Seltsame Begegnungen

Ein gütiges Geschick ließ mich in den Nachkriegsjahren im amerikanisch besetzten Sektor Deutschlands zur Welt kommen. Man muss wissen, dass Deutschland unter der Herrschaft der Nazis versucht hatte, sich die Welt mit Mord und Terror untertan zu machen. Zum Glück gingen die Pläne der Nazis nicht auf und Deutschland wurde 1945 von den Alliierten Frankreich, Großbritannien, USA und der Sowjetunion besiegt. Sie teilten das Land in vier Besatzungszonen auf und ich hatte das Glück, in die amerikanische Besatzungszone geboren zu werden. Denn die Amerikaner wollten sich nicht an der deutschen Bevölkerung rächen, sondern sie zu freedom and democracy erziehen.

Ich muss in der ersten oder zweiten Grundschulklasse gewesen sein, als mein älterer Bruder nach Hause kam und aufgeregt verkündete, amerikanische Soldaten seien durch unser Dorf gefahren und hätten ihm einen Kaugummi geschenkt. Ich durfte ihm zuschauen, wie er den Kaugummi kaute. Wenig später sah ich diese fremden Wesen ebenfalls. Männer in olivfarbener Kleidung saßen auf der Pritsche von olivfarbenen Lastwägen und warfen kleine Würfelchen auf die Straße. Die Männer sahen aus wie die Männer in unserem Dorf, außer dass manche eine dunkelbraune Haut, schwarze Haare und sehr weiße Zähne hatten. Wir Kinder rannten den Lastwägen hinterher, um so ein Würfelchen zu ergattern. Sie waren in Papier eingepackte süße, aber zähe und fade Teile, die ich schnell wieder ausspuckte – sie verloren schnell ihren Reiz. Nicht so aber die fremden Männer mit der eigenartigen Kleidung. Sie hielten meine Neugier wach, aber Kontakt zu ihnen bekamen wir nicht. Dafür sorgten die Chefs der fremden Männer und unsere Eltern. Die Fremden schienen gefährlich zu sein, warum, erfuhren wir nicht.

Mein älterer Bruder ging aufs Gymnasium und lernte Englisch. Ich wollte auch Englisch lernen und fragte ihn, wie deutsche Wörter auf Englisch heißen. Was heißt Himmel auf Englisch, wollte ich wissen, oder Wolken. Er wusste es nicht. „Diese Wörter haben wir noch nicht gelernt“, antwortete er. Meine Bewunderung für meinen älteren Bruder nahm deutlich ab. „Ja, habt ihr denn das englische Alphabet noch nicht gelernt?“, hakte ich nach. „Doch, haben wir“, antwortete er. „Dann musst du doch auch wissen, was Himmel auf Englisch heißt“, beharrte ich auf meiner Vorstellung, mit dem Alphabet der Fremdsprache kenne man automatisch auch die Bedeutung der Wörter. Schließlich hatte ich Lesen und Schreiben gelernt, indem ich das Alphabet gelernt hatte. So musste das doch auch mit einer Fremdsprache funktionieren. Dass mein Bruder dieses Prinzip nicht begriffen hatte, ließ mich doch sehr an seiner Überlegenheit zweifeln. Ab diesem Augenblick hielt ich ihn insgeheim für ein bisschen dumm, behielt dies aber wohlweislich für mich. Immerhin war er zwei Jahre älter und erheblich stärker als ich.

Einige Jahre später fuhren wir zum ersten Mal nach Italien. Auf der langen Autofahrt eigneten mein Bruder und ich uns einige Wörter und Sätze auf Italienisch an. Mein Bruder hatte natürlich wieder einen Vorsprung, weil er inzwischen Latein lernte und ihm dadurch viele italienische Wörter vertraut waren. Als wir einmal in den Supermarkt einkaufen gingen, suchte meine Mutter ihm Kühlregal nach Quark, fand aber keinen. Mein Bruder hatte dieses Wort im Lateinunterricht bedauerlicherweise nicht gelernt und fand es im Sprachführer auch nicht. Schließlich fanden wir im Kühlregal doch etwas, das ähnlich wie Quark aussah, „Burrosa“ stand auf dem Etikett. Burrosa kommt sicher von Burro, das heißt Butter auf Italienisch, warf mein älterer Bruder fachmännisch ein. Also kauften wir ein Kilo Burrosa. Auf dem Campingplatz mühte sich meine Mutter ab, aus Burrosa Quark zu machen. Es gelang ihr nicht. Da in unserer Familie die eiserne Regel galt „Gegessen wird, was auf den Tisch kommt“, würgten wir ein paar Gabeln Burrosa hinunter, bis mein Vater den erlösenden Satz sprach: „Essen wir doch lieber Butter zu den Kartoffeln!“ Burrosa fand sein Ende im Mülleimer und behielt sein Geheimnis für sich. Für immer. Wer auch immer aus unserer Familie eine Italienerin nach der richtigen Zubereitung von Burrosa fragte, erntete nur Stirnrunzeln und fragende Blicke. „Burrosa? Noch nie gehört, geschweige denn gegessen.“ Im Laufe der Zeit erschien es uns, als ob eine Geisterhand ein einziges Kilo Burrosa in das Kühlregal des Supermarkts von Jessolo gelegt hätte, um uns etwas Fremdes für immer fremd bleiben zu lassen.

Inzwischen hatte ich neben Englisch meine ersten Lektionen in Französisch gelernt, hatte durch den Fremdsprachenunterricht meine Theorie über das Lernen von fremden Sprachen revidiert, lernte eifrig englische und französische Wörter und freute mich am Enträtseln der fremden Klänge und Ausdrucksweisen. 1963 fuhren wir nach Kroatien in Urlaub.

