensterbank stellt, damit sie an Weihnachten blühen. In der katholischen Tradition hat St.Barbara einen Bezug zur Unterwelt, weil sie  nicht nur die Hüterin der Bergleute, sondern auch die Nothelferin der Sterbenden ist. In ihrer eigenen Legende fand sie beim Sterben Trost an dem blühenden Zweig.

Wo das Ritual mit den Zweigen herkommt, weiß man nicht sicher, aber vielleicht besteht eine Verbindung zu den Misteln, die die Druiden früher 6 Tage nach Neumond am Beginn des Winters von den Bäumen geschnitten haben. Über die Bedeutung der Mistel in der europäischen Kultur ist sehr viel geschrieben worden in der Forschung, aber das ist deswegen auch viel zum Lesen und nicht für alle Menschen nachvollziehbar. Wenn Dinge für Menschen schwer zu erklären sind, dann erzählen sie sich Geschichten, um sie zu begreifen. Also wollte ich das, was ich im Studium so alles gehört habe, in eine Geschichte verpacken. Entstanden ist dabei dieser lange Beitrag über die Mistelsage.

Ich habe dazu die nordische Sage von Baldur und Hermodr neu verfasst, indem ich sie mit deutschen Sagen aus der Antike und Oberschwaben verbunden habe (vor allem Äneas und Urschel). In diesen Sagen geht es um Unterweltreisen und Erlösungen, so wie auch schon bei Orpheus und Eurydike. Ursprünglich wollte ich auch die Barbara einbauen, die Heermut den Zweig für die Unterweltreise gibt, aber das erschien mir dann zuviel. Die isländischen Namen habe ich alle ins Deutsche übertragen. Zum Teil habe ich die Namen auch ausgetauscht, da zum Beispiel “Frau Holle” im europäischen (germanischen) Sprachgebiet nördlich der Stadt Kassel “Freke/Fricke/Frigga” heißt. In Norwegen nennt man sie zwar auch als Hullefrau, aber nur in den volkstümlichen Sagen, nicht in dem Gedicht, das ich verwendet habe.

 (Die Bilder dieses Beitrags sind von www.voenix.de, einem Ludwigsburger Künstler, der aber mittlerweile nicht mehr hier lebt, sondern in Hessen. Besuchen Sie seine Seite, er ist ein sehr kreativer und spiritueller Mensch.)

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Mistelsaga – gesprochen von Felix Walz

 

In diesem isländischen Gedicht vor 1000 Jahren wird erzählt, dass Baldag, der Sohn der Frau Holle, das schönste Wesen im Himmel gewesen sei. Doch Baldag plagten böse Träume über sein Ende. Frau Holle ließ daher alle Dinge des Himmels und der Erde, nämlich Feuer und Wasser, Eisen und alle Erze, Steine und Erde, Bäume, Krankheiten und Gifte, und alle vierfüßigen There, Vögel und Würmer schwören, dass sie ihm nicht schaden sollten. Doch die Mistel, die auf den Bäumen wuchs, war weder ein Ding des Himmels und der Erde, nicht Feuer, nicht Wasser, nicht Eisen, nicht Erz, nicht Stein, nicht Erde, nicht Baum, nicht Krankheit, nicht Gift, kein vierfüßiges Tier, kein Vogel und kein Wurm. So kam es, dass die Narren sie nahmen, auf Baldag warfen und dieser in die Hölle kam. Man sagt, dass er am alten Winterbeginn (das ist der 16.Oktober) an einem Vollmond auf seinem Schiff verbrannt wurde.

 Alte Geschichten neu erzählt: Was die Misteln zur Weihnachtszeit bedeuten

Bild von Voenix (Copyright & Quelle: www.voenix.de)

Als Baldag gestorben und in die Hölle gegangen war, wurde die Welt finster. Ohne Baldag sank die Sonne immer und immer tiefer, und neigte sich, als der letzte Neumond des Jahres nahte, dem tiefsten Punkt zu.

