Montag:

Zuerst sah ich es. Ist das nicht immer so? Ich ging ins Wohnzimmer an unseren Frühstückstisch. Und da entdeckte ich es. Es hing an der gegenüberliegenden Wand. Mich erinnerte es an ein riesiges grünes Spinnennetz, das mit seinen Fäden die gesamte Fläche der Wand einnahm. Immer wieder wechselte es den Farbton: Hellgrün. Moosgrün. Dunkelgrün. Ich wandte mich zu meiner Frau um.

Sag mal Vicki, siehst du das?“

Sie beschmierte ein Brot mit Butter und sah auf. Ihre schwarzen Haare waren zu einem kunstvoll geflochtenen Zopf gebunden, der ihr über die rechte Schulter hing.

Was denn?“ Vicki schob das Brot in den Mund. Ihr Kiefer knackte beim Kauen

Na dieses Ding da.“ Ich deutete auf die Stelle. „Das Ding an der Wand.“

Zuerst sah sie auf die Stelle. Dann wieder zu mir, schüttelte den Kopf und kaute weiter wie eine grasende Kuh. Ich winkte ab, gesellte mich zu ihr und richtete mir ein Käsebrot.

Dienstag:

Am zweiten Tag war das Ding an der Wand immer noch da. Bedeckte den Seerosenteich von Monet. Doch jetzt war das Wohnzimmer zusätzlich von einem lauten Pochen erfüllt. Es hörte sich an wie der Herzschlag eines gigantischen Tieres. Vicki saß wieder am Tisch und aß. Ab und zu nippte sie an ihrem Tee.

Wurde ich langsam verrückt? War es das? Ich sah Vicki an. Doch ihre braunen Augen waren auf den Tisch gerichtet. Ich beschloss nichts zu sagen und setzte mich zu ihr. Doch das Pochen sollte sich bis in die Nacht fortsetzen, bis hinein in unser Schlafzimmer.

Mittwoch:

Auch am dritten Tag war das Ding noch da. Und mit ihm das Pochen, das mich die ganze Nacht wach gehalten hatte. Während Vicki neben mir schnarchte. Jetzt war das Wohnzimmer von diesem Geruch durchzogen. Es roch nach Ammoniak. Der Gestank war widerlich. Nicht nur das, das Ding an der Wand da war und pochte. Jetzt stank es auch noch. Vicki war bereits aus dem Haus und ich verschwand auch so schnell wie möglich. Den ganzen Tag beschäftigte mich das Ding an der Wand.

Donnerstag:

Ich würde mich niemals an dieses Ding an der Wand gewöhnen. Egal, wie oft ich es sehen würde. Es verstörte mich. Der Gestank und das Pochen machten mich wahnsinnig. Und jetzt legte sich dieser Geschmack auf die Zunge. Entrollte sich wie ein dreckiger Teppich. Es schmeckte wie Seetang mit ganz viel Salz. Ich bekam mein Frühstück kaum herunter. Vicki sah mich komisch an, doch sagte nichts.

Freitag:

Vicki ist heute früher aus dem Haus. Mittwochs und Freitags. Ich sitze am Tisch und sehe zu dem Ding an der Wand. In meinem Inneren ist ein Drang entstanden, dem ich nicht widerstehen kann. Als ob ein Jagdhund seine Beute wittert. Ich muss es berühren, also stehe ich auf und gehe langsam hinüber. Mir kommt es plötzlich so vor, als ob das Ding an der Wand stärker pulsieren würde und die Farbwechsel schneller sind. Mir dröhnt das Pochen in den Ohren, und der Gestank und Geschmack sind intensiver. Stück für Stück gehe ich näher heran. Ich strecke meine Hand aus. Vorsichtig berühre ich das Ding. Es fühlt sich wie Hartgummi an. Seltsam und warm. Beinahe ist es ein heißes, brennendes Gefühl. Das pulsieren überträgt sich auf meine Hand, dann den Arm und schließlich den ganzen Körper. Jetzt dröhnt das Pochen in meinem Inneren. Ich ziehe die Hand zurück und da sehe ich es zuerst. Ist das nicht immer so? Ein kleines grünes Spinnennetz ist auf der Innenfläche meiner Hand. Pulsiert. Wechselt den Farbton.

