Eine gefühlte vollkommen gefüllte Leere…

Es ist die Zeit, die ich jedes Jahr sehnsüchtig erwarte, die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr.

Die Hektik und Aufregung der Weihnachtszeit ist vorbei. Das ist die Zeit zum Tagträumen, faulenzen, Teetrinken und zum Science Fiction lesen.

Heute ist Sonntag und sehr früh am Morgen. Irgendein verrückter Traum hat mich zu früh geweckt. Ich versuche hartnäckig, mir den Traum ins Gedächtnis zurückzurufen, aber es gelingt mir nicht.

Schwammig kann ich mich nur noch an einen schwach beleuchteten Raum mit Kolonialmöbeln erinnern. Aus irgendeinem Grund muss ich an Sandelholz denken.

Ich sitze gemütlich im warmen Wohnzimmer, schaue aus dem Fenster und genieße die Ruhe. Es hat geschneit, ein verspätetes Weihnachtsgeschenk der Natur.

Ich danke Vayu, dem Gott des Windes und des Donners. Auch Frau Holle aus dem Märchen vergesse ich nicht zu danken für die schöne weiße Pracht, die auf der Terrasse liegt und die Bäume schmückt.

Irgendwo bellt leise klagend ein Hund. Vielleicht ist er einsam oder ihm ist kalt oder erwartet hoffend auf seinen Herren.

Eigentlich ist es längst Zeit fürs Frühstück, aber ich verspüre keinen Hunger. Wie immer an Weihnachten habe ich mich überfuttert.

Das war ein wunderbares Weihnachtsfest bei meiner Tochter und ihrer Familie. Ich denke schmunzelnd an den Weihnachtsbaum-Einkauf mit den Enkelsöhnen, an die musikalische Darbietung meiner drei Töchter und an den Versuch meines Enkels, mit seiner Flöte alles zu übertönen.

Das Chaos in der Küche hätte ich fotografieren sollen und auch den bunt gedeckten Tisch.

Ich denke an den Gänsebraten, der nicht in den Backofen passte;  die Improvisationskunst meines Schwiegersohnes und die Überraschungsgeschenke der Familie…

Ich überlege, wie wir das nächste Fest gestalten könnten und versinke in nachweihnachtlichen Träumen.

Das Brummen meines Handys holt mich schlagartig zurück in die Gegenwart.

Wer ruft mich sonntagmorgens in aller Herrgottsfrühe an, frage ich mich. Das Handy brummt weiter, das Display zeigt ‚unbekannter Anrufer’.

Soll ich oder soll ich nicht?, überlege ich kurz.

Meine Neugierde siegt und ich nehme das Gespräch an.

Kaum habe ich „Hallo“ gesagt, schreit jemand am anderen Ende in die Leitung:

>> Namaskarams Suresh Uncle, how are you? When are you coming? I am flying to Bengaluru but I will arrange for Taxi to pick you up at Airport. I will try to send Arunachalam, he is a good driver. <<
 

Es ist Mohandhas aus Indien, einer der vertrauenswürdigen Verwandten väterlicherseits.

Wie immer spricht er laut, schnell und undeutlich.

Er will wissen, wann ich ankomme. Er gibt mir keine Sekunde Zeit zum Nachdenken und will sofort eine Antwort.

Kaum habe ich ihm die Flugdaten über meine geplante Reise durchgegeben, legt er auf.

Keine Abschiedsworte oder guten Wünsche für die Reise, nein, kurz, bündig und aus. Ich mag ihn, auch seine tüchtige treuherzige Gattin, die mir immer leckere kulinarische Kostbarkeiten vorsetzt, weil ich ja in Deutschland, wie sie meint, nichts Gescheites zu essen bekomme!

Das Handy liegt noch eine kleine Weile in meiner Hand, als ob ich bei meinen Verwandten in Indien noch etwas verweilen wollte. Ich lege das Handy beiseite, nehme instinktiv Yoga-Haltung an und versuche zu meditieren.…

Es gelingt mir nicht, ich denke über dieses und jenes nach und meine Gedanken galoppieren hin und her zwischen Indien und Deutschland…

Ich gebe es auf….

In letzter Zeit ist mein Leben hektischer geworden. Schuld bin ich selbst, vermute ich. Es sind nicht nur die Seminare und Vorträge, an denen ich teilnehme, sondern auch die Reisen und Aktivitäten in meiner Gegend.

Dabei kommt die Familie zu kurz und ich selbst auch. Frustriert überlege ich, was ich ändern kann und sinniere vor mich hin.