Aber da war ein Bruder von Baldag, der so viel Mut hatte wie ein ganzes Kriegsherr, und darum hieß er Heermut. Der sagte: „Mein Bruder ist in der Hölle, aber ich folge ihm dorthin und hole ihn zurück. Baldag ist das Licht und die Schönheit dieser Welt, und das darf nicht sterben. Doch ich brauche etwas, das so hell ist, dass es selbst die Dunkelheit der Hölle erleuchtet.“

Da sah Heermut den Zweig, der Baldag getötet hatte. Er war nicht grün und frisch, wie die Misteln auf den Bäumen, sondern verwelkt und dewegen golden geworden. Heermut nahm ihn und dachte sich: „Dieses unscheinbare, kleine Ding hat das Licht der Welt zum Erlöschen gebracht. Es wird also auch die Finsternis dieser Welt zum Leuchten bringen.“

Heermut ging den Hellweg (den Weg zur Hölle) entlang, für 9 Tage und 9 Nächte, zu den Pforten der Hölle, als nach 3 Tagen der Neumond begann. Es war der Wendemond, der im römischen Kalender Dezember heißt, und an dem sich alles in der Welt wendet. Und Heermut wollte es nun zum Guten wenden. Der Durchgang zum Reich des Todes befand sich an einer Steinbrücke, wie ein Lied erzählt:

Es führt über den Main
Eine Brücke aus Stein.
Wer darüber will gehn
Muss im Tanze sich drehn.

 

Heermut tanzte auf der Brücke den wilden Stampftanz, den Frau Holle ihm beigebracht hatte, und berührte die Brücke mit dem Mistelzweig. Sofort färbte die Brücke sich golden und Heermut war in der Hölle. Da trat ihm eine Walküre entgegen, die Mutkampf hieß, weil man viel Mut brauchte, um mit ihr zu kämpfen. Den Mut hatte Heermut allerdings.

Mutkampf hielt Heermut ihn an und sprach zu ihm: „Gestern sind fünf Heere toter Männer über die Brücke geritten, und jetzt donnert sie genauso stark unter dir allein. Doch du hast nicht die Farbe, die tote Männer tragen: warum reitest du den Hellweg?“

Da sprach Heermut: „Ich soll zur Hölle reiten, Baldag zu suchen.“ Da sagte sie: „Nördlich geht der Weg hinab zum Saal, da wirst du deinen Bruder finden. Aber hör vorher diese Verse, die ich dir sage:

Thökk muß weinen mit trocknen Augen
Über Baldrs Ende.
Nicht im Leben noch im Tod hatt ich Nutzen von ihm:
Behalte die Hölle was sie hat.

So fängt man seine Reue an.
Man möchte morgen wieder dran,
Dem Narrenseil noch mehr nachhängen;
Zum Osterspiel wir alle drängen.

Just war ein neugebautes Nest,
Der erste Bewohner sollt es taufen.
Aber wie fängt er’s an? er lässt
Weislich den Pudel voran erst laufen.

 

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Heermut vor den Toren der Hölle. Alte Illustration aus Island. Quelle: Wikipedia.

Heermut nickte und folgte dem Pfad nordwärts in die Tiefen der Hölle, wo ihm der Goldene Zweig der Mistel den Weg leuchtete. Doch da kam er an ein Tor, vor dem eine Frau auf ihn wartete. Eine furchterregende Erscheinung war sie, mit einer langen Sense in der einen und einem Besen in der anderen Hand, und die eine Hälfte ihres Gesichtes war frisch und schön, die andere aber verwest und hässlich, und die schwarzen Haare wurden dort zu Schlangen. Heermut wusste, dass das die Herrin der Hölle war, und jeder zu Stein wurde, der sie küsste. Aber küssen musste er sie, um weiterzukommen.

Da dachte sich Heermut: „Dieser Mistelzweig konnte den unbesiegbaren Baldag töten, also wird er mich auch vor dem tödlichen Kuss der Hölle beschützen.“ Und so küsste er die schreckliche Fee und hielt den Zweig darüber. Als die Frau merkte, dass er im Moment dieses Kusses unsterblich war, fragte sie ihn, was er wollte. „Ich komme um meinen Bruder, den herrlichen Baldag, von dir zurückzuholen.“ Die Herrin der Hölle aber wollte Baldag nur herausgeben, wenn alle Lebewesen der Erde um ihn weinen würden.

