Die Gabe, pendeln zu können

von Dietlinde Hachmann

Noch vor wenigen Tagen haben wir uns nicht gekannt, diese fröhliche Truppe laut kichernder, durcheinander erzählender, von der üblichen Last der täglichen Arbeit befreiter, losgelöster Frauen. Wir sitzen im Zug nach Köln und haben für die im Eiltempo an uns vorbeirasenden Landschaften kaum einen Blick übrig. Es scheint, als würde jede von uns die Zeit nutzen, um sich einmal wieder ohne Mann und Kind ganz frei zu fühlen, ohne Verantwortung für einen anderen, nur für sich selbst da zu sein. Was für ein Gefühl! Was für eine Leichtigkeit und Freiheit!

Manche Mitreisende hatten sich anfangs nicht sehr über diese laute, lachende Gruppe gefreut, aber sie merkten schnell, dass wir nicht etwa alkoholisiert sondern einfach nur gut aufgelegte Frauen waren, die etwas Besonderes vorhatten.

Mitunter kamen sogar etwas ernstere Gespräche auf, wobei die Geräuschkulisse dann gleich erheblich sank. Ich war die Neue unter ihnen, sie wussten nichts von mir und kannten mich so wenig, wie ich sie. So fragten sie mich aus und erfuhren, dass ich erst seit einigen Wochen mit meinem Mann und unserem Kind in unser erstes eigenes Haus gezogen war. Da ich niemanden kannte, bot es sich an, einer Mutter-Kind-Gruppe beizutreten, damit unser Sohn mit anderen Kindern spielen konnte. Schon nach der zweiten Spielstunde wurde mir angeboten, den bereits geplanten Ausflug am Wochenende nach Köln mitzumachen. Die Männer würden sich um die Kinder kümmern, damit die Frauen sich amüsieren konnten. Was für eine schöne, erholsame Vorstellung. Das meinte auch mein Mann und bestärkte mich darin, mitzufahren.

Nun saß ich mit mindestens 10 unbekannten Frauen im Zug und war berauscht von vielen Eindrücken, die ich lange nicht mehr gehabt hatte, weil mich unser eineinhalbjähriger Sohn seit seiner Geburt vorangig mit Beschlag belegt hatte. Wir plapperten und kamen dabei von einem Thema aufs andere.

Wie es schließlich dazu kam, dass ich davon erzählte, ich würde die „Gabe“ besitzen, jede Frau auszupendeln und wüsste anschließend, wie viele Kinder sie haben würde, gehabt hatte und welchem Geschlecht diese angehörten, kann ich nicht mehr sagen. Zuerst hörten alle ganz andächtig zu, dann wurde es noch stiller und plötzlich wollten alle wissen, wie ich das denn machen würde und fast jede wollte, dass ich den Beweis auf der Stelle an ihr zelebrieren würde. Ich konnte mich vor lauter ausgestreckten Armen kaum noch wehren und nur die Ansage über die bevorstehende Ankunft im Hauptbahnhof Köln rettete mich davor.

Aufgehoben ist aber nicht aufgeschoben. Als wir am Abend, nachdem wir bereits einiges in Köln gesehen und erlebt hatten, in unser Hotel zurückkehrten, hatte ich den Eindruck, dass sich alle verabredet hatten und mit Gläsern und Sektflaschen bewaffnet an meine Zimmertür klopften. Nun sollte ich beweisen, dass ich sie nicht angeschwindelt hatte.

Vor vielen Jahren hatte ich mir nämlich eigentlich vorgenommen, nie wieder zu pendeln. Eine damalige schwangere Nachbarin, die von meiner „Gabe“ gehört und mich zum Pendeln überredet hatte, sagte ich schließlich voraus, sie würde einem Mädchen das Leben schenken. Zu dieser Zeit war es noch nicht möglich, von ärztlicher Seite eine eindeutige Einschätzung zu erhalten. Sie freute sich sehr über meine Aussage und war noch begeisterter, als es tatsächlich ein Mädchen wurde. Nun wollte sie unbedingt, dass ich auch ihren Mann auspendelte, denn ihr hatte ich prophezeit, nur ein Kind zu bekommen. Ich lehnte das zwar ab, aber sie war so entflammt, dass sie nicht nur ihren Mann dazu überredete, sondern auch mich. Als ich meine Arbeit begann, war es totenstill. Ganz eindeutig stellte ich fest, dass er als erstes Kind einen Jungen bekam und danach ein Mädchen. Seitdem weiß ich, dass ich die Kinder sogar in der richtigen Reihenfolge „erpendele“. Da er diese Tatsache, schon einen Sohn mit einer anderen Frau zu haben, seiner Ehefrau nicht gestanden hatte, hörte ich später, dass dies einer der Gründe für die spätere Trennung gewesen war. Solch ein Auslöser wollte ich nie wieder sein.

Nun wurde ich aber derart von den Frauen bedrängt, dass ich meinen Widerstand nicht aufrecht erhalten konnte. Sonst hätten sie mich anschließend womöglich als Lügnerin, Aufschneiderin oder dergleichen mehr bezeichnet. Also gab ich nach.