Ich lasse meine Gedanken zügellos hin und her wandern und zünde eine Kerze an setze sie vorsichtig ins Teestövchen.

Ich lege getrocknete Tulsiblätter in eine Keramikkanne, fülle sie mit heißem Wasser auf und stelle die große Kanne aufs Stövchen.

Das Tulsi-Aroma, das dem Basilikum sehr ähnlich ist, entfaltet sich langsam.

Ich breche einige Kardamomkapseln auf und lasse sie ins heiße Wasser sinken.

Nach südindischer Denkweise beruhigt Tulsi die Seele, Kardamom regt den Geist an und Wasser lässt die Gedanken fließen.

Das Teelicht wirkt beruhigend. Ich betrachte und bewundere dieses Element der Natur. Das Feuer wirkt nicht bedrohlich, sondern es ist eine leuchtende, sanfte, Flamme… Die hin und her tänzelnde gelbe Flamme trägt meine Gedanken in das Indien der sechziger Jahre zurück…

Eine ähnliche Flamme leuchtete in einer kleinen dunklen Ecke im Andachtsraum meiner Tante in Indien…

Ich sehe meine Tante Sedhuchithi in Gebetshaltung. Sie sitzt auf einem gelben Yoga-Schemel und murmelt etwas vor sich hin.

Mehrere Gebetsutensilien aus Bronze, Silber und Kupfer liegen auf einem kleinen Tisch an der Wand.

Der Duft der Räucherstäbchen aus Sandelholz und die Rauchwölkchen wirken magisch auf mich.

Es ist Dienstag, der Fastentag, sie rezitiert wie so oft das Gayatri Mantra. Ihre sanfte melodiöse Stimme singt immer wieder das Mantra…

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Am Anfang ist die Rezitation sanft, leise und gleichmäßig.

Zunehmend gewinnt ihre Stimme an Klangfestigkeit und Sicherheit.

Sie hat zur Gesichtspflege Kurkumapaste aufgetragen. Das Licht aus der Öllampe lässt ihr Gesicht magisch erstrahlen.

Sehnsucht packt mein Gemüt und ich bin schlagartig wieder in der Gegenwart. Ich will, ich muss das Mantra hören. Leise erfüllt es den Raum mit Klang.

Bilde ich es mir nur ein oder rieche ich wirklich die Sandelholz-Düfte von einem Räucherstäbchen?

Ich schlürfe genüsslich am wohlriechenden Tulsitee mit Kardamom, dessen Aroma mich an die Malabarküste in Südindien erinnert.

Meine Aufmerksamkeit wendet sich wieder der Flamme zu.

Ich sehe, wie die Flamme im Rhythmus der Mantren hin und her flackert. …

Ich spüre innere Ruhe in mir.

Meine Augenlider schließen sich langsam, aber es wird dabei nicht dunkel.

Ich bin da und gleichzeitig bin ich auch auf Reisen irgendwo in fremden Welten, im fernen Weltall, in einer anderen Zeit, in einem anderen Leben.

Mir ist nicht kalt oder warm, es ist einfach behaglich ruhig und angenehm.

Das Teelicht ist inzwischen ausgegangen.

Ich fühle mich völlig leer, losgelöst und entspannt zugleich.

In dieser Leere fühle ich mich voller Glück und Zufriedenheit.

©suresh – zwischen Weihnachten 2014 und Neujahr

(Sprach- und Schreibberatung: Regina Boger, Sandra & Indira Suresh)

OM BHUR BHUVAH SWAH
TAT SAVITUR VARENYAM
BHARGO DEVASYA DHIMAHI
DHIYO YO NAH PRACHODAYAT

Der Ursprung und die Wesensgrundlage des vollständigen Daseins ist das Licht der Sonne aus dem Universum.

Mögen alle Wesen zu höherer Einsicht und Weisheit geführt werden und das erleuchtete Bewusstsein erfahren.