Das erfuhren die Asen im Himmel und schickten Boten in alle Ecken der Welt, und tatsächlich weinten alle Lebewesen um Baldag. Nur eine Riesin weinte nicht, und da verstand Heermut das erste Gedicht: Diese Riesenfrau Thökk war ein Wesen der Freude, und ihre Riesen-Freude war so groß, dass sie um die Schönheit dieser Welt nicht zu trauern brauchte. Sie suchte immer nur die eigene Freude ohne Mitgefühl und ließ Baldag in der Hölle bleiben, denn das Schicksal der Welt war ihr egal, und so blieb die Welt dunkel. Denn das bedeutete ihr Name: Zugleich “Freude” und “Dunkelheit”.

So schritt Heermut durch das Tor tiefer in die Hölle und kam nach wieder 3 Nächten an ein zweites Tor. Über diesem Tor hing ein großer Stein an einem Seil. Heermut erinnerte sich an das zweite Gedicht und wusste sofort, was für ein Faden das war: Das war ein Narrenseil, das die Narren gesponnen hatten. Denn das Schicksal besteht aus gesponnenen Seilen, und darin sind die Steine der Zeit gewickelt, die eines Tages auf jeden Menschen fallen und ihm das Leben nehmen. Aber die Seile der Narren konnten das Schicksal und den Tod der Menschen nicht aufhalten, egal, wie dick sie waren. Und genauso wenig konnte er das Schicksal beeinflussen und seinen Bruder zurückholen.

Da dachte sich Heermut: „Dieser Mistelzweig konnte den unbesiegbaren Baldag töten, also wird er auch diesen Stein der Zeit stützen können.“ Und so ging er durch das Tor und hielt den Zweig über seinen Kopf. Und das Seil riss, und der Stein fiel auf den Mistelzweig und tat Heermut keinen Schaden.

So ging Heermut weiter durch die Hölle, und nach 3 Nächten kam er an das dritte Tor. Das wurde von einem Hund bewacht, der feurige Augen und ein schwarzes Fell hatte. Jetzt begriff Heermut das dritte Gedicht und sagte zu dem Pudel: „Ich weiß, wer du bist. Du bist der, der den Tod meines Bruders verursacht hat, und wo man sicher in ein Haus kommen willst, da schickt man dein Tier seit alten Zeiten immer voraus. Natürlich muss ich dich Teufel in diesen Tiefen treffen.“

Da dachte sich Heermut: „Dieser Mistelzweig konnte den unbesiegbaren Baldag töten, also wird er auch den Unruhestifter zur Vernunft bringen.“ Und er hielt den Zweig gegen den Pudel. Der öffnete das Maul, um nach dem Zweig zu schnappen, aber dabei fiel ihm ein Schlüssel heraus. Heermut hob den Schlüssel auf und ließ den Zweig im Maul des Pudels. Er schloss das Tor damit auf und trat in den Saal, wo er seinen Bruder Baldag am Ehrenplatz sitzen sah.

 Alte Geschichten neu erzählt: Was die Misteln zur Weihnachtszeit bedeuten

Der lebendige Baldur. Quelle & Copyright: www.voenix.de

Die Brüder umarmten sich und Heermut sprach zu Baldag: „Bruder, ich bin tief in die Hölle zu dir gestiegen und habe die Gefühle überwunden, ich habe die Zeit überwunden, und ich habe die Feindschaft überwunden. Aber das Urlag (die Gesetze dieser Welt) erlaubt es nicht, dass ich dich wieder zurück in den Himmel hole. Was sollen wir tun?“

Da sagte Baldag zu ihm: „Als ich starb, gab mir unser Vater, der große Gott, diesen Ring mit in das Grab. Der Ring heißt Tröpfler, und er heißt so, weil er alle 9 Nächte zu 9 neuen Ringen wird. Ich brauche ihn hier unten nicht mehr, aber du sollst ihn wieder zu den Asen bringen. Denn so, wie sich der Ring immer wieder erneuert, so werde ich, der mit diesem Ring in die Unterwelt gekommen ist, bei meiner Rückkehr die Welt auch wieder erneuern, und das Licht und die Schönheit werden zurückkehren. Solange die Welt in der kalten und dunklen Zeit ist, soll einzig die Mistel blühen und Früchte tragen, da ich ihr mein Leben schenke, das jetzt in der Unterwelt bewahrt ist. Und damit wird euch die Mistel über eure Gefühle erheben, durch die Wende der Zeiten bringen und alle Feindschaft ruhen lassen.