Samstag:

Das Ding an meiner Hand wird größer und größer. Es hat bereits den ganzen Arm eingenommen, und ich weiß, dass es noch weiter wachsen wird. Ich kann spüren wie es sich ausbreitet. Es seine Fäden über meinen Körper spannt, bis es mich ganz bedeckt hat und von mir nichts mehr übrig ist, genauso wie von dem Seerosenteich von Monet. Jetzt sitze ich in einer Bar. Zuhause halte ich es nicht mehr aus. Das Pochen, der Gestank und der Geschmack auf meiner Zunge. Als ich meinen Weinbrand hinuntergestürzt habe, gehe ich aus der Bar und rempele jemanden an.

Hau ab“, schreie ich und taumele weiter. Draußen dämmert es. Und dann kann ich es zuerst sehen. Ist das nicht immer so? Es erhebt sich direkt vor mir, streckt sich in den Himmel um an den Wolken zu kratzen. Lichter spiegeln sich in den unzähligen Fenstern des Hochhauses. Hier und da sind die Fenster selbst erleuchtet. Ich bleibe stehen und sehe an dem Gebäude hinauf. In mir entsteht ein Plan. Ein Gedanke. Ein Trick. Doch noch bin ich noch nicht so weit.

Sonntag:

Ich merke, dass mich das Ding verändert. Es will mich beherrschen. Noch ist der Einfluss, den es auf mich ausübt schwach. Bilder von gewaltigen, nicht von Menschenhand erschaffenen Städte tauchen in meinem Geist auf. Bizarre Landschaften, die ich noch niemals in meinem Leben gesehen haben. Etwas in der Art existiert nicht auf der Erde, da bin ich mir sicher.

Wenn ich mich nackt im Spiegel sehe, bemerke ich wie es sich ausbreitet. Mein rechter Arm ist bereits komplett mit den grünen Fäden bedeckt und kaum noch zu sehen. Auch ein Teil meiner Brust ist befallen. An meinem Hals kann ich die ersten grünen Fäden entdecken. Was wird aus mir gemacht? Es erinnert mich an einen Pilz, der seine Fäden durch einen morschen Baum treibt.

Vicki hält mich für verrückt und ist zu ihrer Schwester gezogen. Wieso sehe ich dieses Ding, und andere nicht? Immer öfters taucht sich die Welt in falsche Farben. Rosa. Violett. Gelb.

Von zu Hause bin ich wieder geflüchtet. Das Pochen und der Gestank machen mich wahnsinnig. Ich gehe in den Park, setze mich auf eine Bank, um Nachzudenken. Ich muss es aufhalten, bevor ich ganz verwandelt bin und es die Kontrolle über mich hat. Jetzt bin ich soweit. Der Plan ist fertig. Ich werde das Ding an der Wand austricksen.

***

Ich stehe auf der Dachkante eines Hochhauses. Wolkenfetzen treiben am blauen Himmel umher wie eine Armada Kriegsschiffe. Unter mir kann ich den Verkehr rasen hören. Ich rieche die Abgase und kann den Wind auf meiner Haut spüren. Mein Mund ist trocken. Der Bericht ist geschrieben und auf meinem Schreibtisch. Sie werden mich für verrückt halten. Ja, das werden sie. Vicki tut es bereits. Doch wenn ich den letzten Schritt über die Kante mache, wird mir alles egal sein. Denn ich habe das Ding an der Wand ausgetrickst.

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2 Antworten auf

  1. suresh sagt:

    Es ist gruselig aber spannend.

    • Björn Suender sagt:

      Hallihallo lieber Suresh,
      ich danke Dir, für Deinen Kommentar. Ich weiß nicht, ob Du H.P.Lovecraft kennst (wenn nicht, bitte, bitte lesen), ich wurde von diesem Horroschriftsteller inspiriert. Das Ding an der Wand ist ähnlich, wie die Geschichte von Lovecraft: Die Farbe aus dem All. Schöne Grüße

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