 

 

Über suresh

Ich bin Inder und deutscher Staatsbürger. Als patriotischer Weltbürger pendele ich zwischen beiden Heimaten und fühle mich dabei sehr wohl. Ich versuche, in beiden Welten mein Zuhause zu finden. Mit Wahrem und Erlebtem aus meinem Leben schreibe ich Geschichten in „Migranten-Deutsch“. In reinem, ganz fehlerfreiem Deutsch zu schreiben, habe ich noch nicht gelernt, es fällt mir schwer. Mein Ziel ist aber, mit unterhaltsamen Erzählungen zur interkulturellen Völkerverständigung beizutragen, auch um Missverständnisse möglichst auszuräumen. Wenn ich dadurch bei den Lesern Friede und Freude erzeugen kann, dann bin ich zufrieden. Die Eierkuchen müssen sie schon selbst backen ;-) Ich denke "Ethik ist eingebaut - Religion ist eingebracht" 'Connecting Cultures' ist meine Aufgabe. 'Helfe um geholfen zu werden' ist mein Motto.
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20 Antworten auf Eine gefühlte vollkommen gefüllte Leere…

  1. Regina Boger sagt:

    Eine Antwort von Rumi:

    Alles, was du siehst, hat seine Wurzeln
    in der unsichtbaren Welt.
    Die Formen ändern sich,
    doch die Essenz ist die gleiche.
    Jedes süße Wort wird verklingen,
    jeder schöne Anblick verblasst.
    Doch sei nicht verzagt.
    Die Quelle, aus der es entspringt, ist ewig,
    wächst, verzweigt sich,
    bringt neues Leben und neue Freude.
    Warum weinst du?
    Die Quelle, aus der es entspringt, ist in DIR,
    und die ganze Welt
    sprudelt daraus hervor.
    Die Quelle ist voll,
    ihre Wasser fließen für immer;
    trauere nicht,
    trinke, soviel du willst!
    Denn sie wird niemals austrocknen,
    dies ist der endlose Ozean.
    Rumi

  2. Regina Boger sagt:

    Ein Gedicht des Mytikers Rumi at mich gerstern erreicht, hier ist es:

    Alles, was du siehst, hat seine Wurzeln
    in der unsichtbaren Welt.
    Die Formen ändern sich,
    doch die Essenz ist die gleiche.
    Jedes süße Wort wird verklingen,
    jeder schöne Anblick verblasst.
    Doch sei nicht verzagt.
    Die Quelle, aus der es entspringt, ist ewig,
    wächst, verzweigt sich,
    bringt neues Leben und neue Freude.
    Warum weinst du?
    Die Quelle, aus der es entspringt, ist in DIR,
    und die ganze Welt
    sprudelt daraus hervor.
    Die Quelle ist voll,
    ihre Wasser fließen für immer;
    trauere nicht,
    trinke, soviel du willst!
    Denn sie wird niemals austrocknen,
    dies ist der endlose Ozean.
    Rumi

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  5. suresh sagt:

    Danke sehr liebe Irina für deine freundliche Zeilen. Dass du die Leere nicht verstanden hast ist absolut nicht schlimm. Wichtig ist, dass es dir gefallen hat und du die Atmosphäre fühlen konntest, das freut mich.

    Auch ich wünsche dir einen guten Rutsch ins neue Jahr.
    Vielleicht findest Zeit für einen tezere-Beitrag. Wie du weißt, jeder Beitrag, der zwischen Weihnachten 2014 und Neujahr auf tezere gepostet wird, wird mit indischem Gaumengenuß im Restaurant Kashmir beschenkt ;-)

  6. FC Frauke van den Berg sagt:

    Tief an-u.- berührend geschrieben, Suresh. Vollkommen angefüllte Leere……..Ort wo Alles und Nichts füllt und IST!

  7. Kunigunde Klepper sagt:

    schön, beruhigend, wenn mir auch ein wenig lebensfremd

  8. Bärbel M. sagt:

    Ich habe es mit Spannung gelesen… wunderschön geschrieben… auch wenn sich meine innere Leere so ganz anders anfühlt, stelle ich fest, dass man auch diese Leere vielleicht irgendwann mal füllen kann. Danke Suresh… das nenne ich Völkerverständigung…

  9. Waltraud Berndt sagt:

    Eine wunderschöne Geschichte , die berührt und wohltut, und mir fallen dabei die Worte “Erinnerung ist das Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann!” ein.

    Danke!

  10. Edith Zeile sagt:

    Danke, Suresh, für das Geschenk zum Jahresübergang. Ich habe jahrelang diese Gayatri in Puttapartjhi gesungen. 25 Jahre habe ich Weihnachten immer im Ashram von Sai Baba verbracht.
    Dort habe ich viel mehr von der urchristlichen Lehre verstehen können. Sicher hat Indien die reichste spirituelle Literatur der ganzen Welt.