Hier trafen wir auf die ersten leibhaftigen Engländer. Zum Glück hatten sie Kinder in unserem Alter. Wir hielten täglich Ausschau nach ihnen, um mit ihnen in Kontakt zu kommen und unsere Englischkenntnisse anwenden zu kennen. Endlich kamen sie uns entgegen, als wir vom Strand zurückkamen. „How are you?“ sprachen wir im Chor, denn mein Bruder und ich hatten tagelang darüber diskutiert, was die angemessene Begrüßung sei. Sie rissen jeder einen Arm in die Höhe und brüllten „Heil Hitler!“. Wir hatten das Gefühl, rechts und links eine Ohrfeige bekommen zu haben und starrten sie entgeistert an. An unserem Auto, einem Borgward Isabella, steckte keine Hakenkreuzfahne und sie konnten schließlich nicht wissen, dass mein Vater bei der SS gewesen war und noch immer an die „Weltverschwörung des Finanzjudentums“ glaubte. Wie kamen sie also auf die Idee, uns mit dem Hitlergruß zu begrüßen? Nur weil wir Deutsche waren? Oder weil wir Deutsche waren und ein Auto fuhren, das vor deutscher Wertarbeit nur so strotze, während sie als Angehörige der Siegermächte mit einem klapprigen Bus und einem schäbigen Zelt ausgestattet waren?

Nachdem sich meine Schockstarre gelöst hatte, überlegte ich noch Weile, ob ich mich rächen und ihnen eine gehässige Bemerkung zu ihrem glorreichen Minister Profumo an ihre gemeinen englischen Köpfe werfen sollte. Profumo, Kriegsminister im britischen Kabinett, war groß in den deutschen Illustrierten mit dem hübschen Callgirl Christine Keeler abgebildet gewesen, die sowohl mit ihm als auch mit einem sowjetischen Spion eine Affäre hatte. Schließlich gab ich alle Rachepläne auf. Zum Einen, weil mir diese Affäre herzlich egal war und zum Anderen, weil Profumo nicht mit Hitler und dem Naziterror vergleichbar war. Schließlich hatte Profumo nur seine Frau betrogen und war vielleicht eine Weile von einem Callgirl ausgehorcht worden, aber er hatte keinen Weltkrieg begonnen und er hatte nicht sechs Millionen Juden umbringen lassen. Ich fühlte mich also nicht berechtigt, die englischen Kinder mit Verfehlungen des britischen Kriegsministers zu beleidigen. Sie konnten so wenig für die peinliche Affäre eines Ministers ihres Landes wie ich, die nach dem Krieg geboren war, für die Verbrechen des Naziregimes. Von weiteren Versuchen, unsere Englischkenntnisse durch die Kommunikation mit Muttersprachlern zu verbessern, nahmen wir allerdings Abstand, denn sie waren die einzigen auf dem Campingplatz. Wir wandten uns den jungen Kroaten zu, die uns anstrahlten, wenn wir uns zufällig trafen, die uns an ihr Lagerfeuer einluden und mit denen wir im Meer schwammen. Wir radebrechten deutsch-englischfranzösisch-kroatisch miteinander und wir verstanden einander. Was wir nicht verstanden, war nicht wichtig. Wir sprachen die Sprache des Herzens und deren Worte muss man nicht lernen.

Über Regina Boger

Ich liebe den komischen Blick auf die Welt. Dadurch wird das Drama des Lebens keine Tragödie, sondern eine Komödie. Geschichten, die das Leben schreibt, sind oft aberwitziger, verrückter,abenteuerlcher und manchmal auch komischer als Fiktionen. Die eine Hälfte meines beruflchen Lebens verbrachte ich als Lehrerin, die andere als Beraterin für Schulentwicklung und als Theaterpädagogin. Alles, was wächst und Früchte trägt, macht mich glücklich, von Tomaten bis zu Theatergruppen.
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2 Antworten auf Seltsame Begegnungen

  1. DiHa sagt:

    Mir geht es gerade wie Irina mit meinem “Kleinen Mozart”: Durch deine Geschichte werden so viele Erinnerungen wach, Geschehnisse, Erlebnisse, Vorkommnisse, die alle ähnlich sind. Lauter kleine Kinder, die in meinem Kopf herumspringen, tanzen und singen: “Das kenn’ ich, das kenn’ ich!”
    Wobei ich eine kleine Geschichte (Erinnerung) besonders nett finde:
    Wir waren das erste Mal in Ungarn in Urlaub. die ältere meiner Töchter hatte erst kurz Englisch-Unterricht, konnte also noch nicht sehr viel. Sie erregte die Aufmerksamkeit eines jungen Ungarn, der sie ansprach und sie radebrechten auf deutsch, englisch und “körpersprachisch”. Schließlich meinte er: “I’m Hungary,” mehr Englisch als sie konnte er wahrscheinlich auch nicht. Sie “verstand” ihn aber sofort und entgegnete -ganz mechanisch- auf Deutsch: “Nein, ich habe noch keinen Hunger.”
    Geschichten erzählen ist also ganz wunderbar, weil es anregend ist und eine Flut neuer Geschichten hervorzaubern kann.

    Liebe Grüße,
    Dietlinde

  2. akrizano sagt:

    Wie gesagt, liebe Regina, ist jeder Paragraph deiner Geschichte wunderbar und eine eigene Geschichte wert. :-)

    Andelka

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