So blieb Heermut noch eine Nacht bei Baldag, und als damit die 9 Tage vorbeiwaren, stieg er wieder hinauf in den Himmel und brachte den Ring zurück zum Gottesthron. Seitdem schneiden die Druiden die heilige Mistel am Beginn des Wendemonds, der der Dezember im römischen Kalender ist, damit sie den Menschen Glück bringt, den Jahrwechsel überdauert, und Frieden auf der Welt schafft. Das macht das Geschenk dieses Ringes, der wie der Ring der Zeiten sich immer wieder schließt und die Welt sich weiterdrehen lässt. So singen sie dann zur Weihnachtszeit:

Über dem Feuer baumeln die Zweige
Der leuchtenden Stechpalme, die heute nacht Königin ist;
Rot sind die Beeren, grün die Stacheln,
Und die heilige Mistel leuchtet weiß.

Weiß ist ihr Gewand, und weiß sind ihre Beeren,
weiß ist das Opfer, das man für sie gibt
und weiß ist der Schnee, den Frau Holle schenkt aus den Wolken des Himmels.

Ich war Wurzel, bin der Apfelbaum, werde sein Mistel,
Ich war die Fessel, bin die Freiheit, werde sein Verbundenheit.

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Zum Inhalt:

  • Die Asen: Namen himmlischer Wesen, die den christlichen Engeln oder den indischen Devas entsprechen und in der Zeit vor dem Christentum als Götter verehrt wurden

  • Die Narren: „Narren“ sind nicht nur lustig, sondern haben auch immer etwas mit den schlechten Seiten des Lebens wie Gier, Dummheit und Tod zu tun. Baldag wurde in verschiedenen Varianten der Sage entweder von Wodan, Hader oder Loki getötet. Ich möchte mich in dieser Version auf nichts davon festlegen, aber diese drei Asen haben alle mit den volkstümlichen Vorstellungen der „Narren“ zu tun. So führt Wodan als „Wilder Jäger“ auch das Narrentreiben an, Hader schießt blind ins Leere und richtet damit Verderben an, und Loki verdreht Dinge und spielt böse Streiche. Loki wird manchmal auch mit dem christlichen Teufel verglichen, genauso wie der jüdische Dämon Mephisto, der in Goethes „Faust“ in Pudelgestalt auftritt. Der Pudel ist sonst in den deutschen Sagen entweder Wächter oder Begleiter, aber immer mit Gefahr verbunden

  • Hermodr (Heermut), Modgudr (Mutkampf), Hel (Hölle), Thökk (Freude/Dunkelheit) und Draupnir (Tröpfler) sind die Original-Namen in der nordischen Sage aus Island

In der nordischen Sage reitet Hermodr einfach nur auf dem göttlichen Pferd 9 Tage und 9 Nächte in die Hölle, verhandelt dort mit Hel, und als Thökk sich weigert zu weinen, nimmt er von Baldur den Ring entgegen. Die Motive die hier zu der nordischen Sage hinzukommen erklären die Bedeutung der Mistel in der Winterzeit. Die Deutungen der Namen und der Mistelbräuche, die hier zugrunde liegen, habe ich aus der Literatur von George Frazer (“The Golden Bough / Der Goldene Zweig”), Rudolf Simek und Voenix entnommen. Von Voenix sind auch die meisten der Bilder gezeichnet.

Die 4-zeiligen Gedichte sind entnommen aus:

- Völuspa (Lieder-Edda, Island, Mittelalter)

- Tanz über die Brücke (Volkslied, Deutschland)

- Gylfaginning (Prosa-Edda, Island Mittelalter)

- Wallenstein (Deutschland, Mittelalter)

- Narrenschiff (Sebastian Brandt, Mittelalter)

- Keltisches Weihnachts-Lied von Amergin aus Irland (etwa 1000 Jahre alt), mit einem deutschen Zusatzgedicht und einer Druiden-Meditation von Masacholas

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