    Oft haben wir im Ashram auch nur eine halbe Stunde lang das OM gesungen, auch morgens um 5 im alten Tempel. Das Video hat die alten Erinnerungen wieder heraufbeschworen. Danke

    • suresh sagt:

      Freut mich sehr, liebe Edith Zeile, dass dir meine Zeilen gefallen. Du warst im Ashram von Sai Baba, also in Bangalore. Ich bin ein Bangalorean, da habe ich meine Jugend und College Zeiten verbracht. Meine Mutter war Anhängerin von Satya Sai Baba, ich war’s nicht, vielleicht weil sie es war Heute heißt die Stadt ‚Bengeluru‘. Nächste Woche hoffe ich dort zu sein wenn alles klappt und danach nach Kanyakumari auf Padayatra (http://walkofhope.in/) aber nur die erste Etappe.

      Deine sieben geistigen Prinzipien des Lebens habe ich so eben entdeckt, die ersten Zeilen sind geistreich, fesselnd und zwingen mich weiter zu lesen, aber ich muss mich ablösen, denn die Abreise rückt näher… aber ich werde mir Zeit nehmen es ein anderes Mal zu lesen.

      Du schreibst: ‚Dort habe ich viel mehr von der urchristlichen Lehre verstehen können.‘
      Das wird mich wahnsinnig gern interessieren. Bitte schreibe darüber und ich denke, es wird uns vielen auch interessieren.

      Zum Korrekturlesen der obigen Zeilen fehlt mir die Zeit, bitte verzeiht …

      Hier kopiere ich die Links über Gayatri Mantra:

      Wie lautet der Text des Gayatri Mantras?
      http://befreiung.at/fragen-antworten…mantra.html

      Gayatri Mantra inklusive Bedeutung – Musikvideo auf Youtube

      Gayatri (Sanskrit. f., गायत्री, gāyatrī, die weibliche Form von gāyatra (Hymnus)), bezeichnet im Hinduismus die bedeutendste vedische Hymne, das Gayatri-Mantra.
      http://de.wikipedia.org/wiki/Gayatri_Mantra

      Freie Übersetzung des Gayatri Mantras:
      http://www.yoga-vidya.de/Yoga–Artik…ayatri.html

      Das Gayatri-Mantra ist ein universelles Gebet
      http://www.sein.de/spiritualitaet/ga…sprung.html

      Wie funktioniert ein Mantra?
      http://germanblogs.de/gayatri-mantra…nd-wirkung/

      Meditatives Singen – Lieder der Kraft
      http://www.yoga-massage.ch/Mantras-G…ntras.html#

  11. Rainer Kernspecht sagt:

    wunderbar geschrieben !!!!

  12. Gerlinde A. sagt:

    Schön geschrieben, man fühlt sich mitten drin, nimmt sogar den Duft des Tees wahr und fühlt sich auf sonderbare Weise selber erfüllt von einer Stille und wohltuenden Ruhe….

    • suresh sagt:

      Danke Gerlinde, es freut mich besonders, dass du den Duft des Tees wahrnehmen könntest, das ist schön und zeigt, die Erinnerung ist zeitlos.

  13. Renate Rathmann sagt:

    Gewiss, eine Kultur, die uns hier sehr fremd ist. Erst dieser Tage gab es wieder eine Doku über den Ganges und was sich an seinen Ufern an Leben abspielt. Interessant, befremdlich, teilweise bizarr, sehr anders eben.
    Aber eine Doku zu sehen oder etwas von jemanm persönlich erzählt zu bekommen, der sich wirklich auskennt, ist eben doch etwas anderes.
    Fein, dann freue ich mich, wenn Du wieder was schreibst. Dann wünsche ich Dir eine gute Reise und komm heile wieder.

    PS: Das Mantra ist sehr schön!

    • suresh sagt:

      Freut mich, dass das Mantra dir gefällt und danke für die guten Wünsche. Einen guten Rutsch und Start in das neue Jahr 2015 wünsche ich dir und den allen anderen auch.

  14. suresh sagt:

    Danke Renate, ich werde versuchen nach meiner Rückkehr aus der alten Heimat mehr zu schreiben. Meine Tante lebt leider nicht mehr aber ich hoffe andere Familienmitglieder im selben Dorf zu treffen. Es sind wunderbare, liebevolle, traditionsreiche und verantwortungsvolle Menschen aber leider auch sehr orthodox in kulturelle Handlungen.

  15. Renate R. sagt:

    Alles ist sehr bildhaft beschrieben, sodass ich als ‘Mäuschen’ Deiner Tante zusehen kann.

    Es wäre schön, noch mehr von Dir zu lesen zu bekommen.

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