Nachdem die ersten drei Frauen ausgependelt waren und ich bei einer sogar das Geschlecht einer Fehlgeburt richtig bestimmt hatte, wurden sie immer vertrauensseliger. Die Namen ihrer Kinder konnte ich mir nicht alle merken, aber ich erfuhr dabei so einiges über ihre Familien. Vor allem dann, wenn ein Kind gestorben war und die Mutter durch das Pendeln daran erinnert wurde.

Während einer kurzen Sekt-Pause nahm mich eine der bereits ausgependelten Frauen zur Seite, bei der ich mich angeblich täuschte, denn ich prophezeite ihr 2 Jungen, während sie jedoch nur einen Sohn hatte. Leise vertraute sie mir an, dass sie erst seit gestern von einer erneuten Schwangerschaft wusste und es noch nicht offiziell bekannt machen wollte. Nicht viel später brachte sie  wirklich einen Jungen zur Welt.

Nicht bei allen Frauen lag ich richtig, aber es waren einige. Besonders habe ich noch eine Frau in Erinnerung, die seit mehr als 12 Jahren auf eine erneute Schwangerschaft hoffte. Ich brauchte sehr lange für meine Feststellung und wollte eigentlich tatsächlich bereits abbrechen, aber das Pendel wollte und wollte nicht aufhören zu schwingen, allerdings gab es darauf kaum einen Hinweis und somit auf ein weiteres Leben. Aber schließlich schwang es aus, erst ganz zart, dann immer mächtiger, bis ich zum Schluss wirklich sagen konnte, da kommt noch ein Junge! Danach kam das Pendel dann wirklich zur Ruhe. Es sollten auch noch einige Jahre ins Land gehen, aber schließlich kam dieser ersehnte Junge endlich gesund zur Welt.

Danach habe ich wirklich, bis heute, nie wieder gependelt. Ich weiß, es ist eine schöne Gabe, aber: wem nützt sie eigentlich?

Über Dietlinde Hachmann

"Du kannst keinen Ozean überqueren, indem du einfach nur aufs Wasser starrst." Diese Worte hat Rabindranath Thakur (Tagore) gesagt. Nach diesen Worten versuche ich, mich zu richten, da ich sie als unbedingt wahr und richtig empfinde. Ansonsten bin ich eine verheiratete Frau mit vier Kindern, die derart viele Hobbies hat, dass ihr -fast- jeder Tag zu kurz ist. ;-)
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4 Antworten auf Die Gabe, pendeln zu können

  1. suresh sagt:

    Das Titelbild mit den Pendeln ist sehr schön gelungen.

    Als ich die Geschichte las, kam es mir vor als ob ich mit im Zug war. Danke dafür.

    Bedingt durch die indische Kultur habe ich einen anderen Bezug zu besonderen Fähigkeiten der Menschen. Sie ist ein Geschenk der Natur aber sie ist auch eine Verpflichtung um andere Menschen zu helfen.

    Mir wurde nie gependelt worden aber ich erfuhr von ‘begabten’ Menschen bereits im Kindesalter einiges über meine Zukunft und es hat mir nicht geschadet, ich empfinde dies als Glück und Geschenk der Natur.

    • Dietlinde Hachmann sagt:

      Auch dir ein herzliches Dankeschön für deinen Kommentar, lieber Suresh.
      Wenn du mit im Zug warst, weißt du sicher noch, ob du dir die Ohren zuhalten musstest…? Nein, Spaß beiseite. Du hast Recht, dass so eine Gabe ein Geschenk der Natur ist. Ein Glück ist so etwas nicht immer, weil sie auch eine Belastung sein kann. Gut ist, wenn man damit richtig umgeht und für gute Zwecke einsetzt.

  2. Regina Boger sagt:

    Liebe Dietlinde,
    am Ende deiner Geschichte stellst du eine wichtige Frage: Wem nützt diese Gabe? Hilft sie ein Problem lösen oder befriedigt sie die Neugier anderer? Welche Folgen hat es, wenn man von Geheimnissen erfährt, die belastend sein können? Muss man alles wissen, was möglich ist? Wenn man mehr sieht als andere, muss man damit sehr verantwortungsvoll umgehen, das hast du sehr eindrucksvoll erzählt.
    Meine Mutter gab einmal in höchster Erregung einen “Spiegel”bericht wieder, dass die Sonne in einer Milliarde Jahre explodieren würde. Damit gäbe es auch kein menschliches Leben mehr auf der Erde. Mein kleiner Sohn saß mit weitaufgerissenen Augen unter dem Tisch und dachte, das Ende der Welt sei nah. Was nützt diese Information? Gar nichts. Sie verbreitete nur Angst und Schrecken.

    • Dietlinde Hachmann sagt:

      Danke, liebe Regina, für deinen Kommentar. Ich glaube, man sollte wirklich sehr genau bedenken, welche Dinge (Gaben) für wen nützlich und bedeutsam sind und entsprechend handeln.
      Dass sich dein Söhnchen damals sehr erschreckt hat, wundert mich nicht. Für so eine Information war er noch gar nicht aufnahmefähig, zumal “1 Milliarde Jahre” für ihn kaum fassbar waren.
      Aber wer macht sich schon Gedanken, wenn man gerade eine unglaubliche Information erhalten hat und sie spontan weitergibt, wer sie hört und wie sie die-oder denjenige(n) belastet?

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