Von Küssen und Orangen

Manche Menschen zahlen 20 Millionen Dollar für eine Weltraumfahrt. Doch es geht auch anders. Jedes Mal, wenn ich an die Tür der Familie Erdem klopfe, betrete ich ein anderes Universum. In diesem Universum werde ich bereits an der Türschwelle von einer Sängerin aus dem gemischten Satellitenunterhaltungsprogramm am Nachmittag begrüßt. Sie singt fast ausschließlich über Liebe – das habe ich mir schon erklären lassen. Es muss verflossene Liebe oder Sehnsucht sein, denn sie macht ein schmerzverzerrtes Gesicht; ihr Blick ist nicht mehr im Studio, sondern in einem schlimmen Traum, in dem ihr Liebster sie sitzengelassen hat. Es riecht nach Essen, nach vier Wänden, nach Mutterliebe und Hausmannskost.

Ich bin Nachhilfelehrerin, ach was, ein Nachhilfelehrerlein. Meine Möglichkeiten sind begrenzt: zwei Nachmittage in der Woche für zwei Schulstunden sollen die Grundschulempfehlung der Erdem-Kinder gerade rücken. Ich tue was ich kann. Begrüßt werde ich, als ob Atatürk persönlich das Wohnzimmer der Erdems betritt. Alle lächeln. Vater Erdem steht vom Nachmittagssofa auf und gibt mir die Hand. Ich habe das Gefühl, die Kinder stehen Spalier. Die kleine Sibel ist aufgeregt. Ich bin die Deutschlehrerin, eine Fremde, aber ich habe dunkles Haar. So wie ihre Mutter, ihre Schwester. So wie sie. Sie tänzelt von einem Bein auf das andere und wieder zurück. Ich werde durch das Wohnzimmer gehuscht; die TV-Sängerin wirft mir noch einen schmerzerfüllten Blick hinterher.

TeeIm Erdem-Universum gibt es Tee. Er ist schwarz und bitter und wird in kleinen Kristallgläsern serviert, kaum dass ich mich neben meinen Nachhilfeschüler Ilkan niedergelassen habe. Zwei Zuckerstücke liegen bereit; ich habe gelernt, sie mir auf die Zunge zu legen und mit dem Tee nachzuspülen. Erst im Abgang merke ich, wie wunderbar dieser Tee ist – nur gezuckert muss er sein. Ich glaube, ich bin in diesem Hause als Süßmaul verschrien. Mit dem Tee werden türkische Kekse serviert, die ich alle genüsslich verputze. Und wenn mich Frau Erdem, Mutter und Schattenregierung in einem, verhätscheln will, tischt sie zwei Stückchen Baklava auf. Als ich ihr erkläre, was Verhätscheln heißt, und dass sie genau das mit mir macht, verdeckt sie mit der Hand ihren Mund. Ich weiß, dass sie dahinter schmunzelt – und zurück in der Küche gluckst sie vielleicht sogar.

Ilkan ist neun und hat die Mentalität eines Kinder-Paschas, er will mich ganz für sich allein. In Deutsch hat Ilkan Schwierigkeiten; aber in Mathe, da wäre er ein Ass, wenn er nur die Textaufgaben verstehen könnte! Das hat seine Lehrerin gesagt. Nicht einmal Mathe kommt ohne Deutsch aus, so ein Käse… Ich komme seinetwegen, doch die kleine Sibel wieselt um uns herum wie um einen Weihnachtsbaum. Manchmal hat Ilkan Probleme, einen Satz zu verstehen, daran ist dann allein Sibel schuld, weil sie viel zu laut um uns herumschleicht. Dann wird die Mutter gerufen, damit sie Sibel salomonisch aus dem Zimmer holt.

Doch Ilkan ist jetzt in eine Matheaufgabe vertieft, eine ohne Buchstaben, und braucht meine Aufmerksamkeit nicht. Sibel wittert ihre Chance. Sie fasst in meinen Kurzhaarschnitt und sagt: „Warum sind deine Haare so kurz? Meine Haare sind länger, kuck!“ Und dann fährt sie sich mit der Hand übers Haar. Ich kann Sibel schlecht erklären, dass ich das zum Abschluss meiner Magisterarbeit beschlossen hatte, mir im Übrigen auch ein neues Parfüm zugelegt hatte und jetzt überhaupt ein ganz neues Leben für mich beginnt! „Ich wollte mal was ganz Neues ausprobieren, was Frisches!“ sage ich. Sibels Blick verrät mir, dass ich mir die Haare wohl für immer amputiert habe, ganz ohne Grund und mit dem Ergebnis, dass ich wie ein frisch geschorener Schulbub aussehe. Sie fährt sich nochmal durchs Haar und lässt eine Bombe auf mich platzen: „Bist du verliebt?“ Ich sage ja. (Ein bisschen verliebt bin ich immer.) „In einen Jungen?“ Großer Gott, ja. Sibel holt aus: „Ich sage deiner Schwester, dass du ihn geküsst hast.“ – „Meiner Schwester ist das egal.“ Sibel ist verunsichert. Ihre Drohung scheint nicht zu fruchten.

Küsse„Dann sag ich deiner Mutter, dass du ihn geküsst hast!“ – „Nur zu, meine Mutter freut sich, wenn ich ihn küsse.“ Sibels Kindergesicht verfinstert sich vor Entrüstung: „Allah…!“ Was für ein Flittchen, muss sie sich gedacht haben. Ich fühle, wie ich vor einer Siebenjährigen rot anlaufe und sage Ilkan, er soll sich ein bisschen beeilen, in den Klassenarbeiten muss er schließlich auch schneller arbeiten.

Die Lehrstunde ist zu Ende. Frau Erdem bringt meine Jacke und schaut zufrieden auf das brav verputzte Tablett. Sie freut sich wie eine Schneekönigin über die 2-3 ihres Ilkan in Mathe; eine Zwei könnte ihn in die Realschule hinüberretten, sagt sie. Bevor ich gehe, drückt mir ihr Mann eine Kiste voller Orangen in die Hand. Für die gute Note, sagt er. Ich bedanke mich mehrmals, die Erdems danken auch. Unser Dank hallt durchs ganze Treppenhaus. Sibel rennt mir hinterher und passt auf, dass ich es zum Auto schaffe. „Du kommst doch wieder, gell? Und dann kommst du meinetwegen!“ Sie lacht und rennt zum Haus zurück. Ich nicke und lege den Gang ein. Mein Auto riecht nach Orangen.

akrizano, Mai 2013

Über akrizano

Ein Stückwerk aus kroatischen Eltern, bosnischen Wurzeln und schwäbischen Spätzla, weit gereiste und unerschrockene Geschichtenerzählerin
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